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ELBPHILHARMONIE: Jetzt hat auch Hamburg sein KKL

Heute findet in der Elbphilharmonie nach knapp zehn Jahren Bauzeit das Eröffnungskonzert statt. Das Konzerthaus soll in der Weltspitze mitspielen. An der Akustik wurde bis zuletzt gefeilt.
Andreas Lorenz-Meyer/Hamburg
Die Elbphilharmonie ist das neue Wahrzeichen von Hamburgs Hafencity. (Bild: Thies Raetzke/Keystone (8. Januar 2016))

Die Elbphilharmonie ist das neue Wahrzeichen von Hamburgs Hafencity. (Bild: Thies Raetzke/Keystone (8. Januar 2016))

Würde draussen auf der Elbe das Schiffshorn eines Ozeanriesen dröhnen, hier drinnen bekäme man nichts davon mit. Der Grosse Saal ist von zwei Betonschalen umgeben, und zwischen denen sitzen Stahlfederpakete, die jeglichen Hafenkrach hindern, in das Herzstück der Elbphilharmonie zu dringen. Störende Geräusche von aussen sind ausgeschlossen.

Aber natürlich geht es bei einem Konzerthaus wie diesem vor allem um den Schall, der im Raum erzeugt wird. Für den Wohlklang verantwortlich ist der japanische Akustiker Yasuhisa Toyota, der einen Schallreflektor hat einbauen lassen. Wie ein UFO hängt die Konstruktion unter der 25 Meter hohen, zeltartig sich zuspitzenden Decke des Saals und sorgt dafür, dass sich der Schall nicht in der Spitze verliert. Und dann sind da noch die Wände, die «akustische Relevanz» haben, wie es Tom Schulz, Pressesprecher der Elbphilharmonie, ausdrückt.

Umgeben von «weisser Haut»

Alte Konzertsäle haben deswegen eine so gute Akustik, weil überall Stuck, Putten und Leuchter sind. Gegenstände, die eigentlich ornamentalen Zwecken dienen, dem Schall aber auch jede Menge Gelegenheit bieten, sich zu brechen. Darum ist der Grosse Saal der Elbphilharmonie in Gipsfasern gekleidet. Man spricht auch von der «weissen Haut». Schulz steht weit oben auf der Tribüne vor einem Stück dieser weissen Haut, die mit lauter kleineren und grösseren Einbuchtungen versehen ist. «Diese Einbuchtungen reflektieren den Schall in vielerlei Richtungen. Sie verteilen ihn auf möglichst natürliche Weise. Sehen Sie hier: Selbst in den Einbuchtungen ist die Oberfläche nicht glatt, sondern profiliert. Das bringt noch mehr akustische Feindifferenzierung.»

Mehr als 10 000 Gipspaneele umhüllen den Grossen Saal, den ein Kontrabassist mit seinem Instrument betritt. In einer Stunde beginnt die Probe. Die Musiker sind hingerissen von der Akustik, sagt Schulz. Vor allem weil sie ihr Zusammenspiel erleichtert. Die Bassgruppe sieht die ein Stück entfernte Harfe nicht nur, sondern hört sie auch. Die Musiker können also hörend auf das reagieren, was im Orchester passiert. Der Konzertsaal eifert einem antiken Vorbild nach, dem Amphitheater von Epidauros. Dort, heisst es, habe jeder Anwesende ein 100-Drachmen-Stück klar und deutlich fallen hören können. Zweites Vorbild: moderne Fussballstadien, die die Zuschauer nah heranholen ans Geschehen.

Entsprechend steht die Bühne in der Mitte des Saals, umgeben von den Zuschauerrängen für 2100 Personen. In den mit grauem Stoff bezogenen Sitzen kann man auch längere Aufführungen gut überstehen. Dass sie auch in ein Kino passen würden, ist kein Zufall. Man soll bei der Bestuhlung nicht gleich an klassische Musik denken, schliesslich wird hier neben Mozart auch Jazz zu hören sein. Und experimentelle Töne wie beim Auftritt der Einstürzenden Neubauten. Bei solchen Konzerten mit elektrisch verstärkter Musik verdeckt man die Gipsfasern dann mit Stoffsegeln, die aus dem Boden gefahren werden. Sie schlucken den Schall, statt ihn zu reflektieren.

