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Enfant terrible der Schweizer Kunst: Thomas Hirschhorn polarisiert am Bieler Bahnhof mit einer speziellen Liebeserklärung

Skandalkünstler Thomas Hirschhorn hat auf dem Bahnhofplatz Biel eine riesige Robert-Walser-Sculpture gebaut. Das Patchwork von Hütten, Podesten und Brücken ist ein chaotisches Begegnungszentrum mit einer klaren Idee. Auch das Publikum, das sich sonst so am Bahnhof herumtreibt und Dosenbier trinkt, wird in das Werk integriert.
Sabine Altorfer Hansruedi Kugler
Thomas Hirschhorn bezieht auch Randständige mit ein in seine Installation. (Bild: Bilder: Alex Spichale)Thomas Hirschhorn bezieht auch Randständige mit ein in seine Installation. (Bild: Bilder: Alex Spichale)
Wer zum Bieler Bahnhof will, passiert Thomas Hirschhorns Liebeserklärung an Schriftsteller Robert Walser.Wer zum Bieler Bahnhof will, passiert Thomas Hirschhorns Liebeserklärung an Schriftsteller Robert Walser.
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Der Aussenseiter ist sein Held

Wer mit dem Zug in Biel einfährt, kommt um Robert Walser nicht herum. Der Empfang auf dem Bahnhofplatz: Eine knallige Liebeserklärung auf einem Transparent. «ROBERT WALSER né à Bienne 1878 mort à Herisau 1956», daneben ein rotes Herz «For ever». 35 000 Passanten gehen jeden Tag unter dieser Liebeserklärung hindurch. Liebeserklärung für dieses Werk tönt aber ziemlich schräg. Thomas Hirschhorn ist bekanntlich der Mann für krude Ästhetik, nagelt, klebt und bastelt aus Alltagsmaterial seine Werke. Hier steht ein Wirrwarr aus Hütten, Podesten und Brücken aus rohem Holz, Spanplatten und Paletten, bekritzelt und mit Transparenten behängt. Ein Provisorium, das an besetzte Häuser, Favela-Siedlungen oder die Hüttendörfer von Protestierenden erinnert.

«Walser hat bewusst den Nichterfolg gewählt»

Aber statt politischer Slogans liest man Zitate von Robert Walser wie:

«Die Erfolglosigkeit ist eine bitterböse, gefährliche Schlange. Sie versucht unbarmherzig das Echte und Originelle im Künstler abzuwürgen.»

Das schrieb ein Schriftsteller, der die literarische Moderne mitgeprägt hat, gesellschaftlicher Aussenseiter blieb, nach frühem Erfolg in Berlin dann in der Schweiz kaum mehr Verleger fand, von Gelegenheitsjobs mehr schlecht als recht lebte und ab 1929 auf eigenen Wunsch bis zu seinem Tod 1956 in psychiatrischen Anstalten lebte.

Schwieriges Verhältnis zu Frauen

Hier bündige Informationen zu Robert Walsers Leben und Werk zu finden, ist schwieriger. Im Patchwork wird man nicht chronologisch geführt. In der Arena, in Ateliers und Zimmern entdeckt man aber überraschende Zugänge. Da wird etwa in einer Ausstellung mit Utensilien einer stadtbekannten Domina Walsers schwieriges Verhältnis zu Frauen thematisiert. Und im L’institut Benjamenta kann man sich mit Walsers Dieneridee auseinandersetzen.

Hier kann man den Erfolg löffeln

Interessant ist das Kabäuschen über den Erfolg und Misserfolg. In einer Art Ausstellung sehen wir Gemälde, nicht originale natürlich, von Ferdinand Hodler oder Vincent van Gogh. Künstler, die um Anerkennung kämpfen mussten – oder gar daran scheiterten. In der Vitrine liegen Dutzende Löffel, alle mit «Erfolg« angeschrieben. Erfolg bekommt man also wohl in unterschiedlich grossen Dosen verabreicht. Ein lustiges Bild.

Thomas Hirschhorn ist omnipräsent auf der Plattform, räumt da auf, gibt dort Anweisungen, setzt sich zu Besuchern, redet mit ihnen. Wie erklärt Thomas Hirschhorn Robert Walsers Scheitern? «Ich glaube, und das ist bloss eine Hypothese eines Fans, nicht eines Wissenschafters: In der Berliner Zeit, wo er nahe bei seinem Bruder Karl war, der seinen Erfolg ausgelebt hat, war er genau deshalb skeptisch gegenüber dem Erfolg», sagt er.

«Robert Walser wusste, was es kostet, Erfolg zu haben. Meine Vermutung ist, dass er bewusst den Nichterfolg gewählt hat, sich entschieden hat für Reinheit, Radikalität.»

Das sind die Stichworte für Thomas Hirschhorn selber. Der 62-Jährige ist in Bern geboren, er lebt in Paris, baut seine Arbeiten aber in vielen Ländern, oft an grossen Ausstellungen.

