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Kommentar

Streit um St.Galler Kulturpreis – Milo Raus Abrechnung mit dem Stadtrat

Milo Rau äussert sich zu den Querelen um die Vergabe des St.Galler Kulturpreises, die er eine "beschämende Posse politischer Unkultur" nennt. Er greift insbesondere Stadtpräsident Thomas Scheitlin an.
Von Milo Rau
Der St.Galler Regisseur Milo Rau, hier während der Proben zur Inszenierung "Lenin", die vergangenen Oktober an der Schaubühne Berlin Premiere feierte. (Bild: KEYSTONE/DPA/Jörg Carstensen)

Der St.Galler Regisseur Milo Rau, hier während der Proben zur Inszenierung "Lenin", die vergangenen Oktober an der Schaubühne Berlin Premiere feierte. (Bild: KEYSTONE/DPA/Jörg Carstensen)

Es gibt wohl für jeden Künstler einen Augenblick, an den er sich sein Leben lang erinnert. Im Jahr 1990 sass ich in der ersten Reihe im St.Galler Stadttheater, als Niklaus Meienberg den Kulturpreis der Stadt erhielt. Meienberg nutzte die Preisverleihung für einige derbe Scherze, aus den Worten des Mannes, der in Zürich, Paris und vielen anderen Orten gelebt hatte, sprach aber auch die tiefe Liebe zur Stadt seiner Kindheit.

Neben mir in der ersten Reihe sass mein Grossvater, Dino Larese, der im Gegensatz zu Meienberg eher konservativ war. Er hatte Martin Heidegger und Thomas Mann in die Ostschweiz geholt und die «St.Galler Sagen» verfasst, die ich am Hadwig las, damals noch eine Primarschule. Politische Literatur, wie Meienberg sie verfasste, gefiel ihm nicht.

Eine Konstellation, die heute wohl kaum mehr denkbar wäre

Und trotzdem war mein Grossvater ein Freund von Niklaus Meienberg, zusammen debattierten sie über Gott und die Welt. Eine Konstellation, die heute wohl kaum mehr denkbar wäre: Mein Grossvater war ein früher SVP-Wähler, Meienberg für damalige Verhältnisse linksradikal. Beide verehrten den St.Galler Reformabt Beda, der noch vor der Französischen Revolution die Leibeigenschaft abgeschafft hatte.

Nicht lange, bevor Meienberg sich das Leben nahm, schenkte er seinem Freund ein Bild des grossartigen Abtes. Mein Grossvater schenkte es mir, und noch heute hängt es über meinem Schreibtisch.

Was ist die Botschaft des Stadtpräsidenten?

Ja, das waren die 90er-Jahre, und meine Heimatstadt war damals so liberal, dass sie dem Welt- und Wutbürger Meienberg ihren Kulturpreis zuerkannte. Als ich vor einigen Monaten durch einen Artikel in «Saiten», dessen Kolumnist ich lange Jahre gewesen bin, erfuhr, dass der St.Galler Stadtrat mir den gleichen Preis verweigerte, wunderte ich mich.

Als ich etwas später erfuhr, dass ich – wie ein Mitglied der Kulturkommission in dieser Zeitung bekanntgab – «der einzige dem Stadtrat vorgeschlagene Name» gewesen sei und dieser sogar nach mehreren klärenden Gesprächen darauf beharrte, mir den Preis auf gar keinen Fall zu verleihen, war ich empört.

Und als schliesslich die halbe Kulturkommission zurücktrat, denn ihre Arbeit und der Kulturpreis seien durch diesen Entscheid des Stadtrats komplett «desavouiert» worden: Da fragte ich mich, was wohl die Botschaft des ­Stadtpräsidenten hinter all dem für mich, für die Kultur, für St.Gallen sein könnte.

Es ist völlig normal, dass man den einen Preis bekommt, den anderen nicht

Seit mehreren Generationen ist meine Familie Bürger der Stadt St.Gallen, und seit bald zwanzig Jahren werden meine Theater-, Film- und Buchprojekte mal von der St.Galler Kulturkommission gefördert, mal nicht. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, überhaupt nach den Gründen zu fragen. Es ist völlig normal, dass man die eine Förderung oder den einen Preis bekommt, den anderen nicht.

Mit dem – übrigens ebenfalls von der Stadt St.Gallen geförderten – Film «Das Kongo Tribunal» verpasste ich knapp sowohl den Schweizer wie auch den Deutschen Filmpreis. Die Mehrheit der jeweiligen Akademiemitglieder hatten sich nun mal für einen anderen Film entschieden, und ich freute mich für die Preisträger.

Denn demokratische Kultur ist ein Ort der Debatte, nicht des Konsenses. Als ich am Stadttheater mein Projekt «City of Change» machte, stritt ich mich mit allen möglichen Leuten. Darunter auch Nino Cozzio, ein feinsinniger, humorvoller Kunstkenner, in dessen Büro ich viele Stunden debattierte.

Auch beim St.Galler Kulturpreis war sich die Kulturkommission, so hört man, nicht einig. Es gab Diskussionen, am Ende aber einigten sie sich und schlugen dem Stadtrat meinen Namen vor.