Die Elbphilharmonie bildet die Westspitze der Hafencity, des neuen Hamburger Stadtviertels. 1875 wurde hier, im Sandtorhafen, der Kaispeicher A gebaut. Bis in die Neunzigerjahre lagerte man darin Kakao, Tabak und Tee. Auf dem Backsteinbrocken sitzt nun der spektakuläre Neubau. Am besten nähert man sich ihm auf dem Wasser. Von den Landungsbrücken tuckert die Fährlinie 72 hinüber. Während der Fahrt kann man das Gebäude aus verschiedenen Winkeln betrachten. Das Dach ist, passend zur maritimen Umgebung, wellenförmig. Die Fassade besteht aus gebogenen und bedruckten Glaselementen. Ein wenig erinnern sie an vereiste Autoscheiben, die man freigekratzt hat. Das kommt von den Folien, die in der Verglasung stecken. Sie halten Sonneneinstrahlung ab, damit sich das Gebäude nicht zu stark erhitzt. Auch der ungewöhnliche Grundriss ist von der Fähre aus gut zu erkennen. An der Ostseite breit aufgestellt, wird die Elbphilharmonie nach Westen hin immer schmaler. Es fehlt nicht viel und aus ihr würde ein Dreieck. Mehr Platz hatten die Architekten, Herzog & de Meuron aus Basel, auf dem dreiseitig von Wasser umgebenen Stückchen ehemaliger Industriehafenfläche einfach nicht.

Kosten aus dem Ruder gelaufen

Vom Besuchereingang an der Ostseite geht es in gemächlichem Tempo eine lange, gebogene Rolltreppe hinauf zur Plaza, der auf 37 Metern gelegenen Aussichtsplattform. Die Fahrt dorthin hat fast etwas Feierliches. Und das war auch so beabsichtigt. Man stelle sich vor, ein schnöder Aufzug brächte einen herauf. Die Plaza ist frei zugänglich, man kann auch aussen um das ganze Gebäude herumgehen. Wer Musik hören will, schlendert über geschwungene Treppengänge weiter zum Grossen und zum Kleinen Saal. Die Foyers, die man dabei durchquert, liegen versetzt übereinander, wie gestapelt. Überall ergeben sich Durchblicke zu anderen Ebenen. Tragende Säulen, mal dicker, mal dünner, sind zum Teil schief zwischen Boden und Decke eingesetzt. Warum, erklärt Enno Isermann von der Hamburger Kulturbehörde: «Dadurch wird das Gesamtgewicht des Gebäudes, etwa 200 000 Tonnen, auf die 1745 Gründungspfähle im Fundament und auf die Treppenhaus- und Aufzugskerne verteilt. Die tragen den grössten Teil des Gewichts.»

Vor der heutigen Eröffnung hat das Bauwerk vor allem für negative Schlagzeilen gesorgt. Die Kosten liefen mehr und mehr aus dem Ruder. 789 Millionen Euro sind es am Ende geworden, inklusive Hotel und Parkhaus, ohne die 45 Privatwohnungen im Westteil des Gebäudes. Ein Vielfaches der ursprünglich veranschlagten 186 Millionen Euro. Was bauliche Gründe hatte, vor allem aber an der «schlechten Vertragsstruktur am Anfang» lag, wie Isermann zugibt. Man habe 2007 zu bauen begonnen, als die Planung noch nicht so weit war, dass man guten Gewissens hätte anfangen können. Deswegen gab es Streit mit dem Bauunternehmen Hochtief, das die Arbeiten am Dach zwischenzeitlich einstellte. Im April 2013 ordnete die Stadt das Projekt dann organisatorisch und finanziell neu.

Für Kammermusik oder Liederabende ist der Kleine Saal gedacht. Maximal 550 Zuschauer finden hier Platz. Die Wände bestehen aus französischer Eiche von der Loire. Jedoch musste wenige Wochen vor der Eröffnung nachgebessert werden. Der Akustiker Toyota hat diesen späten Eingriff veranlasst. Mehrere Paneele, die vorher gerade in der Wand sassen, mussten herausgenommen und um 10 Grad gedreht werden. So soll sich der Schall noch besser im Raum verteilen. Bis zuletzt wurde in der Elbphilharmonie am perfekten Sound gefeilt.

