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Kabarett im Kleintheater:
Ein Wirrkopf und viele Fragen

Joachim Rittmeyer präsentiert im Luzerner Kleintheater sein Programm «Neue Geheimnische».
Romano Cuonz
Rittmeyer verbindet alltägliche Blödeleien mit tiefschürfender Ironie. Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 11. September 2019)

Rittmeyer verbindet alltägliche Blödeleien mit tiefschürfender Ironie. Bild: Eveline Beerkircher (Luzern, 11. September 2019)

Einen ganz normalen Kabarettabend verspricht Joachim Rittmeyer auf seinem Flyer. Und wirklich: Zum Ende der Vorstellung erhalten Besucher – am Ausgang des Luzerner Kleintheaters – auch noch einen ganz normalen, saftig roten Apfel. Man beisst hinein und mag es kaum glauben, dass es wirklich zwei Stunden gewesen sind, in denen man diesem Wirrkopf aus St.Gallen mit den vielen Gesichtern gebannt an den Lippen gehangen hat. Und dabei Mal für Mal staunte, wie er fantasierte und radebrechte. Philosophierte gar – bald hintersinnig, bald unsinnig.

Apropos ganz normales Kabarett: Auch im aktuellen Programm mit dem Titel «Neue Geheimnische» verzichtet Joachim Rittmeyer – abgesehen von einem Handy und einigen Hintergrundgeräuschen – auf jegliche technischen, digitalen Effekte oder Projektionen. Er bleibt sich und seinen Kultfiguren treu. Mit von der Partie sind wiederum der unbedarfte Dichter Leupi (mit dem unverkennbaren Duktus Frank A. Meyers). Der auf seltsamste Art lösungsorientierte grüne Theo Metzler. Oder, als Experte für alles und jedes, Jovan Nabo mit dem ungarischen Akzent.

Obwohl diese Figuren mit ihrem Schöpfer gealtert sind, haben sie nichts von ihrer skurrilen und gleichzeitig heilsam verwirrenden Kompliziertheit eingebüsst. Nach wie vor schweifen sie von allen Themen weit ab. Nur, um – fürs Publikum meist unerwartet und plötzlich – den wunden Punkt umso empfindlicher zu treffen. Rettungslos vertrackt lässt sich Rittmeyer über Adams und Evas Apfel im Paradies aus. Und stellt dann lakonisch fest, was davon bis heute übrig geblieben ist: nämlich bloss das «Bitschgi» und der Stiel! Sein lapidares wie überraschendes Fazit daraus: Die «Urfrage» nach dem «Wie und Warum» ist offenbar bis heute ungeklärt geblieben.

Ohne technischen Schnickschnack

Auch wenn Joachim Rittmeyer auf technischen Schnickschnack verzichtet: Eine erneut verblüffende Idee für den Auftritt seiner Kultfiguren hat er auch beim nunmehr 21. Programm. Bauer Roman Zemp, der bloss den Batteriealarm in seinem Kornfeld überprüfen wollte, blieb dort bewusstlos liegen. Um ihn herum ein mysteriöser Kornkreis. Seither ist er Komapatient. Um ihm eine Abwechslung zu bieten, nimmt ihn Rittmeyer, als seltsames Faktotum, mit auf die Bühne. Ab und zu murmelt oder stöhnt der Gastschläfer hinter dem blauen Paravent. Alles in allem ist das eine völlig absurde Ausgangslage für einen, wie er sagt, «ganz normalen Kabarettabend».

Die Frage, wo einem denn so etwas schon einmal vorgekommen sei, erübrigt sich. Doch gerade dieser Patient und seine unglaubliche Geschichte bieten dem Kabarettisten tolle Chancen. Herrlich, wie er die doofen Fragen der Reporter – und die noch dooferen Antworten eines Dorfpolizisten – an der Pressekonferenz zum tragischen Ereignis im Kornfeld karikiert.

Eine Stärke, die Joachim Rittmeyer auf der Schweizer Kabarettszene Einmaligkeit verleiht, ist seine Fähigkeit, in geradezu schleppendem Sprachtempo vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen. Aber aufgepasst: Gerade die scheinbar alltäglichsten Blödeleien gipfeln oft und unverhofft in bitterer Ironie oder gar blankem Zynismus. Etwa, wenn er begleitet von ohrenbeleidigenden Tönen auf seinen Ziehharmonikas dadaistische Bauernregeln wiedergibt.

Überhaupt bringt Rittmeyer das Publikum manchmal mit einer ganz simplen Frage bös ins Grübeln. Will etwa wissen: «Warum sagt der Mensch dem Tier immer Du?» Auch weniger tiefschürfende Gags, die das Publikum vor Lachen den Bauch halten lassen, gibt es im neuen Programm: So, wenn er als typischer «Reporter-­Schnurri» einem begabten Fussballer mit Balkanslang eine so matchentscheidende Frage wie: «Was dachten Sie, als sie das erste Tor erzielten?», stellt. Natürlich rein nichts! Übrigens: Eine Antwort, gar nicht so viel klüger oder dümmer als die gespreizten Aussagen von Dichter Leupi, wenn es um den tieferen Sinn seiner unsäglichen Dichtkunst geht!

Kleintheater Luzern: Joachim Rittmeyer, «Neue Geheim­nische». Weitere Aufführungen: 13. und 14. September 20 Uhr.

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