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«Bei mir ist alles Sucht»: Elton John wollte doch nur geliebt werden

Er gehört zu den erfolgreichsten Songschreibern der Popgeschichte. Jetzt ist der 72-jährige Engländer auf grosser Abschiedstournee und sein Filmbiopic «Rocket Man» kommt in die Kinos. Eine Würdigung.
Stefan Künzli
Stationen in Elton Johns Karriere: Vom Popstar der 1970er-Jahre bis zum Liebling in Cannes. (Bild: Bilder: Michael Webb/Getty 20.1.1973), Martin Rütsche/KEY (Lond)

Stationen in Elton Johns Karriere: Vom Popstar der 1970er-Jahre bis zum Liebling in Cannes. (Bild: Bilder: Michael Webb/Getty 20.1.1973), Martin Rütsche/KEY (Lond)

Schuld sind die 80er! Das Jahrzehnt des Plastik-Pop. Die Jahre, in denen die Geschmacksverirrungen kultiviert wurden. Die Jahre, in denen die Musikindustrie das Zepter übernommen hatte und die Bands auf Kommerz und Radiotauglichkeit getrimmt wurden: 3-Minuten-Songs und Instant-Refrains lautete der Befehl. Wer nicht spurt, fliegt! Nacheinander lösten sich die führenden Bands wie Deep Purple und Led Zeppelin auf oder unterwarfen sich wie Yes, Genesis und Queen dem Diktat der Pop-Wächter. Elton John war von diesem Gezeitenwechsel ebenfalls betroffen. Zuvor, zwischen 1972 und 75 veröffentlichte er neun Alben, von denen sechs in den USA Platz 1 erreichten. Elton John war auf dem Höhepunkt seiner Popularität und Schaffenskraft. Doch Ende der 70er-Jahre, unterstützt von Alkohol und Drogen, stürzte er ab und schlitterte in eine massive persönliche und musikalische Krise.

Der Erfolg verblasste und er trennte sich zwischenzeitlich sogar von seinem Texter Bernie Taupin, mit dem er seit 1967 zusammenarbeitete.

Vom rockenden Paradiesvogel zum Schnulzenkönig

Elton John beugte sich dem kommerziellen Druck. Der begnadete Songschreiber hatte ja immer ein Faible für grosse Balladen: «Your Song», mit dem er den Durchbruch schaffte, «Rocket Man», «Daniel», «Goodbye Yellow Brick Road», «Candle In The Wind» sind Meisterwerke der Popgeschichte. Sie unterscheiden sich aber deutlich von den schmierig arrangierten und instrumentierten Balladen der 80er-Jahre. Songs wie «Little Jeannie» und «Blue Eyes» erreichten zwar wieder höchste Chartsränge, liessen die einstige harmonische, melodische und formale Raffinesse von Elton John aber vermissen. Und vor allem: Der rockende Paradiesvogel mit dem Brillen-Spleen verwandelte sich in den Kuschelkater und Schnulzenkönig mit Songs von triefender Sülze. Elton John wurde zum zuverlässigen Lieferanten von glattpoliertem Pop mit Hang zu Pomp, Streicherpaste und Plüschexzess.

«Bei mir ist alles Sucht», sagte er einmal. Erfolg war eine Sucht wie Alkohol und Drogen. Er wollte geliebt werden. Das wird auch im Film «Rocket Man» von Dexter Fletcher deutlich, der jetzt in die Kinos kommt (siehe Box). Der 1947 als Reginald Kenneth Dwight in der Nähe von London geborene Musiker war ein ungeliebtes Kind, litt unter dem Desinteresse seines Vaters. Gleichzeitig war dies der Antrieb für seine Karriere. Er wollte es allen zeigen. Der dickliche, stark kurzsichtige, homosexuelle Sänger und Pianist mit Haarausfall war nicht der Prototyp des Popstars. Der überdimensionierte Glitzer, das bizarre Outfit, die Arbeitswut, Alkohol und Drogen waren eine Flucht vor sich selbst. Er wollte jemand anders sein, legte seinen Namen ab, wurde der von allen geliebte Popstar.

