Interview

Luzernerin Andrea Huber: Eine Sängerin, die sich engagiert

Andrea Huber setzt sich als Politaktivistin für die Menschenrechte ein. Als Andra Borlo steht sie auf der Bühne und singt ihre Songs. Jetzt hat die Luzernerin ihr drittes Solo-Album veröffentlicht.

Interview: Pirmin Bossart
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Andra Borlo, aufgenommen im Restaurant Parterre in Luzern. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 27. Januar 2019))

Andra Borlo, aufgenommen im Restaurant Parterre in Luzern. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 27. Januar 2019))

Andra Borlo, zehn Jahre sind seit Ihrem letzten Album verstrichen. Was hat Sie nach all den Jahren wieder zur Musik zurückgezogen?

2011 kam meine Tochter zur Welt, drei Wochen vor der Geburt spielten wir das letzte Konzert der Tour von «Pieces of Buenos Aires». Ich stellte mich darauf ein, Mami zu sein, Teilzeit zu arbeiten und nach einer Pause wieder auf der Bühne zu stehen. Als die SVP 2013 begann, die Menschenrechtskonvention in Frage zu stellen, begann mein politisches Engagement dagegen. Das hat mich sehr in Anspruch genommen. Die Musik habe ich in all den Jahren schon vermisst. Für Leute singen zu können ist meine grosse Leidenschaft und meine absolute Lieblingsbeschäftigung.

Wo stehen Sie heute musikalisch, im Vergleich zu ihrem Début «New York Diary» vor 12 Jahren?

Mein musikalischer Horizont hat sich weiter geöffnet, ich kann meine Stimme entspannter einsetzen. Das neue Album fasst stilistisch meine musikalischen Erfahrungen wie eine Essenz zusammen. Es sind Einflüsse aus Nordamerika und Südamerika, jenen Kontinenten, deren Musik ich am meisten höre, in deren Sprachen ich mich oft unterhalte und die mich am meisten inspiriert und in meiner Menschenrechtsarbeit beschäftigt haben.

Woher kommt Ihre Affinität für die Musik und überhaupt das Lebensgefühl der beiden Amerikas?

Mit 24 Jahren machte ich eine zweijährige Reise von Alaska bis Feuerland. Dort habe ich die Menschen, Landschaften und Atmosphären der beiden Kontinente kennen gelernt. Das hat mich geprägt. Ich wurde 1968 in Chicago geboren. Obwohl ich nur drei Monate dort verbrachte, hat das eine Affinität erzeugt. In den 1980er-/1990er-Jahren rückten die Länder Südamerikas immer wieder in meinen Fokus betreffend Menschenrechtsverletzungen. Ich habe jahrelang Menschen im Todestrakt besucht und mich mit Kampagnen für die Abschaffung der Todesstrafe eingesetzt. In den 00er-Jahren war New York für ein paar Jahre mein zweiter Wohnsitz, was mich musikalisch sehr weiter gebracht hat.

Südamerika hat es Ihnen angetan. Ihren Partner, den Musiker Carlos Ramirez, haben sie in Argentinien kennen gelernt.

Ich fühle ich mich sehr wohl in Lateinamerika. Das Temperament der Leute, das Lebhafte und Kommunikative, sind auch ein Teil von mir. Schon früher haben mich die Leute immer wieder gefragt, ob ich südländische Wurzeln hätte. Als ich dann das erste Mal in Lateinamerika war spürte ich: Hey, da bin ich ja in meinem Teich!

Was beschäftigt Sie in Ihren Songs, worüber singen Sie?

(lacht)

Über ganz Profanes, wie ich fürchte. In vielen Songs geht es um Beziehungen. Auf der ersten Solo-CD hatte ich noch einige Songs mit politischen Texten. Politische Aussagen wären aufgrund meiner Arbeit eigentlich naheliegend. Aber heute habe ich das Bedürfnis, diese beiden Welten auseinanderzuhalten. Die Leute, die an Konzerte kommen, wollen die Musik geniessen. Warum soll ich sie auch noch politisch sensibilisieren, nur weil mich das selber wahnsinnig beschäftigt? Ich habe realisiert, dass ich keine politische Singer-Songwriterin bin. Ich bringe diese beiden Welten nicht zusammen.

