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Roh und verstörend: Elena Ferrantes Début «Lästige Liebe»

Ein Vierteljahrhundert war der Roman auf dem Markt und blieb weitgehend unbeachtet. Jetzt liegt Elena Ferrantes Début «Lästige Liebe» in neuer Übersetzung vor.
Anne-Sophie Scholl
Back alley among the crowded neighborhoods of Naples Italy.

Back alley among the crowded neighborhoods of Naples Italy.

Es beginnt wie ein Thriller: Amalia sollte ihre Tochter Delia besuchen, so wie sie etwa jeden Monat einmal von Neapel zu ihr nach Rom reist. Doch sie kommt nicht an. Stattdessen erhält die Tochter drei Telefonanrufe. Beim ersten Anruf sagt ihr die Mutter, sie könne nicht offen reden, ein Mann sei bei ihr. Beim zweiten Anruf überschüttete die Mutter die Tochter mit einem Schwall von Obszönitäten in Dialekt. Beim dritten Anruf erzählt sie von einem Mann, der sie bedrohe und auch ihr, der Tochter etwas antun wolle. Am nächsten Tag, es ist der Geburtstag von Delia, wird der Leichnam der Mutter an einem Strand gefunden. Sie ist halbnackt, trägt nur einen BH, aber einen der allerfeinsten Sorte, und er ist neu, aus einem neapolitanischen Geschäft für teure Dessous. Von ihren üblichen Sachen, die sie seit Jahren besass — das immer wieder umgenähte blaue Kostüm, die alten Schuhe, der abgewetzte kleine Koffer — keine Spur. Doch die 63-Jährige war nicht vergewaltigt worden. Das ist der Auftakt von Elena Ferrantes Debüt «L’amore molesto» von 1992, das nun unter dem Titel «Lästige Liebe» von Karin Krieger neu ins Deutsche übersetzt worden ist — wie zuvor die vier Bände von Elena Ferrantes Tetralogie «Meine geniale Freundin».

Tiefenpsychologie der Stadt

Delia reist nach Neapel zu der Beerdigung, und damit beginnt für sie eine Spurensuche. Es ist jedoch keine kriminalistische Recherche, Delia taucht ein in die Tiefenpsychologie der Stadt, der Beziehungen zwischen den Geschlechtern und ihrer Kindheit. «Mir tat diese Welt von verstörten Alten leid, die sich in Selbstbildern aus längst vergangenen Zeiten verirrt hatten, mal in gutem Einvernehmen, mal auf Kriegsfuss mit den Gespenstern von Dingen und Menschen aus der Vergangenheit», lässt Elena Ferrante ihre Figur sagen.

Delia selbst hatte den Faden gekappt. Sie war in eine andere Stadt gezogen, den Vater, von dem sich die Mutter mehr als zwanzig Jahre zuvor getrennt hatte, hat sie vor zehn Jahren zuletzt besucht. Und jedesmal, wenn die Mutter zu ihr nach Rom kam, ordnete sie nach deren Abreise die Dinge in ihrer Wohnung neu. Doch als sie nach der Beisetzung in Neapel bleibt und versucht zu ergründen, was mit ihrer Mutter passiert ist, wird sie immer mehr in die Vergangenheit hineingezogen, die mit ihren Verstrickungen bis in die Gegenwart greift.

Dreh- und Angelpunkt ist ein Mann mit dem Spitznamen Caserta. Er hatte Amalia in ihren letzten Tagen offenbar den Hof gemacht. Doch wer war dieser Mann? In ihrer Erinnerung verbindet Delia eine Reihe von Assoziationen mit der Buchstabenfolge dieses Namens — von der vagen Erinnerung an einen Park mit fallendem Wasser und dem bangen Vergnügen, sich darin zu verlaufen, über abstrakte Gefühle wie Übelkeit, Schwindel und Atemnot bis zum wirklichen Ort einer Konditorei, die dem kleinen Mädchen, das sie damals war, verboten war — genauso wie der Mutter. Diese kassierte Schläge von ihrem Mann, wenn sie den Namen nur erwähnte. Natürlich tat sie es doch, im Geheimen. Und der kleinen Tochter blieben davon Bilder, die sie «nach Belieben» in sich wachrief, um sie «halb fasziniert und halb angewidert» zu betrachten. «Schon damals wusste ich, dass in diesen Fantasien ein Geheimnis lag, das nicht gelüftet werden durfte, doch nicht deshalb, weil ein Teil von mir keinen Zugang dazu fand, sondern, weil der andere Teil von mir sich in dem Fall geweigert hätte, es zu benennen, und mich von sich weggejagt hätte».

