Rumänisches Epos mit kafkaesken Zügen

Mircea Cărtărescu ist einer der wichtigsten europäischen Autoren. Im Roman «Solenoid» sucht er das Wesen des Menschen.

Erika Achermann
Hören
Drucken
Teilen
Zeugen der kommunistischen Diktatur: Vor dem Palast Ceausescus demonstrieren rumänische Postbeamte.

Zeugen der kommunistischen Diktatur: Vor dem Palast Ceausescus demonstrieren rumänische Postbeamte.

Vadim Ghirda, AP

«Solenoid» ist ein eigenwilliger grandioser Roman des 1956 in Bukarest geborenen Mircea Cărtărescu, der vierzig Jahre nichts anderes getan hat als sein «Leben in der Literatur zusammenzufassen» wie er von sich selber sagt. Dies sozusagen als ein langes inneres Tagebuch und eine phantastische Weltsicht, die ihresgleichen sucht. «Idealerweise sollte jeder Schriftsteller ein Kafka sein», meint Cărtărescu und entlehnt bei ihm das Motiv der Verwandlung. Sein namenloser Ich-Erzähler kann sich sogar aus der Sicht einer Motte erfahren, wobei er schon nahe bei Kafkas Gregor Samsa ist. Nur nahe, aber ganz anders. So braucht Cărtărescu den Vergleich nicht zu scheuen.

Nicht Schriftsteller werden, sondern Lehrer in Bukarest

Doch er ist auch der Ansicht, dass jeder Schriftsteller gleichgültig gegenüber seinem Erfolg sein sollte wie es Kafka war. Und so entscheidet sich sein Ich-Erzähler, nicht Schriftsteller, sondern ein Volksschullehrer in einem heruntergekommenen Randbezirk von Bukarest zu werden. Der Entscheid ist reiflich überlegt, ein Gegenpol zum erfolgreichen Schriftsteller Cărtărescu und somit ein Rollenspiel. Denn als Jugendlicher, als «einsamer Adoleszent», hat sich der Ich-Erzähler lieber in der Bibliothek aufgehalten als in der Schulklasse. Da war jedes Buch «ein Spalt, durch den ich in den Schädel eines Menschen schauen konnte».

Inzwischen schaut Cărtărescu in seinen eigenen Schädel und holt aus diesem ein flirrendes Kaleidoskop von Phantasieblitzen, Träumen und Visionen, Selbst- und Welterkundungen. Er entwickelt sich in «Solenoid» zum Verwandlungskünstler und Möglichkeitsraum-Rollenspieler: er sieht sich als kleines Mädchen, als das ihn seine Mutter erzogen habe, sieht sich zeitweise in einem Frauenkörper und in Gestalt seines Zwillingsbruders Victorchen, der früh gestorben ist.

Aber nicht nur die Rollenspiele sind faszinierend, auch die Wirkung des Solenoid. Ein Solenoid, das ist ein Magnetfeld. Es liegt unter dem Haus des Ich-Erzählers. Das schiffförmige Haus wird in die Höhe gehoben, der Sex mit seiner Frau Irina spielt sich spielend leicht auf dem elektromagnetischen Himmelbett ab, während sich unter dem Haus Höhlen öffnen, in die der Ich-Erzähler wagemutig den Abstieg sucht.

Dann doch ein poetischer Abwehrzauber

All das geschieht in Mircea Cărtărescus Stadt Bukarest, einem «Museum der Melancholie und des Niedergangs aller Dinge». Er hat sein eigenes Bukarest entworfen wie James Joyce Dublin oder Dostojewskij St.Petersburg. Einige seiner Schauplätze in Bukarest kann man erwandern. Sie sind real und folgen den Erinnerungen aus Cărtărescus Kindheit an der Stefan-cel-Mare-Chaussee während der Diktatur bis zur Revolution, die im Winter 1989 das Diktatorenpaar Ceausescu vertrieben hat. In seiner mit Literaturpreisen gefeierten Romantrilogie «Orbitor» – «Die Wissenden», «Der Körper», «Der Flügel» – hat er diese Zeit eines monströsen Jahrhunderts bereits fiktional verarbeitet.

In «Solenoid» schaut er nochmals zurück und weiter ins heutige Bukarest, in dem die alten denkmalgeschützten Bauten zerbröckeln. Die Stadt ist ein glänzender Ort für Halluzinationen, Ängste und mystische Träume, denn realistisch gesehen drohen in den nächsten Jahren Erdbeben, bei denen hunderte Häuser einstürzen würden. Daraus entsteht Cărtărescus Welt – «es ist kein Buch, es ist ein Fluchtplan» – in der man lesend lange Zeit fasziniert gefangen bleibt.

Was retten: Das Kunstwerk oder das Kind?

Da kommt auch ein Manuskript in Geheimschrift sehr gelegen, das Voynich-Manuskript aus dem 15. Jahrhundert, eine Art Lehrbuch über pflanzliche Heilmittel und astrologische Zusammenhänge, das in einem Schloss in Südeuropa gefunden wurde. Und wie schon in «Orbitor» macht Cărtărescu Exkursionen in die rumänische Literatur zum Dadaisten Urmuz, dem grossen Tudor Arghezi. Vorbilder sind ihm Proust, Musil, Dostojewskij und Thomas Manns «Doktor Faustus». «Ich verlängerte die Lektüre in den Tagtraum und den Tagtraum in den Traum, und die Träume bauten mich innerlich auf», sagte er in seiner Dankesrede für den Thomas-Mann-Preis 2018.

Aber es geht nicht nur um das Ästhetische in Cărtărescus neustem Werk, sondern auch um die Sinnfrage, um moralische Fragen. Irina will hartnäckig wissen, was er denn retten würde, wenn das Haus brennt, das unersetzliche wertvolle Kunstwerk oder das Kind, von dem man noch nicht wissen kann, ob es zu einem Despoten heranwachsen könnte. Die Antwort des Ich-Erzählers ist eindeutig: das Kind, das Leben.

Und als seine Stadt Bukarest in einem apokalyptischen Aufschwung, von einem Höllengewitter getragen sich von der Erde erhebt, geht er mit seinen zwei Irinas, seiner Frau und der kleinen Tochter hinaus aus der Stadt in eine verlassene Kapelle, in der sie den Rest ihres Lebens bleiben wollen, denn auch der Ich-Erzähler sehnt sich danach, ganz einfach glücklich zu sein. Ja, die Frage nach Gut und Böse, nach dem Religiösen, der Erweiterung des Bewusstseins spielt in dieser monumentalen Phantasiemaschine, die man langsam geniessen sollte, eine Rolle.

Weil man «Solenoid» auf Deutsch gar nicht lesen könnte ohne die Übersetzung von Ernest Wichner, sollte man ihn erwähnen, der in Rumänien geboren ist und das Literaturhaus Berlin geleitet hat. Er hat dieses 900seitige Meisterwerk in einer sorgfältigen, gut lesbaren Sprache ins Leben gebracht.

Mircea Cărtărescu: Solenoid. Übersetzt von Ernest Wichner. Roman. Zsolnay Verlag. 900 S.