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ENDLICHKEIT: Luzerner Fotograf Fabian Biasio: «Gestorben wird im Hinterzimmer»

Der Luzerner Fotograf Fabian Biasio (41) stellt über Allerheiligen Bilder zum Thema Tod aus. Zudem hat er ein Webportal für Bestattungsplanung eröffnet und lässt eines für die Planung von Palliativpflege folgen.
Susanne Holz
Stirbt man in Varanasi (Motive oben), gelangt man direkt ins Nirwana, so der Glaube.Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 29. Oktober 2016)

Stirbt man in Varanasi (Motive oben), gelangt man direkt ins Nirwana, so der Glaube.Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 29. Oktober 2016)

Fabian Biasio, Ihre aktuelle Fotoausstellung in der Luzerner Heiliggeistkapelle ist übertitelt mit: «So ein schöner Tod?» Kann der Tod denn schön sein?

Die Ausstellung zeigt unter anderem eine Diaprojektion vom Sterben meines Vaters, Silvio Bruno Biasio. Der Prozess des Sterbens war schrecklich, aber zuletzt war eine Ruhe und eine Würde im Raum, die ich nie vergessen werde. Seither weiss ich: Der Tod kann mit Würde und Dankbarkeit verbunden sein.

Wie haben Sie sich nach dem Tod Ihres Vaters, den Sie in seinen letzten Wochen intensiv begleitet haben, gefühlt?

Der Gefühlsmix ähnelte dem nach der Geburt meiner Kinder: Ich war durch den Wind. Sprich, ich war zugleich müde, erschöpft und dankbar. Am Tag nach dem Tod meines Vaters unternahm ich allein eine Bergwanderung. In diesen zwölf Stunden war ich glücklich und traurig zugleich. Glücklich, weil mein Vater bis zuletzt seinen Humor behalten hatte. Am 1. Januar 2015 schrieb mein Vater seinen Lebenslauf – ein halbes Jahr vor seinem Tod, als klar war, dass sein Prostatakrebs ihn nicht mehr lange ­würde leben lassen. Ganz oben notierte er sein Motto: «Mach keine Wippchen», was so viel bedeutet wie «Gib nicht so an». Ich habe auch gelacht auf der Wanderung – es braucht Mut, in solch einen Lebenslauf einen Witz zu verpacken.

Ihr Vater ist im Sommer 2015 gestorben?

Er ist am 19. Juli 2015 im Alter von 77 Jahren gestorben. Im Herbst 2014 hatten seine Beschwerden begonnen – weshalb er im darauffolgenden Mai in die Schweiz zurückkehrte. Mein Vater hatte sieben Jahre lang in der Karibik gelebt. Er verbrachte dort eine schöne Zeit bei guter Konstitution.

Wie haben Sie den Tod Ihres Vaters im Spital in Zürich erlebt?

Es war eine heisse Sommernacht, seine Lebenspartnerin war bei ihm und seine vier Kinder aus zwei Ehen. Wir Söhne sind irgendwann in der Nacht gegangen. Ich habe gewusst, ich sehe ihn zum letzten Mal und habe mich verabschiedet.

Ihr Vater selbst hat angeregt, sein Sterben zu dokumentieren. Was war er für ein Mensch? War er neugierig, offen, modern?

Von Beruf war er Psychologe. Er lehrte Unterrichtsdidaktik und bildete Lehrer aus. Er hat Bücher geschrieben, Politik gemacht, Musik gemacht. Mein Vater kam aus einer Arbeiterfamilie und war sein Leben lang Sozialdemokrat. Als Mensch war er neugierig und offen. Er war kein Freund grosser Worte, mochte es aber direkt. Meine Mutter erzählte mir zudem, dass er immer davon geträumt habe, Journalist zu sein. Dass ich Fotojournalist geworden bin, hat ihn wahnsinnig gefreut.

Deshalb auch der Vorschlag an Sie, den Tod zu bebildern?

Er sagte: «Du kannst mich für Deine Arbeit verwenden.» Als ich ihn in seinen letzten Wochen fotografierte, standen jedoch die Besuche im Vordergrund und nicht das Fotografieren. Und ich habe mich schon gefragt: Möchte ich mich jetzt in meinen Vater, das Fotoobjekt, hineinversetzen? Ich habe für mich beschlossen, derzeit keine Prints von diesen Fotos zu machen, sondern nur eine Diaprojektion, wie sie bei der Ausstellung gezeigt wird. So erscheinen die Fotos als «vergängliche» Lichtbilder.