Andreas Lorenz-Meyer/Hamburg

Hinweis: Fliegen Sie durch die Elbphilharmonie »

«Der beste Saal der Welt»

Eröffnungsprogramm So spektakulär wie der Bau der Elbphilharmonie, so üppig ist das Programm zu ihrer Eröffnung. Neben Prominenz aus Wirtschaft und Kultur werden auch Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel unter den Gästen sein, wenn heute das Eröffnungskonzert im grossen Konzertsaal erklingt. Dieses beginnt heute Abend um 20 Uhr nach einem Festakt. Das NDR-Elbphilharmonie-Orchester unter Leitung von Chefdirigent Thomas Hengelbrock präsentiert eine musikalische Reise von der Renaissance bis zur Gegenwart, auf dem Programm stehen Werke von Beethoven, Wagner, Cavalieri, Liebermann, Messiaen, Praetorius und eine Uraufführung von Wolfgang Rihm. Mit dabei sind hochkarätige Solisten wie Bryn Terfel und Philippe Jaroussky sowie der NDR-Chor und der Chor des Bayerischen Rundfunks.

Dann erst wird man diskutieren können, was Hamburgs Generalmusikdirektor, der Dirigent Kent Nagano, nach ersten Eindrücken bereits verkündet hat. Der Konzertsaal der Elbphilharmonie werde dank seiner «ausserordentlich guten Akustik» der «beste Saal der Welt sein», sagte der Chefdirigent des Philharmonischen Staatsorchesters im Interview mit NDR Kultur. Im Rahmen des dreiwöchigen Eröffnungsfestivals dirigiert Nagano die Uraufführung von Jörg Widmanns «Arche» und Riccardo Muti das Chicago Symphony Orchestra, ein Härtetest für die Akustik des grossen Saals ist das Konzert der «Einstürzenden Neubauten» am 21. September. Am 12. September wird zudem der Kammermusiksaal (500 Plätze) eröffnet. Von den internationalen Orchestern, die später in der Elbphilharmonie auftreten, stammen übrigens auch zwei aus Luzern: Die Festival Strings Lucerne sind hier im Juni und das Orchester der Lucerne Festival Academy im Herbst zu Gast.

An den eigentlichen Eröffnungsfeierlichkeiten kann man auch von Ferne teilnehmen und sich dabei vom Saal und seiner Akustik Eindrücke verschaffen. Denn das Eröffnungskonzert mit dem NDR-Elbphilharmonie-Orchester ist zeitgleich online zu sehen – im 360-Grad-Livestream auf dem Youtube-Kanal der Elbphilharmonie. Die Besonderheit dabei: Die Zuschauer können selbst bestimmen, in welche Richtung sie schauen.

«Jedem im Raum sind die Tränen heruntergelaufen»

Im Rahmen seines Programmschwerpunktes «Die Elbphilharmonie: Architekturwunder und Konzerthaus» strahlt Arte am Sonntag, 15. Januar, die Aufzeichnung des Eröffnungskonzerts aus (17.40) und zeigt mit «Die Elbphilharmonie – Hamburgs neues Wahrzeichen» eine Dokumentation zur über elfeinhalb Jahre dauernden Entstehungsgeschichte (16.50 Uhr).

Durch nichts zu ersetzen bleibt der Live-Eindruck vor Ort für die Beurteilung der Akustik des Saals. Ein einzigartiges Erlebnis war da die erste Probe des NDR-Elbphilharmonie-Orchesters auch für Dirigent Thomas Hengelbrock und sein Orchester: «Wir wussten sofort, gleich mit dem ersten Paukenschlag: Das wird fantastisch. Jedem im Raum sind die Tränen heruntergelaufen, wirklich jedem.»

Urs Mattenberger

Kontrollen wie am Flughafen

Sicherheit Während die geladenen Gäste heute die Eröffnung der Elbphilharmonie feiern, sind die Sicherheitsdienste in höchster Anspannung. Die Sicherheitslage in Deutschland ist nicht erst seit dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt vom 19. Dezember äusserst angespannt. Seit Monaten bezeichnet Innenminister Thomas de Maizière (CDU) die Bedrohungslage durch islamistischen Terror als hoch, derzeit arbeitet die Bundesregierung an einem neuen Konzept für die innere Sicherheit.

Auch heute in Hamburg herrschen höchste Sicherheitsstandards. Nach dem Anschlag von Berlin wurde das ohnehin strenge Sicherheitskonzept für die Eröffnungsfeierlichkeit in Absprache mit den Sicherheitsbehörden noch einmal angepasst, sagt Enno Isermann, Sprecher der Hamburger Kulturbehörde, gegenüber unserer Zeitung. «Sämtliche Tickets und Akkreditierungen sind personalisiert, vor dem Betreten des Gebäudes wird es zudem einen Sicherheitscheck geben, wie er auch von Flughäfen bekannt ist.»

