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Ungewöhnlicher Auftakt für ein Jazzfestival: Ein Werk, das Grenzen sprengt

Ein Auftragswerk des Luzerner Komponisten Stephan Hodel eröffnet das 30. Schaffhauser Jazzfestival. Mit dabei sind die Brassband Bürgermusik Luzern, ein Jazz-Saxophonist, Jodlerinnen und Alphörner.
Pirmin Bossart
Der Luzerner Komponist Stephan Hodel. (Bild: Dennis Yulov/PD)

Der Luzerner Komponist Stephan Hodel. (Bild: Dennis Yulov/PD)

Das Schaffhauser Jazzfestival ist die Werkschau des aktuellen Schweizer Jazz. Zuverlässig wird hier jedes Jahr ein Querschnitt durch das zeitgenössische Schaffen von Jazz-und Impromusikern aus der ganzen Schweiz geboten.Die 30. Ausgabe eröffnet mit einem Werk, das die Grenzen des engeren Jazzbegriffs sprengt und ein breiteres Publikum ansprechen will. Der Auftakt mit der Auftragskomposition von Stephan Hodel findet im Münster statt: Die evangelische Kirche von Schaffhausen ist der grösste romanische Sakralbau der Schweiz.

«Ich wurde angefragt, eine Jubiläumskomposition für eine Brassband zu schreiben, die im Münster aufgeführt werden sollte», umreisst Stephan Hodel die Ausgangslage für seinen Auftrag. In der Folge ging er in Zusammenarbeit mit den Festival-Verantwortlichen daran, die Idee zu konkretisieren und ein Konzept auszuarbeiten. Das Resultat ist die 45-minütige Komposition «consonare – resonare». Sie verwebt Brassbandmusik, (Jodel-)Gesang und Jazz. Zur 33-köpfigen Brassband Bürgermusik Luzern gesellen sich die Stimmen von Barbara Berger, Franziska Wigger und Bernhard Betschart, zwei Alphörner (Bruno Zemp, Roger Konrad) sowie der Berner Jazz-Saxophonist Marc Stucki (Le Rex, Skyjack).

Der Luzerner Komponist ist ein Crossover-Spezialist. Er ist international breit vernetzt und bekannt für eine Vielzahl von Werken, die aus einem breiten stilistischen Fundus schöpfen. Er hat mit Symphonieorchestern, einer Rockband (Dada Ante Portas), mit Big Bands oder dem English National Ballet gearbeitet, aber auch Werbemusik geschrieben. Nach dem Studium an der Musikhochschule Luzern (Schulmusik, Blasmusikdirektion) setzte er seine Ausbildung am Berklee College of Music in Boston und am Royal College of Music in London fort. Nach 12 Jahren Tätigkeit in London lebt er seit einem Jahr wieder in der Schweiz.

Akustik mit zehn Sekunden Nachhall

Zur grundlegenden Herausforderung für Hodel gehört bei diesem Werk der Umgang mit der Akustik des Raumes. «Die Kirche hat einen Nachhall von zehn Sekunden. Das hat einen direkten Einfluss auf das Komponieren. Aber wie das Ganze mit Publikum wirklich klingt, weiss ich erst, wenn das Werk aufgeführt wird.» Überraschendes sei nicht ausgeschlossen. Trotzdem findet es Hodel grossartig, dass dieses Projekt eine Portion Ungewissheit zulässt. Zudem eröffnet ihm dieses Setting die Möglichkeit, die Beteiligten in verschiedenen Konstellationen im Raum zu verteilen, Klänge herauszufiltern oder wandern zu lassen und so mit der Akustik zu spielen. Aufgrund des langen Nachhalls konnte der Komponist nicht die üblichen Register von rhythmischen Finessen und dynamischen Akkordwechseln ziehen, sondern fokussierte sich auf eine verlangsamte und tonmässig reduzierte Partitur.

Eröffnet wird der Abend mit einem Solorezital des Saxophonisten Marc Stucki, der wiederum in der zweiten Hälfte des Werkes dazustossen wird. Die Komposition fängt mit einem geräuschhaften Teil an und verzweigt sich dann in unterschiedliche melodische Ausformungen, in denen die Brassband, die Stimmen und die Alphörner in Aktion treten und sich verbinden.

Bestimmte Formen ausgedacht

Er habe bei der Erarbeitung dieses Werks kaum am Klavier improvisiert und komponiert, sondern sich zuerst bestimmte Formen ausgedacht und diese dann mit Tonmaterial angereichert. «Das habe ich in dieser Art noch nie gemacht. Insofern hat mich das auch selber bereichert.» Klangliche Kontrapunkte setzen die Stimmen, die stark mit den Blechblasinstrumenten verwandt sind. Hodel hat nicht alles auskomponiert. Er lässt den Bläsern und den Stimmen oft gewisse (aleatorische) Freiheiten. «Es gibt Sequenzen, in denen ich ein bestimmtes Tonmaterial vorgebe, das sie selber variieren können.»

Die drei Stimmen haben unterschiedliche Backgrounds. Barbara Berger ist auch in experimentellen Kontexten zu Hause, Franziska Wigger kommt von der Klassik und vom Jodelgesang her, Bernhard Betschart ist ein urtümlicher Naturjuuzer aus dem Muotatal. «Mich hat vor allem interessiert, mit der Technik der Jüzlis neue Tonleitern zu erschliessen. Anderseits lassen sich die Alphörner gut mit den Mallets (Marimba- und Vibrafon) der Brassband verweben», nennt Hodel einige Spezialitäten seines Werks.

Ein Generalist zwischen den Stühlen

In den letzten Jahren hat sich Hodel mit seinem gezielten Networking und seiner Vielseitigkeit eine gute Basis geschaffen. «Ich habe viel gesät, sodass ich jetzt langsam aber sicher ernten kann.» 2018 realisierte er für die Lancierung des neuen Flugzeugs PC-24 das Orchesterwerk «Ein musikalischer Alpenflug» mit den Lucerne Festival Strings im KKL Luzern. Auch in China hat er seine Fühler ausgestreckt. Im Juni wird in Peking ein Kinderkonzert von ihm uraufgeführt. Daneben ist er immer mal wieder in der Brassmusikszene aktiv. «Ich bin ein Generalist. Mich faszinieren verschiedene Musikstile. Zudem bin ich auch an Sprachen, Geschichte und Politik interessiert», hält Hodel fest. «Als Spezialist würde man wohl stärker wahrgenommen. Aber es stimmt für mich.»

22. Mai, 19.30 Uhr, Schaffhauser Jazzfestival (22. bis 25. Mai) www.jazzfestival.ch

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