Das Thema Tod beschäftigt Sie als Fotograf schon länger. So haben Sie im Kosovo während des Kriegs fotografiert und in Texas eine Reportage über die Todesstrafe realisiert. Eine Frage der Sensibilität?

Gute Fotografie ist etwas anderes, als der Erste am Platz zu sein. Die sogenannten Leserreporter wissen oft nicht, wo die Grenze des Erträglichen liegt. Andererseits finde ich es auch super, dass das Fotografieren demokratisiert wurde. Persönlich möchte ich mich – obwohl ich in der Vergangenheit und aktuell oft im Bereich Tod, Sterben, Alter arbeitete und arbeite – nicht reduzieren lassen auf den Fotografen, der mit dem Tod tanzt.

Die Grenze des Erträglichen – war diese für Sie erreicht, als Sie Ihren Vater in seiner letzten Nacht fotografierten?

Es gibt ein Foto von dieser letzten Nacht mit allen Kindern rund um sein Bett. Ein allerletztes Bild von ihm habe ich nur für mich persönlich gemacht, weil es einen so intimen Moment darstellt. In dieser Nacht entglitt mir die Situation genauso wie bei der Geburt meiner Kinder. Zu Hause war ich am nächsten Morgen erschüttert, dass mein Vater immer noch kämpft. Als er gestorben ist, war ich auf dem Weg zu ihm. Es war eine grosse Ruhe und Frieden im Raum, als ich im Sterbezimmer ankam. Nach all seinen Schmerzen war das Gesicht meines ­Vaters nun entspannt. Diesen Tod habe ich ganz anders erlebt als den, den ich im Kosovo oder in Texas gesehen habe.

Sie hatten sich zwei Wochen Bedenkzeit ausbedungen, als Ihr Vater Ihnen die fotografische Dokumentation seines Sterbens vorschlug. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Die üblichen Sachen: Dass dieses Fotografieren für mich nicht zur Therapie werden soll. Dass es meine ureigene Betroffenheit zeigen soll. Meine Neugier. Die schmerzliche Auseinandersetzung damit, wie Körperfunktionen nach und nach aussetzen: Was passiert, wenn die wunderbare Konstruktion Mensch aussteigt? Plötzlich war der eigene Vater so verletzlich, so schwach. Man übernimmt Verantwortung. Es war eine Auseinandersetzung zwischen mir als Fotograf und mir als Sohn, der am Bett sein und Abschied nehmen wollte.

Waren Sie auf eine solche Herausforderung vorbereitet?

Bei meiner Ausbildung als Pressefotograf am MAZ in Luzern (MAZ, die Schweizer Journalistenschule, wörtlich Medien-Ausbildungs-Zentrum) musste ich mir einmal vorstellen, jemand zu sein, dem es sehr schlecht geht und der fotografiert wird. Das habe ich nie vergessen. Ein Fotograf hat in so einer Situation eine Riesenverantwortung. Nach dem Tod meines Vaters habe ich einen ehemaligen Lehrer vom MAZ um Rat gebeten, ob ich die Fotos dieses Sterbens öffentlich zeigen könne. Er bejahte das. Einige Berufsschüler, denen ich einen Vortrag über das Phänomen der Handyreportage hielt, sahen die Fotos dann als Erste.

Kann man den Tod besser ertragen, wenn man ihn bewusst erlebt?

Für mich gilt das. Für andere vielleicht nicht. Ich finde es wichtig, die Toten zu besuchen, sie anzuschauen. Auch meine Kinder haben meinen toten Vater im Spital gesehen. Es ist ein schöner, ein fast offizieller Moment. Die Energie eines Menschen wandelt sich um – sie wird nicht vernichtet. Diese Energie habe ich beim Tod meines Vaters deutlich gespürt.

Sie haben ein paar Monate gebraucht, bis Sie die Bilder Ihres Vaters anschauen konnten?

Der Moment, als ich die Fotos am Bildschirm durchscrollte, war hart. Ich kämpfte mit den Tränen. Der Abschied war immer noch frisch.

Sind diese Fotos auch ein Trost?