Und das ist hier die Besonderheit:

Wenn unsere Regierung bereit ist, über die Leiche einer unabhängigen Kommission zu gehen, nur um im Alleingang einen Preisträger zu verhindern, dann ist das für das laufende Jahrhundert nicht nur eine St.Galler, sondern eine Schweizer Premiere.

Ein ähnlicher Vorgang sei ihm hierzulande zuletzt aus dem Kalten Krieg bekannt, sagte mir ein angesehener Basler Kulturpublizist. Und als ich mit meiner 10-jährigen Tochter, die in der Schule gerade die Grundregeln des liberalen Rechtsstaats vermittelt bekommt, Pingpong spielte und ihr von der Sache erzählte, sagte sie mir: «Das haben doch nur die Könige gemacht, und die Könige sind tot.»

2011 inszenierte Milo Rau am Theater St.Gallen die Kunst- und Politaktion "City of Change". (Bild: Theater St.Gallen)

2011 inszenierte Milo Rau am Theater St.Gallen die Kunst- und Politaktion "City of Change". (Bild: Theater St.Gallen)

Die Grundregeln der Gewaltenteilung wurden in den Müll getreten

Es stellt sich hier also ganz grundsätzlich die Frage, warum die Verhinderung meiner Person der St.Galler Regierung so wichtig war, dass dafür nicht nur die liberale Tradition des St.Galler Kulturpreises in den Müll getreten werden musste, sondern die Grundregeln der Gewaltenteilung gleich mit.

Eine Möglichkeit wäre, dass unser Stadtpräsident – zum Beispiel von Konstanz, das mir vor zwei Jahren freundlicherweise den Konstanzer Konzilspreis verliehen hat – dafür bezahlt wurde, den Ruf unserer Stadt nachhaltig zu «beschädigen», wie der «Tages-Anzeiger» schreibt.

Es kann aber auch sein, dass Herr Scheitlin, der eigentlich als eher zurückhaltender Mensch gilt, den Verlockungen der Präsidialdiktatur und ihrem anti­liberalen Ungeist erlegen ist – er soll ja bereits 1990 gegen den Kulturpreis an Meienberg intrigiert haben, so heisst es aus Politikerkreisen.

Der Stadtpräsident formuliert es Erdogan-mässig

Seine Meinung zu alldem jedenfalls ist hinlänglich bekannt, er hat sie in den letzten Monaten in mehreren Anhörungen und auch allen interessierten Medien mitgeteilt: Schuld sind nicht die, die unseren Kulturpreis in Hinterzimmer-Mauscheleien «kraft ihres Amtes», wie der Stadtpräsident es Erdogan-mässig formuliert, entwürdigt haben. Schuld sind die, die sich dagegen wehren.

Dass unser Stadtpräsident diese Haltung vertritt, obwohl ihm unterdessen absolut niemand mehr darin folgt, zeigt nur eines: die bedauerliche Mafia-Logik eines Denkens, gemäss welcher der Schuldige nicht der Verbrecher selbst, sondern jener ist, der das Schweigegelübde bricht.

Denn natürlich weiss Herr Scheitlin, dass der nun schweizweit bekannt gewordene Vorgang, der jede Form von Kunstfreiheit und Demokratie in der Ostschweiz vor aller Augen ad absurdum geführt hat, besser geheim geblieben wäre.

Und erst durch all diese über Monate fortgesetzten Versuche, die Affäre zu vertuschen, während derer der kulturelle Wert meiner Arbeit und von Theater überhaupt für St.Gallen, die Herkunft meiner Familie und alles Mögliche hinterfragt wurden, wurde aus der Verleihung des Kulturpreises eine beschämende Posse politischer Unkultur.

Das Beunruhigendste ist aber: Es gehört in St.Gallen noch immer Mut dazu, solche Dinge öffentlich zu debattieren. Hätten aber die Kommissionsmitglieder ihr «Kommissionsgeheimnis» nicht gebrochen, so wären nun nicht nur der Kulturpreis, sondern auch die St.Galler Kulturförderung insgesamt desavouiert.

Und es stellt sich die Frage: Wie will nach alldem unser Stadtrat die «Kraft seines Amtes» noch steigern? Niklaus Meienberg den St.Galler Kulturpreis posthum aberkennen, weil er alle möglichen Ostschweizer Schweigegelübde gebrochen hat und sowieso viel zu viel unterwegs war? Die legale Grundlage ist sicherlich gegeben. Oder die Statue des aufmüpfigen Reformators Joachim von Watt von seinem Sockel reissen, da er 20 Jahre in Wien lebte und sich un-st.gallerisch «Vadianus» nannte?

Schon klar:

Eigentlich sollte ich den Mund halten und darauf vertrauen, dass ich den Preis in ein paar Jahren doch noch bekomme; das schreiben immerhin die Journalisten.

Aber wer weiss, ob der St.Galler Stadtrat bis dahin nicht den von ihm völlig entwürdigten Kulturpreis längst abgeschafft hat – und die Kulturkommission gleich mit. Das dadurch gesparte Geld könnte er in den Ankauf dekorativer Kupferstiche für seinen Sitzungssaal investieren. Auf ihnen wären die jeweils in der vorangegangenen Legislaturperiode verkauften und niedergerissenen Jugendstilschmuckstücke unserer Stadt zu sehen. Denn Kultur ist wichtig!

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