Bühne
Performance im Südpol: Eine meditative Verbeugung vor der Gravitation

Das besinnliche «Stück für die Schwerkraft» im Südpol wandelt zwischen Installation und Performance.

Stefan Welzel
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Nachthimmel oder Grossstadtlichter? Ein Blick in «Stück für die Schwerkraft».

Nachthimmel oder Grossstadtlichter? Ein Blick in «Stück für die Schwerkraft».

Bild: Stefan Welzel

Zunächst ist da die Stille. Rund fünf Minuten lang. Was wir sehen: Hunderte Glaskugeln liegen auf dem Boden vor den Zuschauerrängen verteilt. Das ist der besinnliche Einstieg in die Performance «Stück für die Schwerkraft», einer schweizerisch-französischen Co-Produktion der Theaterkollektive ultra und ensemble flashback, die am Mittwoch im Südpol Premiere feierte und die kommenden drei Abende bis Samstag noch zu sehen ist.

Kurz nach dem unkonventionellen Start beginnt ein Mitglied des Kollektivs, die Kugeln einzusammeln. Es geschieht im Dunkeln. Wir hören das Rascheln der Perlen im Sammelbeutel. Erinnerungen an die Kindheit kommen hoch, als man mit den Glaskugeln auf der Strasse um die Abflussgullys herum spielte.

In dieser Performance sitzt man zunächst quasi in einer Blackbox, fast ohne Sicht. Wie in der Wissenschaft muss man erahnen, was genau geschieht. Und wir sitzen mittendrin. Die Macher des Stücks schreiben im Programmheft von einer minimalistischen Zeit-Raum-Inszenierung, machen sogar Ausflüge in die Philosophie zu den Existenzialistinnen, die vom «In-die-Welt-geworfen-sein» sprechen.

Die Installation wird zur Soundmaschine

Das Aufpicken der vielen Kugeln dauert einige Minuten, was in der Tat an Camus’ Sisyphos erinnert, der den immer gleichen Stein fortwährend den Hügel hinauf rollt. Was uns das Doppel-Kollektiv wohl sagen möchte: Lasst euch ein auf eine radikal reduzierte und entschleunigte Performance – taucht ein in ein Spiel, in dem ihr ein Stück weit auf euch selbst zurückgeworfen werdet. Hier wird dies zunächst auf die Spitze getrieben. Das ist nicht jedermanns und -fraus Sache, sondern was für Fans eines Genres, welches sich im Folgenden weniger als Theater denn als eine Mischung aus Performance und Installation herausstellt.

Nun beginnt der eigentliche Reigen, der dem Ganzen den Namen gibt. Und auch das Licht kehrt zurück. Hoch oben im Raum hängen Dutzende längliche Stelen querliegend unter der Decke. Darin befinden sich über 400 kleine Boxen, deren Luken nach und nach Holzkugeln, Reissnägel, Sagexstücke oder Papierschnitzel in verschiedensten Formationen, Rhythmen und Quantität auf den Boden prasseln lassen. Manchmal mutiert diese Installation regelrecht zur Soundmaschine. Gleichzeitig erscheinen die Kugeln wie Regen- oder Hagelkörner, die sich zum Feuerwerksbouquet auftürmen. Diese «Verbeugung vor der Gravitation» macht Spass – man passt sich dem kontemplativen, meditativen Momentum an und entschleunigt die eigene Sinnesaufnahme. Eine Wohltat in Zeiten, wo ständig das Handy klingelt oder vibriert und alles von allen immer in Windeseile digital in die Welt posaunt wird.

Etwas für Liebhaberinnen und Liebhaber

Schön auch, wie gegen Ende dieser 50-minütigen Show die Sagexteilchen grün beleuchtet werden – dabei beim Aufprall fast wie ein Xylofon klingen. Ganz zum Schluss verwandelt oranges Licht die vielen kleinen Elemente auf der «Bühne» in ein Sternenmeer. Oder sind es die Lichter einer Grossstadt, die uns bald wieder nach draussen ins unübersichtliche Treiben der Moderne jagen?

Das «Stück für die Schwerkraft» ist etwas für Liebhaberinnen und Liebhaber experimenteller Kunst, die sich gerne auf gänzlich Neues einlassen. Allen anderen wird empfohlen, vor dem allfälligen Besuch im Südpol den Sisyphos von Albert Camus zumindest quer zu lesen.

«Stück für die Schwerkraft»: Weitere Termine: Heute Donnerstag, Freitag und Samstag, 10., 11. und 12. Juni, jeweils 20 Uhr, www.sudpol.ch