Zurück zu ihrer Politarbeit. Sie gelten als Architektin der Gegenkampagne, die im November 2018 mit deutlichem Resultat die Selbstbestimmungs-Initiative der SVP zu Fall brachte. Warum dieses Engagement?

Die Ankündigung von Toni Brunner, dass die SVP eine Volks­initiative zur Kündigung der Europäischen Menschenrechtskonvention prüfe, hatte mich 2013 derart getroffen, dass ich mir sagte: Jetzt musst du handeln. Ich bildete ein kleines Team mit Gleichgesinnten. Bereits 2014 begannen wir mit der Sensibilisierungs- und Informationsarbeit bezüglich der Bedeutung der Europäischen Menschenrechtskonvention für die Schweiz und bauten ein Netzwerk zu den Medien, zu Politikerinnen und Politikern und zu NGO auf. Im Abstimmungskampf waren wir mit 120 Organisationen eine starke Allianz der Zivilgesellschaft. Es ist uns auch gelungen, alle anderen gegnerischen Akteure an einen Tisch zu bringen. Für die letzte Phase des Abstimmungskampfes entwickelten wir eine gemeinsame Strategie.

Sie haben sich schon als Jugendliche für die Menschenrechte eingesetzt.

Ich hatte immer ein Sensorium für Gerechtigkeit. Schon in der Primarschule schrieb ich der Gemeinde einen Brief, weil ich es ungerecht fand, dass Mädchen nur in die Handarbeit und Jungs nur ins Werken dürfen. (lacht) Meine Mutter ist Deutsche. Die Gräuel des Zweiten Weltkriegs haben mich als Kind sehr beschäftigt. Wenn mich etwas bewegt, muss ich handeln. Auch auf meinen Reisen habe ich viel Armut und Ungerechtigkeit erlebt. Es ist kein Zufall, dass ich Politologie, Recht und Medienwissenschaften studiert habe. Damit wollte ich mir meinen Aktivistenkoffer füllen. Beruflich konnte ich auch vor der Kampagne sehr von dieser Basis profitieren.

Wofür lohnt es sich, politisch zu kämpfen?

Wir sind in einer Phase, in der die Angriffe auf unser demokratisches System, die Gewaltenteilung und den Schutz der Minderheiten zunehmen. Wir müssen den Rechtsnationalismus in Schranken weisen und dürfen die grossen Errungenschaften der Demokratie und der Menschenrechte nicht aufgeben. Obwohl: Mit meinen 50 Jahren frage ich mich manchmal schon, ob die Demokratie auf lange Sicht vielleicht nur ein kurzes Experiment gewesen sein könnte. Dennoch bin ich keine Pessimistin. Es ist jene Staatsform, die es am ehesten ermöglicht, dass Menschen friedlich und mit gleichen Rechten zusammenleben können.

Sie haben in New York und Buenos Aires gelebt, sind viel gereist. Wie fühlen Sie sich in der Schweiz, in Luzern, was schätzen Sie hier?

Bei all meiner Abenteuerlust bin ich gerne mit meiner Familie und mit Freunden zusammen. Ich schätze auch den See, die Umgebung, die Berge. Oder die Dialogbereitschaft und die Sicherheit, die man hier geniesst. Da bin ich eine typische Schweizerin. Inzwischen habe ich gemerkt, dass ich nicht so exotisch bin, wie ich mit 20 meinte. Meine Heimat ist hier.

Diesen Sommer brechen Sie mit Ihrer Familie auf eine einjährige Reise durch die beiden Amerika auf. Was ist der Plan?

Alle paar Jahre zieht es mich in die Ferne. Ich liebe es, mich in ganz anderen Umgebungen zu bewegen. Das nährt und bereichert mich. Wir starten an der Westküste der USA, machen vielleicht ­einen Abstecher nach Kuba, wo liebe Freunde von uns leben und reisen dann über Mittelamerika langsam nach Argentinien. Wir haben vor, unterwegs Musik zu machen, Songs zu schreiben, als «travelling musicians» unterwegs zu sein. Ein Jahr Zeit zu haben mit meiner Familie: Ich freue mich wahnsinnig darauf.

Andra Borlo: Universo, CD, 2019 Album Release. Konzert: Morgen Sonntag, 3. Februar, 19.30 Uhr, Theaterpavillon Luzern, Tickets an der Abendkasse erhältlich.