Er schabt den Karton hell und düster

Als Glauser-Illustrator ist Hannes Binder zur Marke geworden. In Zürich widmet ihm das Museum Strauhof nun eine grosse Ausstellung.

Hansruedi Kugler
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Stimmungsvoller Empfang im Museumsfoyer: Hannes Binder vor seinem Labyrinth.

Stimmungsvoller Empfang im Museumsfoyer: Hannes Binder vor seinem Labyrinth.

Bild: Severin Bigler

Hannes Binder versteht sich auf das ironische Augenzwinkern: «Ich, der analoge Kartonschaber, der ich im 19. Jahrhundert stecken geblieben bin!» So beginnt nicht nur sein neuester Band «Der digitale Dandolo», der zeitgleich mit der grossen Ausstellung im Literaturmuseum Strauhof in Zürich druckfrisch aufliegt. Eine Prise Ironie steckt auch in seinem Werk, das mit einem Hang zu düsteren Szenerien aus Literaturadaptionen bis zu den Kinderbüchern («Heidi», «Die schwarzen Brüder») nun im Überblick zu sehen ist. Künstlerisch steckengeblieben ist er keineswegs: «Ich verwende eine Technik von gestern, um die Welt von heute zu beschreiben.» Dass daraus ein wunderlicher, traumhafter, surrealer Kontrast entsteht, hat ihn selbst zu einer festen Marke gemacht. So kommt es, dass man sofort den Binder erkennt.

Hannes Binder bei seiner Arbeit für seine Schabkartonkunst.

Hannes Binder bei seiner Arbeit für seine Schabkartonkunst.

Auch im Strauhof-Foyer wird man gleich überwältigt. Ein riesig vergrössertes Labyrinth empfängt einen an der Wand. In dessen Mitte eine junge, tanzende Frau mit luftigem Kleid. Ist dieser Tanz befreit oder verstört? Behütet oder eingesperrt? Man kann darin beides sehen. Hannes Binder lächelt: «Ja, das Doppelbödige mag ich sehr.» Schon hier wird klar: Dieser Illustrator ist ein perfektionistischer Meister, der mit seiner Technik dynamische Perspektive und enorme Sogwirkung in seelisches Zwielicht überführt.

Mit Glauser-Adaptionen wird Binder zum Pionier

Einem breiten Publikum ist der 1947 in Zürich geborene Hannes Binder bekannt geworden durch seine Illustrationen in Zeitungen und Zeitschriften wie dem «Tages-Anzeiger» und seine im NZZ Folio erschienenen oft mysteriösen Suchbilder. «Mit diesen Aufträgen konnte ich meine Bücher subventionieren», sagt Binder. Denn 1988 begann seine eigentliche Berufung mit einem Paukenschlag. Bei der Lektüre von «Der Chinese» von Friedrich Glauser sei ihm sofort klar geworden, dass diese visuell starke, auf drei Ebenen spielende Geschichte geradezu nach einer zeichnerischen Umsetzung rufe. Damit war Hannes Binder ein Pionier.

Meine Bilder sind nicht von links nach rechts, sondern in die Tiefe zu lesen

Aber im Rückblick sagt er selbstkritisch: «Da habe ich mein Lehrgeld abverdient, da ich völlig unschuldig daran ging.» Wenn man Glauser als klassischen Comic mit Bildern im kleinen Raster und Sprechblasen umsetze, gehe die ganze Stimmung verloren. Die Bilder sahen eher wie konventionelle Zeichnungen aus. Also ging Binder dazu über, ganzseitige und eigenständige Bilder zu schaffen, die er dem Text gegenüberstellte: So heisst denn der Titel der aktuellen Ausstellung folgerichtig «Die doppelte Lektüre».

Hinein ins dunkle Kabinett des Albtraumhaften

Ein schwarz abgedunkeltes Kabinett bildet als labyrinthisches Zickzack die erste Hälfte der Ausstellung. Wenn man die Einzelbilder mit Binders Literaturadaptionen von Friedrich Glauser über Franz Kafka und Friedrich Dürrenmatt bis zu Heinrich Böll abläuft, wird seine Entwicklung vom Illustrator zum Künstler imposant sichtbar.

Illustration zu Friedrich Dürrenmatts Erzählung «Der Schachspieler».

Illustration zu Friedrich Dürrenmatts Erzählung «Der Schachspieler».

Da beugt sich etwa ein riesiger Dürrenmatt über ein Schachbrett und schlägt eine menschliche Figur, die in seiner Erzählung «Der Schachspieler» getötet werden muss; eine zehn Meter hohe Monsterwelle aus Blättern, die einen Bürolisten aus Heinrich Bölls «Der Wegwerfer» in seinem Büro bedrohen, hat Binder aus dem Karton geschabt.

Illustration zu Heinrich Bölls Erzählung «Der Wegwerfer»

Illustration zu Heinrich Bölls Erzählung «Der Wegwerfer»

Zu Gottfried Kellers «Ursula» illustriert er ein Gewirr von Hellebarden und Langspiessen. Die Sogwirkung seiner Bilder erklärt er gleich selbst: «Meine Bilder sind nicht von links nach rechts, sondern in die Tiefe zu lesen.» Entscheidend für die Schabkartontechnik sei, dass die Feder nicht stecken bleibt. Deshalb ist der Karton beschichtet mit einer Mischung aus Gips, Heissleim und Titanweiss, die mit schwarz übermalt wird. Bevor er kratzt, zeichnet Binder mit Bleistift vor.

Das Hell-Dunkel seiner Schabkartontechnik ist treffend in die Ausstellung übertragen. Im dunklen Kabinett taucht man in die düsteren Szenen von Albträumen, Gewalt und Krieg ein. Im zweiten, hellen Raum sind Skizzen, Originalillustrationen und Kinderbücher ausgestellt. An Videostationen erzählt Hannes Binder zudem von seinem Schaffen und ist beim Kratzen eines Schabkartons zu sehen. Wer bisher nur den Glauser-Binder kannte, wird hier den kompletten Künstler entdecken.

Hannes Binder «Die doppelte Lektüre», Museum Strauhof, Zürich, bis 17. Mai.

Venedig, ein digitaler Traum

Hannes Binders neuester Graphic Novel

Nach Venedig eingeladen zu einer Zukunftskonferenz – er, der Schabkartonkünstler! Hannes Binder fügt sich selbst mit spielerischer Ironie in sein neuestes Buch. In Venedig fällt er in einen Schlaf mit irrwitzigem Traum. Er folgt der Spur von Enrico Dandolo, dem blinden Dogen, der 1204 mit einem Kreuzfahrerheer Konstantinopel erobert hat, begegnet im Traum auch Thomas Mann, Ezra Pound und Rainer Maria Rilke. Seine Traumlogik folgt einem Glasfaserkabel in den Untergrund. Einige seitenfüllende Illustrationen sind spielerische Abwandlungen von venezianischen Malern wie Tintoretto oder Tiepolo. Mit QR-Codes kann man die Originale aufs Handy laden. Die Geschichte ist ein wenig an den Haaren, beziehungsweise am Internetkabel gezogen, aber das Buch ist ein visuelles Vergnügen. (hak)

Hannes Binder Der digitale Dandolo. Limmat Verlag, 56 Seiten