Theatergesellschaft Stans: Eine Komödie wagt sich an ein heikles Thema

Mit «Der Selbstmörder» präsentiert die Stanser Theatergesellschaft ein gewagtes Stück. Doch die bereits zweite Produktion dieser Saison darf mehr Risiko beinhalten – auch finanziell. Der Spagat zwischen Komik und Nachdenklichkeit gelingt.

Irene Infanger
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Eigentlich fehlt es uns an nichts. Wir haben zu essen und trinken, eine gute Infrastruktur, viel Luxus und noch mehr Möglichkeiten. Und doch kann das Leben eines Einzelnen rasch aus dem Gleichgewicht fallen. Etwa dann, wenn dieser arbeitslos wird.

So geschehen dem Protagonisten der bereits zweiten Produktion des Stanser Theaters in diesem Jahr. Semjon (gespielt von Urban Riechsteiner) ist arbeitslos und hadert mit dem Leben. Im Streit mit seiner Frau Maria (Michèle Durrer) rutscht ihm ein Satz über die Lippen, der für Unheil und abstruse Situationen sorgt. Während sich seine Frau und deren Mutter (Rosmarie Strahberger) sorgen, er könnte sich erschiessen, und ihn von diesem finalen Schritt abhalten wollen, möchten andere ihren Nutzen aus seinem Tod ziehen und unterstützen ihn gar in diesem Vorhaben.

Ein heikles Thema für Komik

Nur, eigentlich will sich Semjon gar nicht umbringen. Doch gewisse Versprechungen – etwa jene des Politikers Dominik (Bärti Müller), welch wertvollen Beitrag er durch seinen Tod für die Gesellschaft leiste und dadurch ­Berühmtheit erlange – sind zu verlockend. Er, der arbeitslose Semjon, der plötzlich wieder gebraucht wird. Wenn es aber darum geht, sich tatsächlich den «goldenen Schuss» zu geben, wird es schwierig – und das Leben plötzlich wieder lebenswert.

In den ersten Minuten des Stücks – das Ehepaar Semjon und Maria liegen noch im Bett und beginnen zu streiten – werden bereits die ersten Lacher aus dem Zuschauerbereich vernommen. Und es werden noch viele folgen. Denn «Der Selbstmörder» ist im Widerspruch zum Titel eine Komödie, die amüsiert und unterhält. Obwohl es am Anfang mit überspitzt lustigen Einlagen den Anschein erweckt, ist das Stück kein «Schenkelklopfer». Es geht um die Werte unserer Zeit: Reichtum, Anerkennung, Macht und die Gier danach, verdeutlicht an komischen und sogleich absurden Situationen. Und darum, wie fragil das alles wirklich ist.

Das Stück schrieb 1928 Nikolai Erdman, ein in Moskau geborener Sohn baltendeutscher Eltern. Es wurde in der Sowjetunion zunächst verboten und erst 1982 uraufgeführt. Regisseurin Claudia Bühlmann hat das Stück der heutigen Zeit angepasst, mit dem Fokus auf das Schauspielerische und weniger auf die Ausstattung. Es ist eine besondere Herausforderung an die Akteure, vor allem jene mit wenig Bühnenerfahrung. So gibt es lange und temporeiche Dialoge. Die Lu­zernerin, die international als Regisseurin tätig ist und an Universitäten und pädagogischen Hochschulen lehrt, verleiht den Figuren psychologische Tiefe. Bemängeln könnte man einzelne leisere Stimmen, deren Worte nicht ganz deutlich bis in die hintersten Reihen zu vernehmen waren.

Anspruchsvolles Zweitstück, das «nicht rentieren muss»

Nach der erfolgreichen Inszenierung des Musicals «Little Shop of Horrors» wagte sich die Theatergesellschaft mit «Der Selbstmörder» an eine zweite Produktion dieser Saison. Ein «gewaltiger Aufwand», wie Präsident Freddy Businger nach der Premiere am Samstag meinte. «Das liegt nur alle 10 bis 15 Jahre drin.» Hinter diesen Zweitproduktionen stehe die Idee, Stücke zu zeigen, die keine Kassenschlager, dafür aber in ihrer Umsetzung anspruchsvoll sind. Es gehe darum «Raum für intensives künstlerisches Schaffen und kulturelle Entwicklung zu geben».

Als Hauptproduktion würde ein solches Stück ein Loch in die Kasse reissen. Das Zweitstück aber, so Businger, «muss nicht rentieren». Und: «Wir wollen immer wieder anders sein. Sodass die Zuschauer gespannt sind, was als Nächstes kommt.» Am Schluss sei der Applaus Lohn für die vielen Stunden Arbeit, welche die rund 100 Mitwirkenden leisten. Und die Hoffnung, dass das Stück nicht nur unterhält, sondern auch berührt. Das ist gelungen.

«Der Selbstmörder» wird bis Mitte Juni noch siebenmal aufgeführt. Tickets gibt es via www.theaterstans.ch oder unter 041 610 19 36.