Das Oberhaupt des Marsalis-Clans am
Corona-Virus gestorben

Der bedeutende Jazz-Pianist und Pädagoge Ellis Marsalis wurde 85 Jahre alt. Noch bis im Dezember letzten Jahres trat er regelmässig auf.

Stefan Künzli
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Ellis Marsalis im letzten Jahr am Jazz & Heritage Festival in New Orleans.

Ellis Marsalis im letzten Jahr am Jazz & Heritage Festival in New Orleans.

Sophia Germer / AP

Im internationalen Jazz wurde er erst richtig bekannt, als seine Söhne zu Jazzstars aufstiegen. Doch Ellis Marsalis war weit mehr als der Vater und Oberhaupt der berühmtesten Jazz-Familie aus New Orleans. Zuerst war er ein fantastischer Pianist, der die ganze Tradition des Piano-Jazz von Fats Waller, über Art Tatum bis zu Oscar Peterson in sich trug, aber auch die regionalen Spielarten seiner Heimatstadt pflegte.

Ellis Marsalis ist aber wahrscheinlich einer der wichtigsten Pädagogen des Jazz. Von 1967 bis 1975 war er Dozent für afroamerikanische Musik und Improvisation an der Xavier University of Louisiana in New Orleans. Danach war er Direktor des New Orleans Center for the Creative Arts (NOCCA). Ellis Marsalis galt als Patriarch. Als solcher brachte er nicht nur seinen Söhnen Wynton, Branford, Jason und Delfayo das Einmaleins der Improvisation bei, auch bekannte Jazzmusiker wie Nicholas Payton, Donald Harrison, Terence Blanchard und viele andere gingen durch seine Schule. Vor neun Jahren wurde in seiner Heimatstadt das Ellis Marsalis Music Centre eröffnet.

Ellis Marsalis verbrachte fast sein ganzes Leben in seiner Heimatstadt und spielte deshalb vor allem im regionalen Rahmen. Im Laufe seiner Karriere arbeitete er mit Nat Adderley, der Rebirth Brass Band von Kermit Ruffins und David "Fathead" Newman. 1956 kam es aber auch zu einer Begegnung mit Ornette Coleman, dem späteren Vater des Free Jazz. In den 90er-Jahren nahm er als Bandleader einige Alben auf, die international hoch beachtet wurden. So etwa mit seinem Trio (Blue Note, 1990), Solo ("Duke In Blue", 1999) oder auf dem Album "Whistle Stop" (1993) mit seinen Söhnen Branford und Jason Marsalis. Mit Wynton, seinem ältesten und berühmtesten Sohn, veröffentlichte er 1995 das Album "Joe Cool's Blues". Obwohl die Marsalis-Familie fast eine komplette Band bildete, trat sie nur selten gemeinsam auf. Und vor allem als die Söhne noch jünger waren. 2003 gab es immerhin eine gemeinsame Tour an der Ostküste der USA.

"Ellis Marsalis war eine Legende. Er war der Prototyp von dem, was wir meinen, wenn wir über Jazz aus New Orleans sprechen", sagte die Bürgermeisterin von New Orleans, LaToya Cantrell. Im Alter von 85 Jahren ist er am 1. April an einer Lungenentzündung gestorben, nachdem er sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert habe. Das teilten unabhängig voneinander sein Sohn Branford und Ellis Marsalis III. mit. Bis im Dezember letzten Jahres war er noch regelmässig aufgetreten.