Eine Luzernerin in Hollywood: Andrea Isenschmid erzählt vom Leben mit und ohne Pandemie

Europäerinnen sind ihre Nische. Für ihren Kurzauftritt in der HBO-Serie «Westworld» musste Andrea Isenschmid «99 Luftballons» von Nena singen.

Regina Grüter
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Ob Star oder nicht, für einmal geht es allen 300'000 Schauspielern in Los Angeles gleich. Momentan läuft nichts; die nächsten Wochen, wenn nicht Monate sind sehr ungewiss. So auch für Andrea Isenschmid.

Schauspielerin, Filmemacherin, Model, Ozean-Aktivistin: aktuelles Foto aus der Model-Mappe von Andrea Isenschmid.

Schauspielerin, Filmemacherin, Model, Ozean-Aktivistin: aktuelles Foto aus der Model-Mappe von Andrea Isenschmid.

Bild: PD

Es ist fast genau vier Jahre her, seit wir letztmals direkt mit der gebürtigen Luzernerin gesprochen haben. Sie seien gerade eine Woche nach Big Bear in den Wald abgehauen, antwortet sie am 19. März auf unsere Anfrage per Messenger. Big Bear Lake ist eine Stadt in den San Bernardino Mountains, die nur zwei Stunden von Los Angeles entfernt liegen. Ein kühles Reiseziel mit Kiefernduft auf etwas über 2000 Metern. Mit «wir» meint Andrea Isenschmid sich, ihren Mann und die drei Hunde.

Am Set mit «Breaking Bad»-Star Aaron Paul

Wir verabreden uns zum Telefongespräch. Es ist Mittwoch, der 25. März, in L.A. 9 Uhr morgens, bei uns 17 Uhr abends. Sie sei erstaunt, dass Leute in der Schweiz immer noch Zug fahren würden, sagt sie. «Wir können im Garten Sonne tanken und lassen uns die Lebensmittel nach Hause liefern.» Am Sonntag sei sie letztmals draussen gewesen – um ihren Schweizer Pass zu erneuern.

Wir wollen von der Schauspielerin in Hollywood wissen, wie sich ihr Leben mit dem Virus verändert hat. Die Coronakrise ist eine globale und wirkt sich auf die verschiedenen Branchen gleich aus. Und doch gibt es feine Unterschiede. «Auf mich und meine Kollegen, ja die ganze Filmindustrie hat das unmittelbare Auswirkungen», sagt Andrea Isenschmid.

Hollywood sprach schon vor Wochen von Einbussen in der Höhe von 20 Milliarden Dollar. Da verhält es sich jenseits des Atlantiks nicht anders als bei Zodiac Pictures in Luzern: Die Termine sind cancelled, rescheduled oder postponed, die englischen Wörter für abgesagt, neu angesetzt und verschoben. Die ganze Filmindustrie ist komplett unterbrochen, zumindest über weite Teile. Dass ihr Mann, Arnold, in der Postproduktion arbeite, sei momentan sehr hilfreich: «Er ist für die Special Effects zuständig und arbeitet von Montag bis Freitag», sagt Isenschmid. «Einer der wenigen Jobs, die man noch genau gleich machen kann.»

Juli 2019: Andrea Isenschmid spielt eine Russin.

Juli 2019: Andrea Isenschmid spielt eine Russin.

Bild: PD

«Die Schauspielgewerkschaft in Los Angeles hat allen Schauspielern empfohlen, sich bei der kalifornischen Arbeitslosenkasse anzumelden», erklärt sie. Das hat sie nun, zum ersten Mal überhaupt, gemacht – kein leichtes Unterfangen bei 20 verschiedenen Arbeitgebern pro Jahr. Wie geht Andrea Isenschmid damit um? Das Filmemachen sei sonst schon eine Lotterie, meint sie. Aber die Schweizerin ist kein Kind von Traurigkeit und die Schauspielerei nach wie vor ihr grosser Traum. Und zwar in Hollywood, wo sie seit sechs Jahren lebt, und nirgendwo sonst.

«In meinem Business passiert nichts auf dem normalen Weg. Was auch immer das heisst.»

Auch hat sich in ihrer Karriere seit 2016 einiges getan, worauf sie stolz sein kann. Die Rolle in «Westworld» sei eines ihrer Highlights, sagt sie. In der ersten Episode der dritten Staffel, «Parce Domine» wurde in den USA am 15. März ausgestrahlt, spielt sie unter dem Namen Andrea Martina Isenschmid die «German Singer», eine deutsche Sängerin. Sie klärt uns auf: «Ich musste vorsingen, ‹99 Luftballons› von Nena.» Am Mittag noch am Babysitten, wurde sie für denselben Abend zu den Dreharbeiten aufgeboten, an der Seite von «Breaking Bad»-Star Aaron Paul. «Ich dachte, ich träume. In meinem Business passiert nichts auf normalem Weg», schliesst sie. «Was auch immer das heisst.» Der Auftritt hat ihr gehörig Auftrieb gegeben und lohnt sich auch finanziell – sie bekommt für jede Ausstrahlung der Episode Tantiemen.