Kontrollen wie an Flughäfen? Solche Erfahrungen machte auch das Luzerner Sinfonieorchester auf seiner Tournee nach Istanbul. Intendant Numa Bischof berichtet von Eingangskontrollen wie an Flughäfen im Konzertsaal von Istanbul. Bischof ist überzeugt, «dass wir uns auch hierzulande an solche Sicherheitsvorkehrungen gewöhnen müssen.» Er verweist auf die verschärften Sicherheitsvorkehrungen beim Lucerne Festival im vergangenen Sommer, als beim Eintritt erstmals systematisch sämtliche grösseren Taschen sowie Handtaschen stichprobenartig durchsucht worden sind. «Die Besucher haben die Massnahme mehrheitlich positiv aufgenommen und grosses Verständnis gezeigt», sagt Helmut Bachmann, Kommunikationschef des Lucerne Festivals. Ob die restriktiven Massnahmen aufrechterhalten werden, ist laut Bachmann noch unklar.

«Der Staat muss Stärke signalisieren»

Strenge Einlasskontrollen, möglicherweise Metalldetektoren bei den Eingängen, personalisierte Tickets, Videoüberwachung – was man sich von Reisen mit dem Flugzeug oder dem Besuch grosser Sportanlässe oder Musik-Open-Airs inzwischen eher gewohnt ist, dürfte auch für klassisch-kulturelle Veranstaltungen künftig zur Normalität werden, glaubt Tilman Mayer von der Universität Bonn: «Es gibt Konjunkturen von Sicherheitsdemonstrationen von Staaten. In so einer Phase befinden wir uns momentan. Der Staat muss den Bürgern und auch potenziellen Attentätern Stärke signalisieren.» Die Phase des freiheitlichen Staates, wie er die letzten zehn Jahre definiert worden ist, sei vorerst beendet. Mayer warnt aber davor, das Bestreben nach einem stärkeren Staat per se negativ zu bewerten. «Die Formel des starken Staates kann zwei Bedeutungen haben: Im Sinne der türkischen oder der russischen Entwicklung, wo der starke Staat versucht, die Bürger von oben nach unten autoritär zu lenken. Die andere Seite ist ein starker Staat in liberaler Absicht. Wir brauchen einen gestärkten Staat, der unsere Sicherheit garantiert, damit wir im liberalen Sinne frei weiterleben können. Dafür ist es dann eben zeitweise nötig, dass die Apparatur der Sicherheit für die Bürger sichtbar wird, was unangenehm ist.»

Mayers Kollege von der Universität Bielefeld, Christoph Gusy, sieht das ähnlich. Kulturelle oder sportliche Grossveranstaltungen würden künftig stärker von der angespannten Weltlage betroffen sein. Auch Gusy zieht Parallelen zu den Kontrollen an Flughäfen: «Eine Überwachung technischer Art mit Sicherheitsschleusen, durch die etwa Konzertbesucher hindurchgehen müssen, Metalldetektoren, die es zu passieren gilt, all das wird in Zukunft verstärkt auftreten.» Schärfere Kontrollen dienten nicht zuletzt dazu, den Menschen das höchste Mass an Sicherheitsgefühl zu vermitteln. «Es geht um subjektive Sicherheit. Diese ist mit der tatsächlichen Sicherheit nicht gleichlaufend.» Laut Gusy sei der Ruf nach einem stärkeren Staat seit etwa fünf Jahren wieder verstärkt zu vernehmen. «Die Gesellschaft betrachtet den Staat als schützende Institution. Niemand kann eine Gesellschaft besser vor Terror schützen als der Staat. Er wird deshalb heute viel weniger als Gegner der Freiheit angesehen als noch vor einigen Jahren.»

Christoph Reichmuth/Berlin

Blick in den grossen Konzertsaal der Elbphilharmonie. (Bild: Getty (4. November 2016))

Blick in den grossen Konzertsaal der Elbphilharmonie. (Bild: Getty (4. November 2016))

Die neue Elbphilharmonie in Hamburg (Bild: Grafik: DPA/Lea Siegwart)

Die neue Elbphilharmonie in Hamburg (Bild: Grafik: DPA/Lea Siegwart)

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