In seiner Autobiografie erklärte er es selbst: «Die 70er-Jahre waren für mich wie eine Rebellion gegen die deprimierenden Erfahrungen meiner Kindheit. Das war nicht einfach ein Stilmittel, um mit Leuten wie Bowie und Bolan konkurrieren zu können. So habe ich alles etwas doller getrieben. Als Popstar fand ich die unbegrenzten Möglichkeiten, meinem Alter Ego freien Lauf zu lassen».

Schluss mit Glitzer und Glamour

Der Film «Rocket Man» beginnt aber mit der zweiten Zäsur, dem Schicksalsjahr 1988. Elton John sitzt im Vogelkostüm in einer Selbsthilfegruppe von Suchtkranken und blickt auf sein bisheriges Leben zurück. Er will sich radikal ändern. Schluss mit den Drogen, Schluss mit der Maskerade. Er lässt sich von seiner Frau Renate scheiden und bekennt sich offen zur Homosexualität. Er lernt John Furnish kennen, den er später heiratet. Mit ihm und den gemeinsamen Söhnen Zachary und Elijah findet er jenes Familienglück, das ihm in seiner Kindheit fehlte.

Das veränderte auch seine Karriere fundamental. Die Prioritäten verschoben sich, er musste niemandem mehr etwas beweisen. «Jetzt mache ich nur noch die Musik, die ich selber liebe», verriet er in einem Interview. Seither schrieb er bewusst keine Hits mehr. «Charterfolg bedeutet mir nichts mehr», erklärte er. Stattdessen wandte er sich dem Soundtrack seiner Jugend zu: Rock ’n’ Roll, Boogie Woogie, Country, Gospel und Songs wie «Honky Cat» und «Crocodile Rock». Auch musikalisch hat Elton John wieder zu sich selbst gefunden. Bei all der Sülze hätten wir fast vergessen, dass Elton John vor allem ein herausragender Boogie-Pianist ist.

«Rocket Man» stellt «Bohemian Rhapsody in den Schatten

Der Film «Rocket Man» von Dexter Fletcher ist die Geschichte des Popgenies Elton John und die Geschichte des ungeliebten Reginald Dwight, der von Selbsthass geplagt in den Drogensumpf gerät. Und es ist die Geschichte eines Menschen auf der Suche nach Liebe und dem eigenen Ich. Dabei dienen die autobiografisch gefärbten Songs als perfekter Soundtrack. «Rocket Man» etwa erzählt von einem Astronauten, dem vor Einsamkeit die Sicherungen durchbrennen. Und «Goodbye Yellow Brick Road» markiert jene Zäsur, als der Popstar Abschied von der Glitzerwelt nimmt. Herausragend ist die Leistung von Elton-Darsteller Taron Egerton als Sänger und Schauspieler. Regisseur Fletcher hat schon entscheidend zum letztjährigen Erfolg des Oscar-preigekrönten Films «Bohemian Rhapsody» über Freddie Mercury beigetragen. In «Rocket Man» setzt er noch eins drauf und stellt «Bohemian Rhapsody» locker in den Schatten. (sk)

Der Elton John, den wir mögen

Mit weltweit über 250 Millionen verkauften Einheiten, unzähligen Welthits, sechs Grammys und einem Oscar gehört Elton John zu den erfolgreichsten Popstars. Hier wollen wir aber vor allem seine kreativste Phase von 1970 bis 1975 feiern. Allen voran das Album «Honky Château» (1972) mit der wohl besten Bandbesetzung. Dann das epochale Doppelalbum «Goodbye Yellow Brick Road» (1973), das den gesamten musikalischen Reichtum des Elton-John-Universums präsentiert und «Rock Of The Westies» aus demselben Jahr, das den späteren Schmusebarden von seiner rockenden Seite zeigt. Es ist der Elton John, den wir mögen.

Hinweis

Live: 29. Juni am Montreux Jazzfestival (ausverkauft).

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