Andrea Isenschmid hat sich in den letzten vier Jahren zunehmend aufs Schauspiel fokussiert, während sie am Anfang ihrer Karriere auch in Filmkollektiven tätig war und im Kurzfilmbereich Erfahrungen im Drehbuchschreiben, Regieführen oder der Produktion sammelte.

Heute mache sie das nur noch, wenn sie eine Durststrecke durchlaufe. Wie jetzt? «Ja, ich versuche an einem Script zu arbeiten», sagt sie. Vor allem aber treffe sie sich die ganze Zeit mit Schauspielkollegen über Skype zum «Table-Read». «Wie heisst das noch mal?» – «Leseprobe.» Um nicht aus der Übung zu kommen, lesen sie zusammen bestehende Drehbücher. Oder sie skypt mit der Improvisationsgruppe. Die Wahlkalifornierin muss des Öfteren nach dem deutschen Begriff suchen. Ihre Mama, die immer noch in Luzern lebt, mache sich gerne über ihren leichten englischen Akzent lustig, erzählt Isenschmid amüsiert.

Agenten vermitteln ihr wöchentlich E-Castings

Eben hat die 28-Jährige ein Performance Capture für ein Videogame abgeschlossen, das im Oktober rauskommen soll; das bedeutet, ihre Bewegung und ihre Mimik wurden digitalisiert, um damit eine digitale Figur zu erzeugen. Auch mit Modeln verdient sie Geld, wenn im Schauspielbereich nicht viel läuft.

Aber seit sie verschiedene Agenten hat, die sie unterstützen, wird sie öfter zu Castings eingeladen. Besonders, da sie eine Nische für sich gefunden hat: «Seit ich mich auf europäische Akzente konzentriere, läuft alles viel besser», sagt Isenschmid. «Es dauerte so lange, bis ich das realisiert habe.» Ihre Agenten vermitteln ihr auch jetzt wöchentlich E-Castings, das heisst, die Schauspielerin schickt ein Video mit der angeforderten Szene an die Agentur.

In diesem Geschäft muss man sich irgendwie von den anderen abheben. Französin, Osteuropäerin. In «Westworld» spielte sie eine Deutsche, im Videogame eine Holländerin. Und trat sie früher noch als Prinzessin an Kindergeburtstagen auf, während andere kellnerten – was ja nun auch nicht geht –, bietet sie heute Kindern privaten Deutschunterricht an.

Wer will denn in den USA Deutsch lernen und wieso?, fragt man sich. Sie lacht: «Zum Beispiel ein zehnjähriges Mädchen, das einen Nachbarn hat, der Deutsch spricht. Das übt auf sie eine grosse Faszination aus.» Eine Aufgabe, die dank Skype auch in Zeiten von Corona noch möglich ist und ihr einen kleinen Verdienst einbringt. «Sonst habe ich immer das Gefühl, alle ausser mir hätten Arbeit», lacht Andrea Isenschmid. Was der Filmbranche überall auf der Welt gleichermassen zu schaffen macht, ist die grosse Unsicherheit. «Was wird passieren, wenn die Krise überstanden ist?», fragt sich die Schauspielerin.

Sieht sie in der Krise auch Positives? Sie freue sich über den klaren Blick aufs Meer, sagt sie. Einmal im Monat reinigt Isenschmid zusammen mit anderen Freiwilligen den Strand von Abfall. Das «silver lining», der Silberstreif am Horizont, ist für sie, dass der Umwelt für einmal eine Verschnaufpause gegönnt werde. «Je länger die Krise dauert, desto grösser ist die Chance, dass sich wirklich etwas ändert», sagt sie. «Sonst gehen die Leute schnell wieder zum Alltag über.»

Am 4. April schreibt sie, für sie persönlich habe sich auch mit der dramatischen Verschärfung der Covid-19-Situation für das ganze Land nichts Wesentliches geändert. Aber es gebe immer noch Leute, welche die Lage nicht genügend ernst nehmen und sich frisch-fröhlich draussen treffen.

Ökologisch von Nordosten nach Südwesten unterwegs

Die Reise entlang der Route 66 von Chicago nach Santa Monica, die Isenschmid letztes Jahr mit ihrer Mutter unternommen hat, hat sie nach ökologischen Kriterien fotografisch dokumentiert: Wie umweltbewusst sind die wirtschaftlichen Betriebe?, fragte sich dabei die Umweltaktivistin. Daraus will sie nun eine Mappe kreieren. Jetzt ist die Zeit, eigene Ideen umzusetzen, die sich übers Jahr ansammeln. Und als Schauspielerin heisse es, «kreativ bleiben mit modernen Devices». «Wie sagt man noch mal?» Wir einigen uns auf «Kommunikationsmittel».

Mehr auf www.imdb.com unter «Andrea Martina» Isenschmid. Andrea Isenschmid im Interview mit «Voyage LA»: http://voyagela.com/interview/meet-andrea-martina-andrea-martina-greater-los-angeles-area-hollywood/. Zum Kurzfilmprojekt «Good Things Last» zusammen mit der Schweizer Regisseurin Yangzom Brauen: http://www.schweiz2291.ch/en/#shorts. Zum Covid-19-Kurzfilmwettbewerb: http://www.48hourfilm.com/at-home/challenge. Andrea Isenschmid auf Instagram: https://www.instagram.com/andreamartinai/