Entsteht die Welt in unserem Gehirn?

Alle zwei Jahre wird in Luzern über Bewusstseinsforschung diskutiert. Ein Gespräch mit Initiant René Stettler.

Interview: Pirmin Bossart
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Werden alle unsere geistigen Fähigkeiten ausschliesslich vom Gehirn produziert?

Werden alle unsere geistigen Fähigkeiten ausschliesslich vom Gehirn produziert?

Bild: PD

Sie organisieren seit 25 Jahren eine Biennale zu Gebieten der Bewusst- seinsforschung. Hat sich für Sie das «Mysterium Bewusstsein» inzwischen etwas gelichtet?

René Stettler: Vieles ist rätselhaft geblieben. Mir scheint, dass der Reduktionismus, der Geist und Bewusstsein mit dem Hirn gleichsetzt, sowie eine heute dominante Wissenschaft, die alles auf das messbar Materielle reduziert, den Aspekt des Unerklärbaren noch verstärkt haben. Viele Wissenschaftler, egal was für eine metaphysische Position sie einnehmen, gehen heute davon aus, dass sich alle Aspekte des Bewusstseins letztlich mit der Funktionsweise des Gehirns erklären lassen.

Sie sehen das anders?

Die Neurowissenschaft, die als Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts gilt, hat zwar das Selbstverständnis des Menschen revolutioniert. Es gibt aber nach wie vor ungelöste Fragen: Kann Bewusstsein aus Gehirnprozessen hervorgehen? Werden alle unsere geistigen Fähigkeiten ausschliesslich vom Gehirn produziert? Oder gibt es auch ausserhalb davon, also unabhängig vom Gehirn, so etwas wie ein Bewusstsein? Ich spreche den Panpsychismus an, der aller Materie geistige Eigenschaften attestiert.

Trotzdem beschäftigt sich die klassische Wissenschaft zunehmend mit der Natur des Bewusstseins. Was kann da die Biennale leisten?

Die Biennale ist eine Wissenschaftsplattform, die Forschungswissen vermittelt. Sie bemüht sich um ein tieferes Bild: Es umfasst auf der einen Seite unser Wissen über die neuronalen Grundlagen des Bewusstseins, das die Neurowissenschaften zur Verfügung stellen. Auf der anderen Seite geht es auch um das phänomenale Bewusstsein: Um das, was wir subjektiv erleben, und um die menschliche Fähigkeit, das Erleben und die Bewusstseinsvorgänge unmittelbar zu erfassen. Deshalb habe ich für diese Biennale neben Vertretern des Buddhismus auch Experten eingeladen, die mit bewusstseinsverändernden Substanzen forschen.

Was sind hier neueste ­Erkenntnisse?

2017 wurden in der Schweiz ­ 3,6 Millionen Packungen Antidepressiva verkauft. 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung leiden einmal im Leben an einer Depression. Die britische Psilocybin-Forscherin Rosalind Watts wird neueste Studien vorstellen, die zeigen, dass Psilocybin, die halluzinogene Substanz in Zauberpilzen, depressive Symptome verringern kann. Die bewusstseinserweiternde Therapie gehört heute zu einem neuen Paradigma der geistigen Gesundheitspflege.

Sie haben seit der Gründung der Biennale neben der Quantenphysik oder der Neurologie zunehmend auch den Bereichen Buddhismus und Ökologie Platz eingeräumt. Was hat Sie dazu bewogen?

Dass der Mensch «Geist» hat, ist etwas sehr Einzigartiges und grenzt an ein Wunder. Niemand kann jedoch sagen, ob dieser «Geist» den Planeten nicht ­zugrunde richten wird. Der Mensch wäre dann klar ein Fehlversuch der Natur gewesen und die Zivilisation ein kurzer Augenblick in der ganzen Erdgeschichte. Was uns fehlt, ist eine Philosophie und Wissenschaft, die objektiv die Auswirkungen des einzelnen Menschen und ganzer Gesellschaften untersucht, die auf der Basis von Materialismus, Hedonismus und Konsumismus die Ökosphäre zerstören und die menschliche Zivilisation untergraben.

Lässt sich diese Entwicklung korrigieren?

Es braucht Philosophen und Wissenschaftler, die offen die entmenschlichenden und demoralisierenden Konsequenzen aller materialistischen Ansichten des Geistes anerkennen. Es gibt einige buddhistische Poesien, die Hinweise auf ein ökologisches Bewusstsein aufzeigen. Das Erwachen eines ökologischen Verständnisses von uns selbst und unserem Bewusstsein ist möglich.

Mit Rupert Sheldrake kommt eine bekannte Persönlichkeit aus der Bewusstseins-Szene nach Luzern, dessen Thesen und Forschungen zum Teil auch auf Skepsis stossen.

Mit seinen umstrittenen Studien mit Hunden, Tauben und Menschen postuliert Sheldrake telepathische Fähigkeiten von Menschen und Tieren. Mit Sheldrake kommen Fragen zu Vorstellungen von den Abläufen in der Natur und in den Naturwissenschaften aufs Tapet. Das hat an der Biennale Tradition. Shel­drakes Untersuchungen ermöglichen auch kritische Fragen zu potenziellen Theoriemängeln. Dies öffentlich zu verhandeln, scheint mir heute besonders wichtig.

Was sind die Positionen?

In Grossbritannien und Amerika tobt ein Kulturkampf, und Sheldrake gehört seit Jahrzehnten zu dessen Protagonisten. An seiner Seite stehen Alternativmediziner, Esoteriker, Tierfreunde und Gefühlsmenschen. Auf der anderen Seite stehen Anhänger der evidenzbasierten Medizin, Naturwissenschaftler, Atheisten und Vernunftmenschen, die sich als Skeptiker verstehen. Im Kern geht es um eine von Wissenschaftlern wie Sheldrake geforderte Pluralität und Offenheit. Dies im Gegensatz zur heute dominanten materialistischen Sichtweise, die kritisch zu hinterfragen ist.

Werden Sie dem Thema Mysterium des Bewusstseins auch in den nächsten 25 Jahren treu bleiben oder es irgendwann einmal abschliessen?

Ich hoffe, dass ich auch in den kommenden Jahren auf dem Platz Luzern, der beste Voraussetzungen für wissenschaftliche Kontroversen bietet, noch ein paar Konferenzen organisieren darf. Das hängt auch von der Aufgeschlossenheit meiner Förderer ab, die mir seit einem Vierteljahrhundert kompromisslos die Stange halten. Klar ist für mich, dass die heute den Ton angebenden Naturwissenschaften die Geisteswissenschaften nicht ersetzen, im Gegenteil. Die an der Biennale diskutierten Themen – wie die Materie der Quantenphysik – sind zwar geistig herausfordernd und manchmal etwas verwirrend. Aber noch lange nicht so verwirrend wie manche Entwicklungen in der Politik.

18. Januar, 9 bis 18 Uhr, Verkehrshaus der Schweiz Luzern: 13. Schweizer Biennale zu Wissenschaft, Technik und Ästhetik. Thema: Das Mysterium des ­Bewusstseins. Weitere Informationen: www.neugalu.ch