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Katie Melua: «Endlich kann ich atmen»

Die Georgierin mit Wohnsitz bei London ist mit ihren gefälligen Songs und der schmeichelnden Stimme prächtig im Geschäft. Ein Gespräch über ihren Werdegang, Paul Simon und den runden Geburtstag ihrer Grossmutter.
Interview: Steffen Rüth
Neue Tournee und das erste «Best of»-Album: Am 10. November gastiert Katie Melua in Zürich. (Bild: Isa Foltin/Getty (Hamburg, 6. September 2018))

Neue Tournee und das erste «Best of»-Album: Am 10. November gastiert Katie Melua in Zürich. (Bild: Isa Foltin/Getty (Hamburg, 6. September 2018))

Die 34-jährige Katie Melua zieht auf ihrem neuen Album «Ultimate Collection» und der gerade ­beginnenden Tournee ein erstes Resümee ihrer Karriere. Als wir sie für dieses Interview anrufen, sitzt sie in ihrer Küche und schreibt an einem Songtext. Im Sommer ist Melua mit ihrem Mann, dem Ex-Motorradrennfahrer James Toseland, ins Grüne gezogen, etwas ausserhalb von London.

Katie Melua, vor kurzem waren Sie in ihrer früheren Heimatstadt Tiflis und wurden zur Ehrenbürgerin ernannt. Wie war das für Sie?

Das war einer der schönsten Tage meines Lebens. Ich hatte selbst die Idee, an meinem Geburtstag in Tiflis zu spielen, es war ein herrliches Konzert. Mittendrin kam plötzlich der Bürgermeister auf die Bühne und überreichte mir den Schlüssel der Stadt. Am Ende gab es noch ein krasses Feuerwerk. Ich war sprachlos. Die Georgier sind so tolle Menschen, so liebevoll. Ich bin richtig stolz, eine von ihnen zu sein.

Sie sind mit acht Jahren nach dem georgischen Bürgerkrieg mit Ihrer Familie nach Grossbritannien ausgewandert. Wie häufig sind Sie noch in Ihrem Heimatland?

Ein paar Mal im Jahr. Ich habe in Gori vor zwei Jahren das Album «In Winter» mit dem Gori Women’s Choir aufgenommen, das war eine wunderbare Zeit. 16 Frauen aus dem Chor werden mich nun auch auf meiner Tournee begleiten. Im April war ich in Batumi am Schwarzen Meer, zum 80. Geburtstag meiner Oma.

Wie war das denn?

Wahnsinnig lustig. Meine Oma ist schon seit dreissig Jahren Witwe. Seitdem hatte sie keinen Partner, obwohl einmal im Jahr ein Mann mit Blumen an die Tür klopft und sie um ein Date bittet.

Ein ehemaliger Bauarbeiter, ein freundlicher Kerl, aber Oma, die mit ihrer Tochter und Nichte ­zusammenlebt, geht nie mit.

Jetzt hatten wir also die Idee, machen wir eine reine Mädelsparty. Ihre Freundinnen, meine Mutter, ich, es kamen ausschliesslich Frauen, wir alle tanzten, sangen und assen. Es war herrlich.

Ist Ihnen das auch schon passiert, dass ein Verehrer mit Blumen ankam?

Einmal, mit 17. Ich fand das süss. So was macht man ja heutzutage überhaupt nicht mehr, und schon gar nicht in London, wo alle immer so beschäftigt und gestresst dabei sind, die Karriereleiter hochzuklettern.

In Georgien scheinen mir die Menschen noch einen Hang zur Romantik zu ­haben, auch zur Musse. Sie legen ihr Herz im wahrsten Sinne des Wortes auf die Türschwelle.

Sie haben mit 19 Ihr erstes Album «Call Off The Search» rausgebracht und sind sofort berühmt geworden. Die Musikbranche ist nicht unbedingt ein Hort der guten Manieren. Haben Sie jemals etwas #MeToo-Artiges erlebt?

Nein. Ich hatte nie ein ungutes Erlebnis oder auch nur das ­Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Bei mir war es eher andersherum extrem. Ich wurde fast schon überbehütet, man passte wahnsinnig gut auf mich auf. Mike Batt war mein Entdecker, Produzent, Songschreiber, Manager und Plattenfirmenboss in einer Person. Da er alle Rollen auf einmal ausfüllte, war ich kaum anderen Menschen innerhalb der Musikindustrie ausgesetzt.

Mike hat alles gemacht, alles kontrolliert.

Es war eher so eine Familien­atmosphäre, er baute sein ganzes Unternehmen um mich herum auf und liess jahrelang keine anderen Produzenten oder Komponisten auch nur in meine Nähe.

Das hört sich auf andere Art ungesund an.

