Film
Eine Erinnerung bedroht die Familie

Mit «Small World» wurde nun auch Martin Suters Romandebüt verfilmt – auf Französisch. Dass Martin Suters Romane filmisch adaptiert würde, war bereits klar, als der erste erschien.

Von Marco Guetg
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Ihr gängiger Plot, Suters Gespür für Dialoge und Dramaturgie und sein szenisch strukturiertes Erzählen lockten geradezu. Dennoch verstrichen seit «Small World» zwölf Jahre, bis der erste Spielfilm ins Kino kam. Den Anfang machte 2009 allerdings der 2004 erschienen Roman «Lila, Lila». Regie führte der Zürcher Alain Gsponer.

Wiederum in der Regie von Alain Gsponer kam dieses Jahr mit dem Berner Stefan Kurt in der Hauptrolle «Der letzte Weynfeldt» als TV-Film in die Stuben. Und nun also Suters Debüt «Small World» und mit einem Sprung über die Sprachgrenze: Der französische Regisseur Bruno Chiche hat diese kriminalistische Geschichte zu einem kurzweiligen Familiendrama verdichtet und mit Gérard Depardieu, Nathalie Baye und Alexandra Maria Lara hochkarätig besetzt. Suters Romanstoffe sind definitiv in der internationalen Filmwelt angelangt.

Sind es Schuldgefühle?

Das Leben des übergewichtigen Konrad Lang (Gérard Depardieu) ist seit früher Kindheit mit der wohlhabenden Industriellenfamilie Senn verknüpft.

Doch sie hält den etwas einsamen Sonderling fern. Konrad schaut zur Ferienresidenz der Senns, bis er eines Tages aus Unachtsamkeit einen Brand entfacht.

Seiner Bleibe beraubt, sucht er die Familie Senn in ihrem herrschaftlichen Schloss auf, um von seinem Patzer zu berichten. Dort aber platzt in die Hochzeitsfeier des Jungchefs und Erbens Philippe (Yannick Renier) ein.

Konrad wird zum Pflegefall

Er wird hinauskomplimentiert, als Hausmeister aber nicht entlassen. Die resolute Seniorin Elvira (Françoise Fabian) will das so. Konrad wird vielmehr als Pflegefall in einen eigens für ihn eingerichteten Pavillon mit privatem Pflegepersonal einquartiert. Weshalb? Ist es Mitleid? Oder sind es gar Schuldgefühle?

Nur die junge Simone (Alexandra Maria Lara) – sie hat soeben den Senn-Erben Philippe geheiratet – kümmert sich um Konrad. Ihr wird allmählich klar, dass Konrad mehr über die Familie und ihre Vergangenheit weiss, als was dieser recht ist.

Konrad passieren Missgeschicke. Er verwechselt Namen, vergisst Sachen, ist desorientiert. Sein Gegenwartssinn wird immer verwirrter. Nur sein Langzeitgedächtnis wird immer präziser. Und das bedroht die Familie, insbesondere Elvira.

Mordversuch

Simone wird neugierig. Mit- hilfe alter Fotos, die sie heimlich aus Familienalben kopiert, hofft sie, das Langzeitgedächtnis von Konrad zu aktivieren. Das Ergebnis ist überraschend und für Elvira Senn so bedrohlich, dass sie versucht, den schlafenden Konrad Lang mit einer Insulininjektion zu töten.

Das gelingt nicht und wir erfahren bei dieser Gelegenheit, dass die alte Dame eine gewisse Übung im Umgang mit tödlichen Spritzen zu haben scheint...

Das klingt dramatisch und das ist es im Grunde auch. Aber eine dramatische Dynamik hat der Film dennoch nicht. Man fühlt sich in diesen eineinhalb Stunden vielmehr wie in einem wohlklimatisierten Intercity davongetragen.

Auch Depardieu dabei

Man friert nicht, heiss wird einem aber auch nicht. Handlung wie Spiel erhalten eine gewisse Leichtigkeit. Daran «schuld» ist auch Gérard Depardieu, der seine Korpulenz mit einer anrührenden Zartheit verbindet. Er ist das liebenswerte Riesenbaby und somit der perfekte Kontrast zu den machthungrigen und durch und durch zerstrittenen Mitgliedern des Firmenclans.

Keine Figur wird verurteilt

Bemerkenswerte Bilder beschert uns auch die Kamera. Immer wieder findet Thomas Hardmeier wunderschöne Einstellungen für Gefühlslagen, Ereignisse, Konstellationen: den gefrorenen See auf dem Familienanwesen, die riesigen Flure und Gemächer, in denen die Figuren sich belauern und voreinander verbergen...

Keine der Figuren wird moralisch verurteilt, mag sie noch so jämmerlich, skrupellos oder kriminell agieren. Das verleiht dem Film einen wohltuend entspannten und menschenfreundlichen Grundton.

Mord, Krankheit und Intrigen: Das klingt nach Krimi. Gerade das aber hat Bruno Chiche aus diesem Stoff nicht gemacht. Es ist vielmehr eine sensible und atmosphärisch dichte Verfilmung. Man unterhält sich, bewegt sich im feudalen Ambiente dieser Industriellenfamilie und merkt: Wenn es ans Lebendige geht, wird selbst Weitläufigkeit eine Small World.

Small World (F/DE 2010) 93Min. Regie: Bruno Chiche. Mit: Gérard Depardieu, Alexandra Maria Lara u.a. Ab 23. Dezember im Kino.