Zwei Mal unglückliche Liebe und eine Männerbeichte: Matthias Politycki kehrt im neuen Roman nach Afrika zurück

Vor 26 Jahren ging Matthias Politycki knapp am Tod vorbei. Nun erzählt er im neuen Roman von verlorener Liebe und Männerfreundschaft am Kilimandscharo.

Peter Henning
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Matthias Politycki.

Matthias Politycki.

Bild: © Mathias Bothor/photoselection

Zwei Männer erzählen einander von der grossen unglücklichen Liebe ihres Lebens. So oder so ähnlich liesse sich der Inhalt von Matthias Polityckis neuem Roman «Das kann uns keiner nehmen» knapp umreissen. Fügt man die Schlagworte «Kiliman­dscharo», «Blutvergiftung» und «Aids» hinzu, um die sein Roman in den entscheidenden Momenten kreist, so erhält die nunmehr dreizehnte Prosaarbeit des 1955 in Karlsruhe geborenen Erzählers augenblicklich jene faszinierende Mehrdimensionalität, die sie zu einer seiner zweifellos besten macht.

Denn wo dieser Autor in früheren Arbeiten auf bisweilen allzu panoramatisches Erzählen setzte, da erweist er sich im Vorliegenden als geradezu lakonischer Verknapper, der seinen in Form kurzer Kapitel getakteten Roman dadurch immer neu gekonnt beschleunigt.

Versuche, mit Vergangenem ins Reine zu kommen

Im Zentrum des sich vor der atemberaubenden Kulisse des Kilimandscharo entrollenden Romans stehen die beiden, einander am Berg begegnenden Männer Hansi und Tscharli; zwei, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten – und die doch in den entscheidenden Momenten der Erzählung jeder für sich gerade daraus den grösstmöglichen Erkenntnisgewinn beziehen. Hansi, der in Hamburg lebende Schriftsteller, versucht auf dem Kilimandscharo, dem Dach Afrikas, endlich mit seiner Vergangenheit ins Reine zu kommen; einer Liebesgeschichte, die ihn eben dort 25 Jahre zuvor fast das Leben gekostet hätte. Ihm gegenüber der immerzu Sprüche klopfende Urbayer Tscharli, der aidskrank im Endstadium seine letzten Kapriolen am Fusse des Berges schlägt – und darüber Hansi zum Begleiter seiner Reise in den Tod werden lässt. «Eine Woche Abschiedstour mit meinem Freund, Hansi, abgemacht! Und am nächsten Samstag dann die Fahrt zurück nach Moshi, ich gleich weiter zum Flughafen, er ins Krankenhaus.»

Gemeinsam treten sie eine Reise ins 500 Kilometer südöstlich des Kilimandscharo gelegene Daressalam an – und es wird für beide eine Reise in die Vergangenheit und in den Schmerz: Tscharli enthüllt Hansi nach und nach die Liebes- und Sterbegeschichte seiner grossen Liebe Kiki, während Hansi ihm im Gegenzug von Mara, seiner einstigen grossen Liebe und Begleiterin auf seiner ersten Kilimandscharoreise erzählt, die ihn rettete – und anschliessend verliess. «Ich hatte diese Geschichte noch nie erzählt, warum sollte ich sie ausgerechnet ihm erzählen? War es nicht besser, sie auch morgen und übermorgen und den Rest meines Lebens zu vergessen?»

Der Autor wäre in Afrika vor 26 Jahren fast gestorben

Zuletzt, 2013, hatte Politycki im Rahmen seines im Jahr 2026 spielenden Riesenromans «Samarkand Samarkand» die Geschichte des Grenzgängers Alexander Kaufner entrollt, der in Usbekistan nach einer geheimen Kultstätte sucht. Nun hat der Hamburger Autor einen atmosphärisch dichten Deutschlandroman vor afrikanischer Kulisse vorgelegt, der seine besondere Kraft aus einer vor einem Vierteljahrhundert gemachten Reiseerfahrung bezieht, über die es in der Vorbemerkung heisst: «Um ein Haar hätte dieses Buch nie geschrieben werden können. Denn vor fast 26 Jahren wurde ich während einer Reise in Zentralafrika krank; wäre ich am 21. Dezember 1993 nicht ausgeflogen und, kaum in München gelandet, sofort in den OP-Saal gebracht worden, ich wäre gestorben. Es hat lange gedauert, bis ich dieses für mich so einschneidende Ereignis im Rahmen eines Romans verarbeitet habe.»

Sechsundzwanzig Jahre später nun liegt er vor: als Geschichte einer rückwirkenden Selbstbefragung – und des Zweifels an den besten menschlichen Substanzen, nämlich Gefühlen, Gedanken und der Fähigkeit zur Vernunft. Darüber hinaus erweist sich der Roman auch als Chronik einer am Ende geglückten Selbstbefreiung aus allzu lange festsitzenden Denkfesseln. Vorgeführt am Beispiel zweier Männer, die viel zu lange in jenem lähmenden Zwischenzustand verharrten, der sie weder das Alte abschliessen – noch das Neue befreit davon beginnen liess.

Buchhinweis
Matthias Politycki: Das kann uns keiner nehmen. Roman, Hoffmann&Campe, 302 Seiten.

Zwei Mal unglückliche Liebe und eine Männerbeichte: Matthias Politycki kehrt mit seinem neuen Roman nach Afrika zurück

Vor 26 Jahren ging Matthias Politycki knapp am Tod vorbei. Nun erzählt er im neuen Roman von verlorener Liebe und Männerfreundschaft am Fuss des Kilimandscharo.

Peter Henning
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