War es auch. Ich fühlte mich ­damals zunehmend bedrängt, so unfrei. Ich wollte da ausbrechen und mit anderen Leuten arbeiten, was ich dann mit William Orbit auf dem Album «The House» 2010 endlich durfte. Trotzdem: Das war mir alles zu viel, zu eng.

Heute arbeiten Sie nicht mehr mit Mike Batt, von dem Ihre Hits wie «Nine Million Bicycles» stammen, zusammen.

Nein. Wir hatten einen Vertrag über sechs Alben, den hatte ich nach «Ketevan» erfüllt. Für mich war es keine Frage, dass ich mich anders orientieren würde. Ich bin Mike sehr dankbar, wir haben Grossartiges zusammen geschaffen, aber nach zehn Jahren wollte ich gern Neues ausprobieren, Experimente wagen, einfach atmen.

Ein Stück auf «Ultimate Collection» ist «Bridge Over Troubled Water». Was ist Ihr Bezug zu diesem Song?

Du hörst dieses Lied, und deine Stimmung hellt sich umgehend auf, das passiert binnen Sekunden. Und das ist für mich auch der Vorteil der Musik gegenüber anderen Künsten wie Theater, Literatur oder Film. Um dich von einem Song gefangen nehmen zu lassen, musst du kein Geld bezahlen, nirgendwo anstehen oder stundenlang lesen. Lieder wie dieses sind der Grund, warum ich es liebe, als Sängerin zu arbeiten.

Ich selbst tauche beim Singen ein in diese Welt und fühle mich verwandelt.

Wovon handelt der Song aus Ihrer Sicht?

Von bedingungsloser Liebe. Ich bin für dich da, und ich gebe mich für dich hin. Eine schönere Metapher kann ich mir gar nicht ausmalen. Paul Simon ist sowieso ein wundervoller Mensch. Beim Montreal Jazz Festival habe ich ihn mal kennen gelernt und ihm speziell für das Album «Graceland» gedankt. Er war so bescheiden und meinte nur: «Wenn ich es nicht gemacht hätte, hätte es jemand anderes getan.»

Sind die berühmtesten Künstler nicht immer auch die bescheidensten?

Oft jedenfalls. Manche müssen Bescheidenheit und Demut auch erst lernen.

Zu welcher Sorte zählen Sie sich?

Mich hat das damals schon beeindruckt, welche Macht du plötzlich über die Menschen hast. Ich war noch ein Teenager oder ­Anfang 20, und die Liebe, die all diese fremden Leute dir im Konzert zuteilwerden lassen, die ist verrückt und nicht ganz greifbar. Manche Kollegen werden sehr abhängig von dieser Bewunderung, das ist wie eine Sucht. Wenn eine Tour vorbei ist, fehlt dir der Applaus, und die Leute, die dich in Watte gepackt und ­alles Unangenehme von dir ferngehalten haben, sind nicht mehr da.

Nach einigen Jahren habe ich gespürt, dass ich falsch werde, oberflächlich, zickiger.

Ich fühlte mich, als würde ich von innen ausgehöhlt.

Sie konnten sich selbst nicht mehr ausstehen?

Kann man so sagen, ja. Ich war immer sehr ehrgeizig, ich habe gedacht, ich arbeite hart, der ­Erfolg ist die Norm, der steht mir zu. Wie schwer das alles in Wirklichkeit ist und wie viel Glück ich auch hatte, ist mir erst später nach und nach bewusst geworden.

2010 hatten Sie ein Burn-out, mussten in einer Klinik behandelt werden, haben Medikamente nehmen müssen. War das die Quittung?

Heute denke ich, meine Krankheit war das Resultat aus meinem Verhalten und den Umständen. Ich hatte mich in kreativen Konflikten aufgerieben, war rastlos, gleichzeitig war da diese bescheuerte Arroganz, alles besser zu wissen. Ich hatte das Wesentliche verloren: meine Liebe zur Musik. Die ist glücklicherweise wieder zurückgekehrt, als es mir besser ging. Wenn ich mir die 33 Songs dieser Kollektion anhöre, empfinde ich Stolz auf diese Lieder, und ich habe weit überwiegend glückliche Erinnerung.

Von den Georgiern heisst es, dass sie sehr alt werden. Wenn Sie alle 15 Jahre ein «Best Of»-Album machen, wie viele sind Ihr Ziel?

Also ich habe nicht vor, so schnell aufzuhören. Es gibt in der Musik noch so viel für mich zu entdecken, ich habe eine Menge Pläne und hoffe, dass ich ein langes ­Leben haben werde. Das mit der hohen Lebenserwartung habe ich auch gelesen. Ich glaube, das liegt daran, dass wir vieles essen, was tatsächlich daheim angebaut wird, und dass das Klima einem gesunden Leben sehr zuträglich ist.

Katie Melua featuring The Gori Womens Choir 2018: Sa, 10.11, Halle 622, Zürich-Oerlikon.

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