Kino: Ein schwarzer Polizist schleust sich in den Ku-Klux-Klan ein

In «Blackkklansman» ermittelt ein schwarzer Polizist beim Ku-Klux-Klan. Regisseur Spike Lee beweist mit seinem Geniestreich, dass ein Film mit hohem Unterhaltungswert durchaus politisch sein darf.

Geri Krebs
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In den letzten drei Minuten von «Blackkklansman» war es so totenstill im voll besetzten Kinosaal, dass man wohl eine Nadel hätte zu Boden fallen hören. Nach über zwei Stunden voller Spannung, Action und vielen Lachern wirkten hier, an der Pressevorführung von Anfang August in Locarno, die unvermittelt erscheinenden dokumentarischen Aufnahmen von Charlottesville vom 12. August 2017 wie ein Schlag in die Magengrube: Man sieht den Aufmarsch von Neonazis mit Hakenkreuzfahnen, von Aktivisten der White-Supremacy-Bewegung (weisse Vorherrscht) mit Südstaatenfahnen und Ku-Klux-Klan-Mitgliedern in ihren bizarren Gewändern. Und man sieht, wie nach Ende des bedrohlichen Ausmarschs ein Neonazi mit seinem Auto in die Gegendemonstration rast, die 32-jährige Heather Heyer totfährt und 19 weitere Demonstranten schwer verletzt.

Und zwischen den ungemein brutalen Szenen erscheint Donald Trump, der schwadroniert, Gewalt habe es auf beiden Seiten gegeben und unter den rechtsextremen Demonstranten hätten sich auch «sehr anständige Leute» befunden.

Rückblick in die Filmgeschichte

«Blackkklansman» spielt 1972. In jenem Jahr wird in Colorado Springs der Afroamerikaner Ron Stallworth erster dunkelhäutiger Polizist in dieser zweitgrössten Stadt des Staates Colorado. Unter dem Titel «Black Klansman» veröffentlichte Stallworth 2014 seine Memoiren. Diese dienten Spike Lee als Grundlage für seinen Film, den er allerdings zeitlich lange vor 1972 eröffnet.

Flip Zimmermann (Adam Driver) und Ron Stallworth (John David Washington) infiltrieren gemeinsam den Ku-Klux-Klan. (Bilder: Universal)

Flip Zimmermann (Adam Driver) und Ron Stallworth (John David Washington) infiltrieren gemeinsam den Ku-Klux-Klan. (Bilder: Universal)

Am Anfang steht eine Szene aus der Zeit der Sklaverei in den USA und geht dann über zu Ausschnitten aus zwei Meilensteinen der Filmgeschichte, «Birth of a Nation» von David W. Griffith (1915) und «Gone with the Wind» von Victor Fleming (1939) – offen rassistisch der eine, die Sklaverei krass verharmlosend der andere. Erst nach diesem kurzen historischen Rückblick steigt Spike Lee ein in die Story. Zeigt, wie Ron Stallworth sich erst gegen Vorurteile im Polizeikorps wehrt und dann erfolgreich seine Versetzung zur Kriminalpolizei durchsetzt.

Ein grossartiger John David Washington

Gespielt wird Stallworth grossartig von John David Washington, dem Sohn Denzel Washingtons, mit dem Spike Lee zahlreiche Filme gedreht hat. Bei der Kriminalpolizei ist sein erster Auftrag, sich unter eine Versammlung der Black Panther zu mischen, um die Gefährlichkeit der radikalen Afroamerikaner zu erkunden. Dass er es bei dieser Gelegenheit gleich schafft, mit einer der Anführerinnen, der Studentin Patrice Dumas (Laura Harrier mit Angela-Davis-Frisur), anzubändeln, kommt dem Auftrag sehr entgegen und wird im weiteren Verlauf des Geschehen als Nebenerzählung zur reizvollen Lovestory.

John David Washington spielt den Polizisten Ron Stallworth, der hier die radikale Black-Panther-Bewegung unterwandern und aushorchen soll.

John David Washington spielt den Polizisten Ron Stallworth, der hier die radikale Black-Panther-Bewegung unterwandern und aushorchen soll.

Nach diesem Erfolg in «seiner» Comunity holt Stallworth zum grossen Coup aus: In der Lokalzeitung liest er ein Inserat des Ku-Klux-Klan, der um neue Mitglieder wirbt. Als Stallworth dort anruft, mimt er den «Negerhasser» so überzeugend, dass er schon bald zu einem Treffen mit dem «Great Wizard» des dunklen Vereins, David Duke, eingeladen wird. Natürlich hat er nun ein Problem, muss einen weissen «Doppelgänger» schicken. Diesen findet er in seinem Kollegen, dem jüdischen Polizisten Flip Zimmerman, gespielt von Adam Driver, bekannt aus den letzten beiden «Star Wars»-Filmen wie auch als Protagonist in Jim Jarmuschs «Paterson». Zimmerman wird zu Stallworths verschworenem «Brother in Crime», gerät mit ihm in bald brandgefährliche, bald schreiend komische Situationen.

Einer der besten Filme von Spike Lee

Es sind Elemente eines Politthrillers, einer Verwechslungskomödie und eines liebevoll gestalteten Zeitbildes der 1970er-Jahre, die Spike Lee hier mit unglaublichem Geschick zu einem seiner besten Filme in seiner 35 jährigen Karriere bündelt. Aber er zeigt auch einen Wandel in Lees Schaffen. Er erzählte bisher in all seinen Filmen von der Situation von Afroamerikanern in den USA und trat in der Vergangenheit schon so oft als zornige Stimme der Schwarzen auf. Man erinnere sich nur daran, wie er 2012 Quentin Tarantinos «Django Unchained» kritisierte:

«Die Sklaverei war kein Sergio-Leone-Spaghetti-Western, sondern ein Holocaust.»

Nun scheint er zum Schluss gekommen zu sein, dass es manchmal das beste ist, Rassisten einfach der Lächerlichkeit preiszugeben.

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