Ja, weil sie eine Erinnerung sind. Solche Erinnerungen sind wichtig. Meine Kinder beispielsweise haben ihren Grossvater nicht gut gekannt, weil er ausgewandert war. Mir gefällt, dass er so bei ­ihnen präsent bleibt. Es würde mich traurig machen, vergässe man meinen Vater. Früher fertigten die Menschen aus diesem Grund Totenmasken aus Gips an. Dieser Brauch reichte von der Antike bis ins 19./20. Jahrhundert.

Können Fotos unsterblich machen?

Sie sind ein Abbild, man kann sie anschauen und wieder auf die Seite legen. Unsterblich sind die Toten in unseren Erinnerungen.

Sollten wir uns mehr ums Sterben und um die Sterbenden kümmern?

Auf jeden Fall. Mein Vater wurde im Unispital Zürich zum Sterben in ein Einzelzimmer mit Blick aufs Parkdeck und einer von Autoabgasen durchzogenen Luft verlegt: Gestorben wird im Hinterzimmer. Warum hat man nicht den anderen Patienten verlegt? Warum müssen Sterbende in die Besenkammer? Wir machen uns tausend Gedanken über die Geburt, ob sie mit LED-Licht oder in der Badewanne stattfindet beispielsweise, aber den Tod, den verlegen wir in die Besenkammer. Das muss man ändern, das ist nicht richtig.

Sie haben dieses Jahr ein Webportal namens «Letzte Reise» eröffnet – hier entsteht ein interaktiver Bestattungsplaner. Anfang 2017 geht zudem ein Palliative-Care- Planer online. Aus diesem Grund?

Die Idee für das Webportal hatte ich, als ich die Bestattung meines Vaters organisierte, während er noch lebte. Ich wollte alles Nötige dafür nicht erst hinterher in die Wege leiten. «Letzte Reise» ging am 12. Oktober dieses Jahres ­online. Das Portal enthält einen ­Timeliner, in dessen Mitte der Tod steht. Das Vorher ist die letzte Lebenszeit, das Nachher beinhaltet Bestattung, Trauerfeier, Erbe und Vermächtnis.

Eine Bestattung zu organi­sieren, muss ja meistens erst noch gelernt werden.

Genau. Zudem ist das Friedhofsreglement von Gemeinde zu Gemeinde verschieden. In meinem Onlineformular haben sich mittlerweile 500 von rund 1500 Deutschschweizer Gemeinden eingetragen. So kann man schauen, wer in welcher Gemeinde für was zuständig ist. Oder was eine Bestattung im Schnitt kostet. In Bern sind das rund 6000 Franken, in Zürich ist die Bestattung kostenlos. Generell müssen Gemeinden für eine schickliche Bestattung aufkommen, wenn jemand kein Geld hat.

Diese Unterschiede geben zu denken.

Bestattungen sind ein riesiger Markt. Geht man von 60000 Todesfällen pro Jahr in der Schweiz aus, die je rund 10000 Franken kosten, kommt man auf eine Summe von 600 Millionen Schweizer Franken. Angehörige stehen auf abschüssigem Boden in ihrer Trauer – sie bezahlen, ohne zu murren. In Zürich Kloten sagte mir eine Bestattungsbeamtin: «Super Webportal, das hat es schon lange gebraucht.» Sie erzählte mir von folgendem Beispiel: Ein Zürcher sei in Bern gestorben. Kloten habe Pauschalen für die Überführung ausserhalb des Gemeindegebietes beziehungsweise einen Vertrag mit Fixtarifen mit einem lokalen Bestatter. Die Angehörigen hätten das nicht gewusst und vor Ort in Bern einen Bestatter gebucht. Dieser hätte die Angehörigen auf die Zürcher Regelung aufmerksam machen müssen, habe das aber nicht getan. Und eine hohe Rechnung gestellt. Daraufhin habe sie den Berner Bestatter wissen lassen, dass er die Rechnung zu reduzieren habe. Worauf der Berner Bestattungsunternehmer drohte, den Leichnam nicht herauszugeben.

Werden Bestattungen dank Ihres Portals günstiger?

