Neues Album von Blaer: Einladung zum Eintauchen und Mitschweben

Das Quintett Blaer hat ein neues Album veröffentlicht. Sein poetischer Minimal-Jazz war am Donnerstag live im Neubad zu erleben.

Pirmin Bossart
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Das schlichte Setting mit dem dezenten Licht im Neubad-Pool passt zum Sound von Blaer. Man könnte sich ihre Musik auch sehr gut bei Kerzenschein vorstellen. Das Quintett um die Pianistin Maya Nydegger bevorzugt die leisen Töne und die repetitiven Patterns, die über längere Bögen variiert und gedehnt werden. Da sitzt man und lauscht und sinkt immer tiefer ins Polster. Ist man schon weggedämmert oder bereits in Klarheit geläutert?

Die Band mit den beiden Luzernern Nils Fischer und Simon Iten startet das Konzert mit «Yellow», dem Titelstück ihres aktuellen und dritten Albums. Ein schlichtes melodisches Pattern am Piano setzt ein, die Bläser Nils Fischer (Altosaxophon, Bassklarinette) und Claudio von Arx (Tenorsaxophon) ziehen lange Töne, irgendwann rauschen die Cymbals von Schlagzeuger Philippe Ducommun und tupft Bassist Simon Iten seine dunkle Spur in den gelben Dunst. Am Ende erscheint das Konzert wie ein einziger langer Track, in dem es gelegentlich inniger und gelegentlich heftiger wurde. Und manchmal sogar der Fuss mitwippte.

Weder funky noch treibend

Blaer spielen eine Musik ohne die üblichen Ecken und Kanten. Sie ist weder funky noch treibend, und sie vermöbelt einem auch nicht das Gehirn mit hippen Vertracktheiten. Was nicht heisst, dass sie nicht wirkt. Sie bietet andere Andockstellen. Ihre Klänge sind wie Traumfänger, die Rhythmen sind repetitiv, die Melodien und Harmonien schlicht und manchmal fast süss. Das kann, wie auf dem Track «Years», auch eine erlösende Wirkung haben, wenn nach stoischen Minimal-Texturen das Klavier plötzlich alleine zurückbleibt und eine zärtliche Melodiefigur entwickelt, die einem sofort berührt.

Wärmende Aura

Typisch für Blaer ist, dass sie die Minimal-Ästhetik ihres ausgeklügelten Gruppenklangs nicht bis in alle Abstraktheiten durchziehen, sondern sie in einnehmende Melodietexturen integrieren. Das verleiht der Coolness der Struktur eine wärmende Aura und macht die Musik auch für Pop affine Gemüter interessant, während sie umgekehrt für die harten Jazz- Afficionados vermutlich zu weichgespült und harmlos erscheint.

Das Blaer-Konzept ist typisch für eine jüngere Generation von Jazz-Musikschaffenden. Sie ist weniger an berserkerischen Soundgefechten und solistischen Battles interessiert, sondern lädt mit minimalistischen Strukturen und melancholischen Atmosphären zum Eintauchen und Mitschweben, im besten Fall bis zur inneren Läuterung. Dazu gehört, dass die Musiker in ihren langen Tracks eine Spannung aufbauen und plötzlich einen kraftvollen und überraschenden Sog entwickeln. Das Publikum im Neubad lässt sich jedenfalls aufmerksam auf die Band ein und erklatscht sich am Ende eine lange Zugabe.

Blaer verfolgen diesen Ansatz aus repetitiven Grooves, fokussiertem Strömen und melodiösem Ambientklang seit ihrer Gründung im Jahr 2012. Dass sie mit ihrem aktuellen Album auf Ronin Rhythm Records gelandet sind, ist kein Zufall. Mit «Yellow» verleihen sie dem Minimal-Label des Pianisten Nik Bärtsch eine Extraportion Sensibilität und positive Atmosphäre.

Blaer: Yellow, Ronin Rhythm Records, 2020