Fumetto auf anderen Kanälen: Das Ende der Welt wird kunstvoll inszeniert

Das Fumetto 2020 fällt dem Coronavirus zum Opfer. Trotzdem kann man einiges der betroffenen Comic-Kunst in anderer Form sehen.

Jana Avanzini
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Trauriger einsamer Vogelmensch in einer Story von Pedro Mancini, die im aktuellen Strapazin auf Deutsch und Spanisch publiziert ist.

Trauriger einsamer Vogelmensch in einer Story von Pedro Mancini, die im aktuellen Strapazin auf Deutsch und Spanisch publiziert ist. 

Bild: Fumetto

Die Arbeit ist gemacht, doch die Gruppen-Ausstellung «El fin del mundo» («Das Ende der Welt»), die am diesjährigen Fumetto hätte gezeigt werden sollen, fällt wie das ganze Festival aus. Zu sehen gewesen wären die Arbeiten von acht argentinischer Comic-Künstlerinnen und -Künstlern, die sich auf unterschiedlichste Art mit dem Ende der Welt befasst hatten. Mit persönlichen, mit politischen oder gesellschaftlichen Apokalypsen. Ein Thema, das in der Coronakrise speziell berührt.

Ab kommendem Samstag hätte man die Werke in der Kapelle an der Rössligasse sehen können. «Es ist bitter», sagt Co-Projektleiterin und -Kuratorin Corinne Odermatt: «Kürzlich arbeiteten wir noch am Versand der «Strapazin»-Magazine, doch mit jedem Tag wurde uns mulmiger zumute.» Es habe sich angefühlt wie «ein langsamer Sturzflug in die Schockstarre».

Am «Allerwertesten der Welt»

Mit den Argentiniern Alejandro Bidegaray und José Sainz hat die Nidwaldnerin Odermatt diese Ausgabe des Comic-Magazins «Strapazin» geplant. Alle drei gemeinsam haben mit Jana Jakoubek, der künstlerischen Leiterin des Fumetto, die dazugehörige Ausstellung kuratiert. «Wir haben vor zwei Jahren mit der Arbeit für diese Ausgabe des ‹Strapazin› begonnen», so Odermatt. Dazu gehörte eine weitläufige Recherche in der argentinischen Kunst- und Comicszene.

Der Titel der Ausstellung ist erstmal eine geografische Referenz: Wird doch Ushuaia, die extrem abgeschiedene und südlichste Stadt der Welt, gerne das Ende der Welt genannt. «El culo del mundo hört man da auch öfters. Das heisst, nett gesagt: «der Allerwerteste der Welt». Doch es sind Politik und Wirtschaft, die in Argentinien regelmässig ins Chaos stürzen. «Argentinien kennt sich aus mit Krisen, das Land durchlebt eine endlose Achterbahnfahrten zwischen goldenen Zeitaltern und Abstürzen in beispiellose Wirtschaftskrisen», so Odermatt. Die Liste beinhaltet die Diktatur von 1976 bis 1983, den wirtschaftlichen Zusammenbruch von 2001, bei dem in zwei Wochen fünf Präsidenten anwesend waren, und das nicht nachhaltige Wachstum von Inflation und Staatsverschuldung in den letzten vier Jahren. Es scheint, als drohe in Argentinien stets ein nächster Zusammenbruch unter dem dünnen Lack der Zivilisation.

Der Ausstellungstitel «El fin del mundo» verweist auf solche unterschiedlichsten soziokulturellen, historischen und politischen Themen. Und darauf, wie fragil unsere Welt doch ist, wie schnell es gehen kann. «Wir wollten das Thema aber nicht nur düster und fatalistisch betrachten», so Odermatt. Auch die Hoffnung sollte mitschwingen. So steht das Ende auch als Chance für einen Neubeginn. «Wie die aktuelle feministische Revolution in Südamerika, eine junge Bewegung, die spür- und sichtbar an der Gleichstellung und am Ende des Patriarchats arbeitet», sagt Odermatt.

Zeichnung von Jazmín Varela, Teil des feministischen Kunst-Kollektivs Cuadrilla Feminista.

Zeichnung von Jazmín Varela, Teil des feministischen Kunst-Kollektivs Cuadrilla Feminista.

Zu dieser Bewegung zählt auch die Comic-Künstlerin Jazmín Varela aus Rosario. Sie ist Teil des feministischen Kunst-Kollektivs Cuadrilla Feminista. Mit Guerilla-Kunst in Form von politischen und gesellschaftskritischen Plakaten macht das Kollektiv in den Strassen Rosarios die Forderungen von Minderheiten sichtbar. Sie hätte am Fumetto ausgestellt, genauso wie Nacha Vollenweider aus Cordoba. Vollenweider reflektiert in ihrer Arbeit das wiederkehrende Ende ihrer Heimat Argentinien. Für sie endet die Welt etwa alle zehn Jahre. Vier massive Krisen hat die Künstlerin in ihren knapp vierzig Lebensjahren bereits erlebt. «Nun sitzt sie wegen der Pandemie in der Schweiz fest und hat hier damit begonnen, diese fünfte, aktuelle und internationale Krise zeichnerisch zu verarbeiten», so Corinne Odermatt, die mit der Gestrandeten in regem Kontakt steht.

Comics werden nach Hause geliefert

Die Kunstschaffenden unterstützen und ihre Arbeit begutachten kann man, indem man das aktuelle «Strapazin» bestellt. Das Magazin präsentiert auf 80 Seiten die Arbeiten 14 zeitgenössischer Zeichnerinnen und Zeichner aus Argentinien, alle Teil der zeitgenössischen Comicszene. Die Erstpublikationen werden erstmals dem deutschsprachigen Publikum in Deutsch und Spanisch präsentiert.

Das Luzerner Ampelmagazin hatte für das diesjährige Fumetto ebenfalls eine Ausstellung geplant und dazu gleich zwei neue Ausgaben publiziert, die man anstelle des Ausstellungsbesuchs erwerben kann. So auch Maurane Mazar’s Publikation, die in der Schleuder-Ausstellung präsentiert worden wäre. Und dem Fumetto kann man Solidarität zukommen lassen, indem man die geplante Aktion unterstützt, die bald über die Kanäle des Festivals kommuniziert wird. Teil davon wird auch das Fumetto-Shirt mit einem Comic von Simon Hanselmann sein – womit man das Fumetto zur mobilen Ausstellung machen kann. Mobil im Rahmen der bundesrätlichen Verordnungen natürlich.

Das Titelbild des «Strapazins», gezeichnet von Julia Inés Momone.

Das Titelbild des «Strapazins», gezeichnet von Julia Inés Momone.

Das Magazin (links) gibt es für 12 Franken via www.strapazin.ch.

Auch auf Instagram findet man Comics der Künstlerinnen und Künstler. Die politischen Guerilla-Plakate aus Rosario etwa bei @cuadrillafeminista. Und folgt man @javiervelasco77 , @notanparecidos, @powerpaola, @jazminvarela_, @feli_punch, @nacha_vollenweider, @bertadipaolo und @femimutancia erhält man Eindrücke, auch unabhängig vom Strapazin und der abgesagten Ausstellung.