Wir möchten ein klassisches Vermittlungsportal sein. Den Menschen direkte Kontakte vermitteln. Zu Floristen, Schreinern, freien Ritualgestaltern. Wir werden aber nie selbst ins Geschäft einsteigen. Das Portal bietet zudem einen redaktionellen Teil mit Geschichten zum Thema Tod – beispielsweise einem Artikel über Sargkunst in Ghana. Regula Tschumi, Berner Ethnologin, erzählt von den figürlichen Särgen dort, die in Gestalt von Löwe oder Fisch oder auch ganz modern als Turnschuh daherkommen.

Und das Palliative-Care- Portal?

Das wird getrennt vom Portal «Letzte Reise» existieren. Palliativpflege ist immer noch Mangelware – es gibt eine Versorgungslücke. So sind in der Schweiz nur ungefähr 40 Institutionen, die «spezialisierte Palliative Care» anbieten, vorhanden. Sucht man einen Palliativplatz, eilt es meist, die Zeit drängt. Als mein Vater im Mai 2015 todkrank in die Schweiz kam, sass ich irgendwann im Unispital Zürich an seinem Bett und hörte die Ärzte sagen: «Sie müssen einen Platz zum Sterben für ihn finden.» Da mein Vater die vergangenen sieben Jahre in der Karibik gelebt hatte, musste ich eine befristete Wohnung für ihn mieten, was mit vielen Schwierigkeiten verbunden war. Nach einer Woche in der Wohnung musste er zurück ins Spital, weil die Schmerzen zu stark waren. Mein Vater starb dann im Spital, kurz bevor er ins Hospiz gekommen wäre.

Und nun die Ausstellung «So ein schöner Tod?» Würde sich Ihr Vater über diese freuen?

Ja, das würde er. Mein Vater war ein grosser Fan von Fotojournalismus. Er hat mich beruflich immer unterstützt. Das möchte ich gerne einmal an meine Kinder weitergeben.

Wie lernen wir, unbeschwerter mit dem Tod umzugehen?

Indem wir über ihn reden und hinschauen. Teilhaben am Prozess des Sterbens. Ein erster Schritt ist schon, seine Grosseltern zu besuchen. Meine Grossmutter war zuletzt dement, ich war um die 20 – es hat mich deprimiert damals. Aber ich habe sie besucht. Auch müssen wir die Palliativpflege fördern.

Was bedeutet Ihnen Aller­heiligen?

Allerheiligen ist für mich ein Tag wie jeder andere. Ich besuche auch nie Gräber, obwohl Friedhöfe sehr schöne Orte sein können. Die Asche meines Vaters wurde in einen Bergbach gestreut, der in den Walensee mündet. Mein Vater mochte diese Gegend. Eine Stunde nach der Bestattung gab es ein Gewitter: Jetzt ist der Vater im Meer, sagte ich zu meinen Kindern. Seine Asche sah übrigens aus wie weisser Korallensand – für mich der Link zur Karibik. Meinem Vater war die Schweiz immer zu kalt.

Der Tod Ihres Vaters – wie unterscheidet er sich von jenem im Todestrakt in Texas und von jenem im Krieg im Kosovo?

Der Tod in Texas oder im Kosovo hat mich jeweils sehr wütend gemacht – es war ein pervertierter Tod. Im Kosovo fotografierte ich 1999, zwei Wochen nachdem die Nato reinging, und eine Woche, nachdem die «Stern»-Reporter erschossen wurden. Ich trug eine kugelsichere Weste. Mein Freund aus dem Kosovo begleitete mich. Wir waren gut vorbereitet – Krieg ist kein Spiel. In Texas verbrachte ich 2003 einige Tage als Besucher in einem Todestrakt. Ich lernte dort Tina kennen, deren Bruder in zwei Tagen exekutiert werden sollte. Es gab einen Aufschub, der Bruder war schizophren. Ich beschloss, Tina fotografisch zu begleiten: Das war meine Geschichte, die Geschichte der Opferfamilie auf Seiten des Täters. Ich fotografierte Tina, wie sie ihren toten Bruder berührte, über zehn Jahre nach der letzten Umarmung. Körperkontakt unter Angehörigen ist im texanischen Todestrakt nicht gestattet. Diesen kurzen Augenblick festzuhalten, war meine Aufgabe.

Interview: Susanne Holz

«Reden und hinschauen.» Der Tod soll kein Tabu sein.Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 29. Oktober 2016)

«Reden und hinschauen.» Der Tod soll kein Tabu sein.Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 29. Oktober 2016)

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