Im Zentrum der weibliche Körper

Caserta wird so zum Platzhalter für die Freiheit und die unterdrückte Sexualität. Denn darum geht es in dem Roman. Im Zentrum steht der Körper, genauer: der weibliche Körper — und die verschiedenen Disziplinierungsmassnahmen, ihn unter Kontrolle zu halten. Da liest man vom Tunnel, den die kaum zwanzigjährige Amalia auf Botengängen durchqueren muss, in dem sie regelmässig handgreiflichen Belästigungen ausgesetzt ist. Man liest von Amalias Mann, der den Körper seiner Frau mit mörderischer Eifersucht verteidigt. Der sich aber auch ebendieses Körpers bedient, um mit gemalten Bildern in provokativen Posen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Man liest vom Mann namens Caserta, der mit Amalias Körper versucht, eine frühe Demütigung wettzumachen. Und man liest von Amalia selbst, die mit den geschneiderten Kleidern den weiblichen Körper bändigt. Die wirkungsvollste Disziplinierung besteht jedoch in der Verinnerlichung: Delia hegt die «heimliche Vermutung», dass im Körper ihrer Mutter «eine natürliche Schuld verankert sei, die sich bei Bedarf in jeder Geste und in jedem Seufzer äusserte».

Ablagerungen der Wirklichkeit

Es sind kraftvolle, rohe Szenen, die Ferrante in der Geschichte überblendet. Sie verstören in ihrer Authentizität und brutalen Direktheit ihres Realismus und wirken zugleich wie Traumsequenzen. Was reale Wirklichkeit ist und was nur in der Vorstellung in Delias Psyche vorgedrungen ist, entschlüsselt sich nicht immer — weil es keinen Unterschied macht. Vielmehr: Die Ablagerungen der Wirklichkeit in der Psyche sind die eigentliche Realität. Der Autorin gelingt das Kunststück, ihre Figuren so zu zeichnen, dass alle als Opfer einer Kultur der Armut, der Unfreiheit und der Gewalt erscheinen — selbst der gewalttätige Ehemann der Mutter.

An der Beisetzung von Amalia spürt Delia «einen feuchtwarmen Schwall» zwischen ihren Beinen. Die «unwillkürliche Auflösung des Körpers» erschreckt sie, «wie die Androhung einer Strafe». Doch die plötzliche Regelblutung ist das Band, das von der Mutter zur Tochter führt. Ferrantelässt in ihrem Debüt Delia mit der Erkenntnis schliessen: «Amalia war einmal. Ich war Amalia». Amalia ist für Delia keine Bedrohung mehr. Sie hat es gelernt, die Kontinuität von Mutter zu Tochter in ihrer Ambivalenz anzunehmen. Elena Ferrante hat das Buch ihrer Mutter gewidmet. Der Roman ist eine Wucht.

Elena Ferrantes Début: 25 Jahre lang ohne Erfolg

«Das ist fürwahr ein Mail, das man nicht gern beantwortet, denn man steht vor der Literaturgeschichte als Depp da», schreibt Hans Jürgen Balmes, Programmleiter beim S.-Fischer-Verlag, wo Elena Ferrantes Début 1994 erstmals, erfolglos, auf Deutsch erschien. Der List-Verlag publizierte 2003 das Début noch einmal, auch die weiteren frühen Romane Ferrantes wurden in den Nullerjahren von List und BTB auf Deutsch veröffentlicht. Die Grössenordnung für die damalige Auflage bezeichnet Balmes als «überschaubar». Erst durch den Erfolg in den USA sei das Scheinwerferlicht auf Ferrante gefallen. Derzeit liegt die Gesamtauflage aller Ferrante-Titel im deutschsprachigen Raum bei gigantischen 1,5 Millionen Exemplaren. Der Suhrkamp-Verlag lässt nach der Neapel-Tetralogie nun auch die drei frühen Romane neu übersetzen.

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