ENGELBERG: Kammermusik: Aus neuen Tönen entsteht eine eigene Welt

Am Wochenende ging das Kammermusikfestival «Zwischentöne» zu Ende. Diese erste Austragung hat Modellcharakter und lässt für die Zukunft einiges erwarten.

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Der schottische Pianist Alasdair Beatson spielte Schubert in dessen ganzer Spannweite. (Bild: Boris Bürgisser)

Der schottische Pianist Alasdair Beatson spielte Schubert in dessen ganzer Spannweite. (Bild: Boris Bürgisser)

Ein Blick in das Programmheft des neuen Kammermusikfestivals in Engelberg genügte, um festzustellen, dass es sich hier nicht um ein weiteres Feld-Wald-und-Wiesen-Festival handelt. Auch der mit Kammermusik gerne verbundene Charakter des Elitären war nicht vorhanden. Auffallend war die Lockerheit, mit der sich Musiker und Zuhörer in und um die mächtige Klosteranlage im Bergdorf begegneten.

Vorbildliche Vermittlung

Elitär im besten Sinne waren nur die Künstler, die sich um Wolfgang Brendel scharten und an den drei Tagen in verschiedenen Besetzungen dem Publikum präsentierten. Vorbildlich war die Vermittlung der dargebotenen Werke. So waren Werkstattprobe und Einführung in einem am Samstagnachmittag die Veranstaltung, die dem Abendkonzert voranging und stark an die Konzertreihe des Musikwerks Luzern im Maihof erinnerte, das den «Fall Schönberg» neu aufrollt.

Erich Singer führte gut verständlich in das eigentliche Schlüsselwerk des Konzerts ein, indem er diverse Stellen des Streichquartetts Nr. 2 (mit Sopran) von Arnold Schönberg, das bei der Uraufführung 1908 einen Skandal ausgelöst hatte, durch die Mitglieder des Merel-Quartetts und die Sängerin Ruth Ziesak wiedergeben liess und mit einem Auszug aus dem Streichquartett Nr. 13 «Rosamunde» von Franz Schubert verglich.

Befand man sich bei dem vom herrlichen lyrischen Thema der «Rosamund»-Zwischenaktmusik inspirierten Abschnitt auf festem Boden, geriet dieser bei den Beispielen Schönbergs mehr und mehr ins Schwanken, indem hier auf ein tonales Zentrum verzichtet wird und die Musik sich der Atonalität nähert.

Vision einer fernen Welt

Die Musiker zeigten bereits hier, dass in den neuen Tönen auch eine eigene Welt entsteht, vor allem im letzten Satz «Entrückung», in dem wie im dritten Satz die menschliche Stimme hinzutritt und mit dem Vers von Stefan George von der «Luft vom andern Planeten» und damit von der Vision einer fernen Welt spricht.

Schubert, den das Festival besonders in den Mittelpunkt rückte, war weiter durch drei Lieder und die Klaviersonate a-Moll D 784 op. 143 posthum vertreten, in der sich ein ähnlicher Umbruch wie beim Schönberg-Werk vollzog. Vom klassizistischen Frühstil des Komponisten bis zur Romantik des Sängers und Liederkomponisten Schubert vermochte der schottische Pianist Alasdair Beatson auf dem Bechstein-Flügel diese Entwicklung in ihrer ganzen Spannweite in den Saal zu zaubern.

Bach und Kurtag

Etwas gar viel mutete sich der Cellist Rafael Rosenberg in seinem Rezital am Samstag zu. Auf der einen Seite stellte er Tanzsätze aus Cellosuiten von J. S. Bach den aphoristisch verkürzten und radikal konzentrierten Stücken von György Kurtag (geb. 1926) gegenüber, um dabei auch Dur- und Moll-Suiten von J. S. Bach miteinander zu konfrontieren.

Das Ergebnis war eine etwas pauschale Wiedergabe vor allem der Bach-Auszüge mit etwelchen Intonationsproblemen. Nachdem der Künstler, als künstlerischer Leiter der «Zwischentöne» besonders gefordert, eine kurze Auszeit genommen hatte und das Rezital mit einem Umblätterer fortsetzte, wirkte er konzentrierter und fand je länger, je mehr zu seiner gewohnten Stärke, gerade auch bei Kurtag, vor allem dort, wo dieser mit den neuen Ausdrucksweisen spielerisch umgeht.

Brendel mit eigenen Gedichten

Als grosser Anziehungspunkt erwies sich die sonntägliche Matinee mit dem untertreibenden Titel «Moments musicaux, Bagatellen und andere Kleinigkeiten». Und zwar dank der Person von Alfred Brendel, der nach wie vor als Verfasser von musikalischen Schriften und kauzigen Gedichten eine grosse Faszination ausübt, wie der rege Besuch im Barocksaal des Klosters zeigte. Leider funktionierte die Lautsprecher-Anlage nicht und man war daher gezwungen, quasi an den Lippen des Rezitators zu hängen, um die meist bizarren Zusammenhänge der Gedichte und Texte ganz zu verstehen. Dennoch ging manche Pointe unter.

Sehr stimmig waren die musikalischen «Kleinigkeiten» ausgewählt, die jeweils die gesprochenen Texte unterbrachen. Sie gaben den ausführenden Musikern immer wieder Gelegenheit, ihr Können aufblitzen zu lassen. Erwähnt seien hier nur der Tango Nr. 2 «La Misma Pena» von Astor Piazzolla mit Manuel Oswald, dem zweiten Geiger des Merel-Quartetts, und mit Christian Sutter am Bass sowie das avantgardistische «Di volo» Nr. 1 von Salvatore Sciarrino mit dem exzellenten Bratschisten des Merel-Quartetts, Alessandro d’Amico.

Fritz Schaub