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Von der Frau zum Mann: «Endlich darf ich in die Männergarderobe»

Als Frau in Frankreich geboren, lebt Jayrôme C. Robinet heute als Mann «mit Migrationshintergund» in Berlin. Mit Humor und Sensibilität beschreibt er seinen Wechsel von Kultur und Geschlecht.
Valeria Heintges
Einst Céline aus Valenciennes, heute Jayrôme C. Robinet in Berlin. (Bild: Ali Ghandtschi)

Einst Céline aus Valenciennes, heute Jayrôme C. Robinet in Berlin. (Bild: Ali Ghandtschi)

Das erste Mal als Mann im Fitnessstudio, das erste Mal in der Männerumkleide. Der erste Bartwuchs, das erste Treffen mit einer Frau, das erste Mal bei den Eltern, die keine Tochter mehr haben, sondern einen Sohn. Céline Robinet wird 1977 in Valenciennes in Nordfrankreich geboren. Heute lebt er in Berlin und heisst Jayrôme C. Robinet, das «C.» noch als kleine Erinnerung an sein Leben als Frau. In seinem Buch beschreibt er sein Passing, den Übergang von seinem Leben als Frau zu dem als Mann.

Wie lange und wie intensiv darf er Frauen beobachten?

Der erste Satz «Heute also zum ersten Mal in die Männerumkleide» bezeugt, dass das ein Weg ist, den man mit vielen kleinen Schritten gehen muss. Immer wieder kommt Robinet in ­Situationen, die ihn fordern, die aber auch seine Umgebung auf die Probe stellen, und die der Autor Robinet mit gutem Gespür für Timing und Dramatik aufspürt und beschreibt. Geschickt springt er dabei zurück in seine Vergangenheit als Frau in Frankreich und wieder vor in seine Gegenwart als Mann in Berlin und seiner lebhaften Transgenderszene. Dabei zeigt sich bald, dass er, der das Frausein und das Mannsein kennt, beides so gut vergleichen kann wie wenig andere. Das Frausein kennt er, das Mannsein muss er lernen. Wie lange und wie intensiv darf er Männer und Frauen beobachten, ohne als Starrer, Spanner oder sonst als Sonderling zu erscheinen.

Robinet legt Wert auf die Tat­sache, dass nicht die sexuelle Orientierung sein Thema ist, sondern die geschlechtliche Identität. Als Mädchen trug Céline Knabenkleider, bis sie sah, wie unangenehm es dem Vater war, dass man die Tochter für einen Knaben hielt. Also schwenkte sie um, auf körperbetonte Shirts und kurze Röcke. In der Pubertät kam das Unwohlsein, das Sich-falsch-Fühlen. Im Alter von 19 Jahren das lesbische Coming-out. Aber es fühlt sich immer noch an, als sei alles gelogen. «Ja, ich fühle mich zu Frauen hingezogen, aber nicht als Lesbe, und ich fühle mich auch zu Männern hingezogen, aber nicht als heterosexuelle Frau», beschreibt er sein Dilemma der Psychiaterin gegenüber, die ihm die Testosterontherapie genehmigen soll. Sie soll das Ende bringen für das Unwohlsein, die Einsamkeit. Als die Ärztin die Therapie genehmigt, ­beginnt der körperliche Wandel, den Jayrôme mit Humor beschreibt, ohne die unangenehmen Seiten zu verschweigen.

Jayrôme sieht plötzlich aus wie ein Nordafrikaner

Doch Robinet hat nicht nur das Geschlecht, sondern auch das Land gewechselt, und mit ihm die Sprache, in der er schreibt. Zwei Bücher hat er als Céline auf Französisch und nun schon zwei als Jayrôme auf Deutsch veröffentlicht.

Verrückt, dass er als Mann nicht nur viel jünger wirkt und ständig nach seinem Ausweis gefragt wird – als fast 40-Jähriger. Sondern dass er plötzlich auch aussieht, als käme er nicht aus Frankreich, sondern aus Nordafrika. Keine Rede mehr vom Charme der Französin, stattdessen ­ständig der Verdacht, er könnte eine Gefahr darstellen. Robinet besteht darauf, weiss zu sein – und fühlt sich komisch dabei, als ­bestünde er auf einem Privileg, grenze sich ab gegen Migranten.

Er weiss wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu werden.

Robinet hat sich bereits als Slammer einen Namen gemacht, er argumentiert auch als Autor dezidiert politisch über Themen wie Toleranz und Gendergerechtigkeit. Zuweilen übertreibt er vielleicht, wenn plötzlich noch die leiseste Freundlichkeit der Bedienung als Achtung vor Männlichkeit oder Respekt vor dem Geschäftsanzug erklärt wird. Aber ändert nichts daran, dass sein Werk nicht nur ein gekonntes Plädoyer für mehr Toleranz ist, sondern auch einen Einblick bietet in eine Welt, die vielen von uns unbekannt ist – ohne reisserische Aufmachung und mit der richtigen Mischung von Humor, Ernsthaftigkeit und Sensibilität.

Jayrôme C. Robinet: Mein Weg von einer weissen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund, Hanser, 214 S., Fr. 33.–

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