Mit Klebeband die prekäre Welt zusammengeklebt

Was immer zu reden gibt, ist Hirschhorns Ästhetik. Provisorisch und roh zusammengebaut ist das Monument. Stühle und Sofas suchte seine Equipe auf Biels Strassen, überklebte sie mit braunem Klebband. Kunst aus dem Alltag für den Alltag. Passt diese Ästhetik zu Robert Walser? «Die passt nicht unbedingt zu Robert Walser. Es ist meine Ästhetik, meine Art zu arbeiten», sagt Thomas Hirschhorn. Und mit den omnipräsenten hässlichen braunen Klebbändern versuche er «in dieser Welt etwas zusammenzukleben, das Sinn macht, etwas, so prekär es auch immer sein mag, auf die Beine zu stellen.» Ihm sei es egal, wenn das jemanden störe.

Dann kommt der entscheidende Satz: «Ich wähle Materialien, die niemanden einschüchtern. Die nicht von vorneherein einen Mehrwert der Kunst behaupten. Ich mache eine Arbeit, die nicht Perfektion in der Ausführung anstrebt, sondern eine Präzision der Idee.»

Die Randständigen werden integriert

Wer kommt? Nur Kulturtouristen, oder auch das «nichtexklusive Publikum», das Hirschhorn erreichen will? Die Bielerinnen und Bieler sowie die Randständigen des Bahnhofplatzes? «Ja, immer mehr. Das war eine wichtige Herausforderung an mich, dass die, welche sonst jeweils auf dem Bahnhofplatz sind und hier zum Teil viele Stunden verbringen, dass diese Menschen nicht ausgeschlossen sind. Das ist nicht immer einfach, weil es Leute sind, die manchmal Probleme haben und ich muss mich dann mit diesen Problemen auseinander setzen.» Ein Taxifahrer empfindet die Skulptur einfach nur als störend. «Ein Gestell voller Gratis-Bücher von Walser wäre billger», meint er.

Ins Rollen gebracht hat das Ganze Kathleen Bühler. Die Kuratorin des Berner Kunstmuseums für zeitgenössische Kunst hat sich mit der Geschichte der traditionsreichen Bieler Plastikausstellung beschäftigt, die nur alle paar Jahre stattfindet. 2014 habe man die damals wieder aufkommende Performance in den Mittelpunkt gestellt. «Ich fand, heute wäre eine Soziale Skulptur richtig und Thomas Hirschhorn der geeignete. So bin ich zum Mandat gekommen.»

Im Vorfeld gab es Polemiken über Kosten und Grösse und die Okkupation des Bahnhofplatzes. Der Stiftungspräsident der Bieler Plastikausstellung trat zurück. Wie sieht es mit dem Budget aus? Kathleen Bühler: «Wir haben ein Budget von 1,6 Millionen Franken, 1,43 Millionen sind gesichert. 700 000 Franken davon sind allein für Löhne budgetiert.» Und sie fügt an:

«Thomas Hirschhorn bekommt für seine ganze Arbeit übrigens nur 30 000 Franken.»

Das Ganze wirkt lebendig. Eine Genfer Künstlergruppe schart sich um einen Laptop. Sie haben sich vom Spaziergänger Walser zu einer eigenen Geschichte inspirieren lassen und nehmen Besucher auf eine tägliche Stadttour mit. Man kann mit einer Frau über ihre Walser-Erfahrungen reden, einem Mann zuschauen, wie er den Walser Roman «Seeland» abschreibt. Geboten wird aber nicht nur Kultur, sondern auch afrikanischer Kaffee, und in der Cantina etwas zu essen. Man ist froh, dass ein IT-Mann für WIFI sorgt und man schnappt sich gerne die täglich erscheinende Zeitung.

Hirschhorn ist von 10 Uhr morgens bis abends um 22 Uhr anwesend

Die Robert-Walser-Sculpture ist seit zwei Wochen eröffnet. Insgesamt 86 Tage lang, bis zum 8. September soll sie Treffpunkt sein für das «nicht exklusive Publikum» wie Thomas Hirschhorn sagt. Er hat seine Sculpture nicht nur in dreijähriger Arbeit entworfen, Feldforschung betrieben, Leute angeheuert, sondern ist täglich hier. Von 10 Uhr morgens bis abends um 10. Ein Gewalts-Programm. Vor allem bei der Hitze. Die Sonne brennt heiss auf die Hütten. Ein lebendiges, alternatives Kulturzentrum auf Zeit ist hier vor dem Bieler Bahnhof entstanden. Man kann sich aber fragen, ob man Walser nachher besser kennt? Hirschhorn auf jeden Fall. Robert Walser warnte einst: «Niemand ist berechtigt, sich mir gegenüber so zu benehmen als kennte er mich.» Hirschhorn respektiert es in seiner Liebeserklärung grell, aber passend.

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