Bühne
Hör-Theater im Südpol mit einer Inszenierung aus dem Mutterleib

Groupe Nous zeigt im Südpol mit «Kassandras Baby» eine Theaterinstallation, die fast zur Gänze im Dunkeln spielt.

Emilia Sulek
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Bild: Corinne Glanzmann (Kriens, 21. Oktober 2018)

Das Telefon muss draussen warten, da drinnen keine externen Lichtquellen erlaubt sind. Mit einem Schritt betreten wir eine mobile Erlebnisbox, die mit ihren vier Sitzgelegenheiten einem Vehikel ähnelt. Anstatt einer Handbremse gibt es eine Notfalltaste: Falls etwas passiert, sollen wir klingeln. Die Tür schliesst sich und der Raum versinkt in Dunkelheit.

So beginnt die Reise zu einem Ort, an den sich keiner erinnern kann: den Mutterleib. Was macht man dort, ausser körperliche Gestalt anzunehmen? Wird man wie ein unbeschriebenes Blatt geboren? Oder nimmt man Gesprächsfetzen auf, die durch den Bauch hörbar sind? Diese und andere Fragen stellen sich in «Kassandras Baby», einer Theaterinstallation von Groupe Nous, die seit Dienstagabend im Luzerner Südpol zu sehen ist.

Experiment mit Text und Klang

Das Theaterkollektiv Groupe Nous experimentiert mit Text und Klang im dunklen Raum. Hier gibt es keine Schauspielenden, die im Rampenlicht auf der Bühne stehen. Es ist ein Hör-Theater, bei welchem der Sehsinn unterdrückt und das auditive Erleben geschärft wird.

Kassandra hiess die altgriechische Weissagerin, der niemand zuhören wollte. Dasselbe passiert der modernen Kassandra von Groupe Nous. Sie trägt ein ungewolltes Kind in sich. Das Baby spricht zu ihr und lässt sie die Zukunft spüren. Wieder hört niemand zu, weil sie eine Frau oder weil sie schwanger ist, oder weil man den siebten Sinn nicht beweisen kann.

Die Inspiration zu dem Stück stammte aus Ian McEwans Roman «Nussschale», erklärt Patrick Slanzi, der das Kollektiv zusammen mit Jonathan Bruckmeier gründete. Darin lässt Mc­Ewan einen menschlichen Fötus die Hamlet-Geschichte erzählen. In «Kassandras Baby» greifen Katja Brunner und Martina Clavadetscher diese Idee auf. Sie schrieben einen mehrstimmigen Text, in dem Kassandra, ihr Kind und andere Personen zu Wort kommen. In ihren Gesprächen spiegelt sich unsere Gesellschaft wider. Sie lassen uns über die Banalität der menschlichen Begegnungen reflektieren, aber auch die normative Kraft des Kollektivs spüren. Wir hören nur die Stimmen, die Gestalten bleiben unserer Vorstellung überlassen.

Beispiellose Klangwelt

Dank des 3D-Audio-Systems, das Groupe Nous entwickelte, taucht das Publikum in eine beispiellose Klangwelt ein. Besteck klimpert, ein Auto hupt, ein Telefon klingelt. Die Stimmen lachen und flüstern. Wir sind mitten im Geschehen, obgleich subtile Fruchtwassergeräusche uns daran erinnern, dass wir im Mutterleib sind. Fast intim fühlt sich die Dunkelheit an. Die Wahrnehmung konzentriert sich voll und ganz auf das Gehör. Nur hin und wieder blitzen Lichtimpulse an den Wänden auf, wie leuchtende Sterne am Himmel. Die Dunkelheit bewegt die Fantasie. Fehlende Szenen sind dem Kopfkino überlassen, oder wir verzichten auf sie und tauchen in die Welt der inneren Dialoge ein.

«Kassandras Baby» reist durch die Schweiz. Im Südpol feierte das Stück seine 100. Aufführung und ist dort noch bis Sonntag zu sehen. Wer gerade keine Zeit für ein aussergewöhnliches auditives Theatererlebnis hat, kann hoffen, dass sich Groupe Nous im Herbst wieder mit demselben Stück auf den Weg macht.

Infos zu den genauen Daten und Tickets unter www.sudpol.ch