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Eine Menschheitsgeschichte aus Frauensicht

Feridun Zaimoglu liest in «Die Geschichte der Frau» die Historie noch einmal neu aus Frauensicht. Bombastisch und sprachgewaltig formuliert.
Valeria Heintges
Feridun Zai­moglu: Die Geschichte der Frau, Kiepenheuer & Witsch

Feridun Zai­moglu: Die Geschichte der Frau, Kiepenheuer & Witsch

«Männer machen Geschichte», hiess es früher. Der Satz ist veraltet. Auch Frauen können Geschichte machen. Allerdings sieht deren Sicht auf die Dinge zuweilen deutlich anders aus als die der Männer. Wie diese aussehen könnte, will der deutsche Autor Feridun Zaigmoglu in «Die Geschichte der Frau» zeigen. Das Werk sei, so preist der Verlag auf dem Cover, «ein unverfrorenes Bekenntnis zur Notwendigkeit einer neuen Menschheitsgeschichte».

Naja, ein paar Nummern kleiner werden dem Buch eher mehr gerecht. Auch wenn Zaimoglu mit seinen zehn Erzählungen, die jeweils aus der Ich-Perspektive der Frauen geschrieben sind, auf fast 400 Seiten einen Bogen über nahezu 3500 Jahre Menschheitsgeschichte spannt: von Zippora, der Frau des Moses, im Jahre 1490 vor Christus bis zu Valerie Solanas, die 1968 dreimal auf Andy Warhol schiesst und ihn lebensgefährlich verletzt. Solanas ist die radikalste von allen, wurde sie doch mit ihrem «S.C.U.M.-Manifesto» zur Ikone der gewaltbereiten Feministinnen, wobei der Titel sowohl «Abschaum» bedeutet als auch Abkürzung ist für die «Society for cutting up men», also die «Gesellschaft für das Schlachten von Männern».

Dazwischen liegen ähnliche Schwergewichte, etwa Antigone, deren Stoff Zaimoglu 2016 fürs Zürcher Schauspielhaus überarbeitete, die Walküre Brunhild, die «rote Fabrikantentochter» Lisette Bielstein, die Engels in der gemeinsamen Heimatstadt Wuppertal-Elberfeld Paroli bietet, oder die Trümmerfrau Hildrun Tilmanns.

Tipp: Vorwärts in die Vergangenheit

Zaimoglus legt sein Projekt gross, grösser, am grössten an, auch auf sprachlicher Seite. Von der ersten Seite weg formuliert er so bombastisch und sprachgewaltig, dass man das grosse Geraune der Damen nicht glauben und ihm vor allem nicht folgen mag. Empfohlen sei daher, mit der Lektüre hinten zu beginnen und sich sozusagen «vorwärts in die Vergangenheit» zu arbeiten. Denn je antiker und historischer die Frau, umso antiker und gestelzter lässt Zaimoglu sie erzählen. Bis er mit der türkischen Gastarbeiterin Leyla bei einem Plauderton anlangt, der mit liebevoller Distanz das türkische Herkunftsland, die neue deutsche Heimat, auch die anderen Migrantinnen fein charakterisiert. Die Geschichte Heidrun Tilmanns, die im Bombenkeller ums Überleben kämpft, kommt schon viel harscher daher. So harsch, dass sich auch die Frage aufdrängt, warum eigentlich ein Mann die Geschichte der Frau schreiben muss, wenn er vergewaltigte Frauen dann doch im übelsten Männersprech fünf Mal als «Unterlage» bezeichnet.

Kombination aus «man» und «explaining»

Heimlicher Höhepunkt des Zaimogluschen Werkes ist die Geschichte der Lore Lay, die das erlebt, was heute als «Mansplaining» bezeichnet wird, als Kombination aus «man» und «explaining». Er beschreibt damit die Situation, in der die Frau von Männern die Welt erklärt bekommt, die sie längst ohne deren Hilfe durchschaut hat. Wenn Männer Geschichte machen, so Zaimoglus These, sind die Frauen Opfer ihrer Begierden. Etwa wenn sich Gunter und Siegfried, die «Helden» der Nibelungensage, brüsten, dass sie Brunhild gefügig machten. Das ist ein männlich-einseitiger Blick auf die Welt der Frau. Man kann dem Autor aber nicht die Schuld dafür geben, dass er allzu oft der Realität entspricht.

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