Ausstellung in der Galerie Urs Meile: 
Ein Vorstoss zur Utopie der Stadt

Die indische Künstlerin Tanya Goel beschäftigt sich in ihren Bildern und Skulpturen mit ihrer Heimatstadt New Delhi. Und das passiert so mathematisch wie politisch.

Susanne Holz
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Die indische Künstlerin Tanya Goel inmitten ihrer aktuellen Werke, zu sehen bei Urs Meile.                                                Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 14. November 2019)

Die indische Künstlerin Tanya Goel inmitten ihrer aktuellen Werke, zu sehen bei Urs Meile.                                                Bild: Dominik Wunderli (Luzern, 14. November 2019)

Strenge und Freiheit. Kontrolle und Intuition. Struktur und Chaos. Die indische Künstlerin Tanya Goel vereint in ihren Steinskulpturen und ihren grossformatigen Malereien Gegensätze. Geboren 1985 in New Delhi, befasst sich Goel mit der Struktur von Städten, ihren Grundrissen, den Veränderungen, welchen diese Städte unterworfen sind: In New Delhi werden Wohnüberbauungen für Familien aus den 60er- und 70er-Jahren abgerissen. «Die moderne Stadt bricht mit der Vergangenheit», sagt Tanya Goel. Und: «New Delhi ist ein Kreis, und zugleich ein Raster.»

Goel spricht von postmoderner Heimatlosigkeit. Studiert hat sie unter anderem in Chicago, einer Stadt, deren Raster sie nie sonderlich mochte: «Chicago schränkt ein», sagt die Künstlerin. Nach einem Jahrzehnt im Ausland kehrt Tanya Goel in ihre Heimatstadt zurück. Und gestaltet fortan in ihrer Kunst ihr eigenes Universum. Sie spielt mit Algorithmen, um die Struktur ihrer Heimatstadt grossflächig darzustellen: mit Kreisen, Linien und viel Farbe, die sie teils selber im Labor entwickelt.

«Farbe ist zugleich Fakt und Fiktion»

«Farbe ist zugleich Fakt und Fiktion», findet Goel, die aus einer Textilfamilie stammt. In ihren Bildern setzt die 34-Jährige, deren Werke sich unter anderem in den Sammlungen des Philadelphia Museum of Art und der UBS Bank Zürich befinden, oft textile Fragmente ein, die das Licht auf andere Weise absorbieren als Farbpigmente es tun.

Dass Goel eine politische Künstlerin ist, zeigt sich gerade in ihren Steinskulpturen: Die Steine waren Teil öffentlicher Wohnbauten, die privaten Bauprojekten weichen mussten, was die ärmere Bevölkerung zum Verlassen der Stadt zwingt. So sind diese Skulpturen auch ein Bild für das Scheitern der Utopie der Moderne. Goel versieht die Baufragmente, die Spuren alter Farbe tragen, mit neuer Farbe: spontane Intervention und kalkulierte Ordnung treffen sich. Als Annäherung an eine Utopie.

Hinweis

Tanya Goel: «Equations in a Variable». Galerie Urs Meile Lucerne, Rosenberghöhe 4. Noch bis zum 1. Februar 2020. Geöffnet Dienstag bis Freitag, 10 bis 18 Uhr. www.galerieursmeile.com