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Daniel Barenboim dirigiert eine wilde Gottesvision

Identitätskrise, göttliche Machtworte, letzte Gedanken, eine explosive Solistin und ein vertontes Bild – Daniel Barenboim und sein West-Eastern Divan Orchestra gestalteten ein eigenes kleines Festival.
Roman Kühne
Daniel Barenboim dirigiert das West-Eastern Divan Orchestra.Bild: Priska Ketterer / LUCERNE FESTIVAL

Daniel Barenboim dirigiert das West-Eastern Divan Orchestra.
Bild: Priska Ketterer / LUCERNE FESTIVAL

Es gibt Orchester, die haben ein starkes Eigenleben. Sie sind zwar durchaus bereit, einem Dirigenten zu folgen, bewahren sich jedoch Charakter und Besonderheit. Dazu gehören natürlich Traditionsensembles wie die Berliner und Wiener Philharmoniker, aber auch die Chicago Symphony.

Dann gibt es Ensembles, die werden vor allem von ihren Leitern geprägt. Sei es, weil die Zusammenarbeit schon lange dauert, weil es sich um ein junges Ensemble handelt oder ihr Maestro eine überaus gestaltungskräftige Persönlichkeit ist. Beim West-Eastern Divan Orchestra sind gleich alle drei Dinge gegeben. Erst 20 Jahre alt wird es im nächsten Jahr und ihr bisher einziger Chef ist Daniel Barenboim, eine der Überfiguren unter den Dirigenten.

Gott herausfordern

Kein Wunder, leben und fliessen die beiden Abende ganz mit und aus der Kraft des Altmeisters. 76 Jahre ist er alt. Seine Bewegungen mögen noch etwas sparsamer sein, und sicher wischt er sich die Stirn häufiger mit seinem – während des Dirigierens kunstvoll aus der Tasche gezogenen – Schweisstuch ab. Dies, ohne das Orchester eine Sekunde aus dem Blick zu lassen. Dass er sein Amt noch lange mit Kraft und Vision zu füllen gedenkt, zeigt insbesondere seine, fast übermütig brachiale Interpretation der 9. Sinfonie von Anton Bruckner am Mittwochabend. Wenig ist da zu spüren von einem demütigen Abtreten.

Die «letzten Dinge» des Komponisten, der ja während der Arbeit an seinem Abschlusswerke verstarb, sind bei Barenboim eher rollende Steine denn demütige Halme. Sehr langsam nimmt er den ersten Satz. Emotionell und dramatisch entfaltet er das Weltenspiel. Mächtig, üppig und triumphierend. Auch der zweite und der dritte Satz werden energisch und direkt angepackt. Schnell – manchmal zu schnell – überspielen Kraft und Druck die Partitur. Nur selten behält im Scherzo das Tänzerische die Oberhand. Der sterbende Schluss gerät gar etwas laut. Bei aller packenden Leidenschaft der Musiker bleibt das sinnliche, nachdenkliche Moment auf der ­Strecke. Unter den teils überbordenden Fortissimi leiden Intonation und Klangform, nicht nur in dieser Komposition. Die Balance zwischen Seele und Exhibitionismus bleibt eine Herausforderung in diesem Stück.

An ihr scheiterte 2017 auch Daniel Gatti mit dem Concertgebouworkest. Unvergessen bleibt hingegen die erschütternde Lesart von Claudio Abbado mit dem Lucerne Festival Orchestra (2013). Eine Interpretation, die zugleich sein Vermächtnis war. Diese ganze Wucht kann das gross besetzte Orchester – unter anderem 11 Streichbässe – vor der Pause in David Robert Colemans «Looking for Palestine» (2017, Schweizer Erstaufführung) überzeugend ausspielen.

Die ruhelose Musik, die kantigen Wechsel, die dramatischen Zuspitzungen zeichnen einsichtig den Konflikt, ja die Zerrissenheit der amerikanisch-palästinensischen Autorin Najla Said, als sie in ein israelisches Bombardement gerät. Oder das orgastische «Le Poème de l’Extase» von Alexander Skrjabin am Dienstagabend. Dessen magisches, drängendes Dauerbrodeln ist wie geschaffen für die Besetzung des West-Eastern Divan Orchestra. Eine wilde Gottesvision, mit Stringenz und Dichte vorgeführt.

Virtuos und mächtig

Überhaupt überrascht die Vielfalt der an diesen zwei Abenden gespielten Richtungen. So findet sich am Dienstag mit «La Mer» (Debussy) ein impressionistisches Stück im Programm. Ein Bilderreigen, den Barenboim lebendig und atmosphärisch reichhaltig zeichnet. Daneben haben, ebenfalls am Dienstag, auch das ruhige «Nimrod» aus den Enigma-Variationen von Edward Elgar als Zugabe und zwei Stücke von Tschaikowsky Platz: Die Polonaise aus der Oper «Eugen Onegin» – ausserhalb des geplanten Programms – und das Violinkonzert, der Höhepunkt dieser ersten Nacht. Lisa Batiashvili ist einer der bekanntesten Sterne am Violinenhimmel. Umso erstaunlicher, dass sie noch nie am Lucerne Festival auftrat.

An ihrer Premiere schöpft sie dann aus dem Vollen. Passend zum Orchesterhabitus geht sie extrovertiert, ja explosiv in die Komposition. Ungestüm, drängend, teils fast wütend ist ihre Lesart. Satt und voll im Ton, brennend und feurig in der Interpretation. Vor allem in der Kadenz lässt sie die Nervenkrise aufblitzen, von welcher Tschaikowsky am Genfersee etwas Ruhe suchte. Das Publikum ist begeistert, was die Solistin mit der Sonate für zwei Violinen (Op. 3 Nr. 2 Allegro) von Jean Marie Leclair verdankt, gespielt im ­Duett mit dem Konzertmeister Michael Barenboim, dem Sohn des Dirigenten.

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