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Comiczeichnerin Ulli Lust am St.Galler Literaturfestivel: «Er soll sexy sein und willig»

Ulli Lust musste zehn Jahre lang Absagen kassieren, bis sie zum Star der Comicszene avancierte. Die Zeichnerin sorgte im «Palace» für einen Höhepunkt des St. Galler Literaturfestivals Wortlaut. Die Leute standen Schlange, um Comics signieren zu lassen.
Melissa Müller
«Als Kind mochte ich Comics nicht besonders»: Zeichnerin Ulli Lust. (Bild: Bilder: Adriana Ortiz Cardozo)

«Als Kind mochte ich Comics nicht besonders»: Zeichnerin Ulli Lust. (Bild: Bilder: Adriana Ortiz Cardozo)

Ulli Lust gehört mit ihren erfrischend ehrlichen Comicreportagen – etwa aus einem Berliner Swingerclub – zu den einflussreichsten Zeichnerinnen der Gegenwart. Ihr erster autobiografischer Comic «Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens» wurde als «Sensation» und «feministisches Statement» gefeiert. Darin erzählt sie, wie sie als 17-jährige Punkerin mit ihrer Freundin nach Italien flieht. Wie sie bettelt, sich prostituiert, draussen schläft und in die Fänge der Mafia gerät. Ulli Lust wurde für das packende Werk mit Preisen überschüttet.

Ulli Lust im Palace im Gespräch mit Moderatorin Lika Nüssli.

Ulli Lust im Palace im Gespräch mit Moderatorin Lika Nüssli.

Doch so erfolgsverwöhnt war die Zeichnerin nicht immer. «Ich habe mir meinen Beruf hart erkämpft, er wurde mir nicht in die Wiege gelegt», sagte die 52-Jährige am Samstag am Literaturfestival Wortlaut. «Ich bin jeden Tag dankbar dafür, dass ich ihn ausüben darf.» Gebannt hört das Publikum im «Palace» der Frau mit den Stirnfransen, der Brille und den roten Lippen zu. Jahrelang musste sie Absagen einstecken: Mit 17 bricht sie eine Ausbildung ab. Sie will in Wien Kunst studieren, aber die Uni lehnt sie fünfmal ab: «Es war furchtbar.»

Mit einem Comic über einen Zirkusclown angefangen

«Der Titel der Kunststudentin hätte mich gegenüber meiner Familie legitimiert. Für die war ich einfach faul, weil ich keine ordentliche Arbeit machen wollte.» Sie sei in einer einfachen österreichischen Grossbauernfamilie aufgewachsen, «die in künstlerischer Tätigkeit keinen Sinn erkennt». Lust zieht nach Berlin und schummelt sich als Gast an die Kunsthochschule; «die dachten, ich studiere in Wien». Auch an der Universität der Künste in Berlin wird sie jedoch abgelehnt. Erst an der Kunsthochschule Berlin-Weissensee erkennt eine Professorin ihr Talent. Den Bachelor schliesst sie ab mit einem Comic über einen Zirkusclown, an dem sie eineinhalb Jahre zeichnet. Die Verlage lehnen das Buch ab. «Da war ich schon fast 40 und hatte schon so viel Zeit verplempert.»

Ulli Lust beisst auf die Zähne bis der späte Erfolg kommt

Doch Ulli Lust hat Ausdauer, beisst auf die Zähne und malt ihre Abenteuer als Punkfrau in Italien. Nach 80 Seiten zeigt sie das Werk ihrem Mann, dem Berliner Comiczeichner Kai Pfeiffer. «Tut mir leid, ich mag’s nicht, es zieht mich nicht hinein», sagt er und rät ihr, die Technik zu wechseln. «Da griff ich zum Bleistift, zeichnete fünf Jahre. Und dann war’s ein Erfolg», sagt Ulli Lust. Das Publikum applaudiert gerührt. Seither ist der Bleistift die Technik ihrer Wahl. Anfängern empfehle sie aber, Tusche zu verwenden. Die Federtechnik helfe, «dass auch schlechte Zeichnungen interessant aussehen.»

Früher zeichnete Ulli Lust Kinderbücher, «aber da muss man immer so lieb sein und Einschlafgeschichten zeichnen». Sie sei froh, dass sie den Erwachsenencomic für sich entdeckt habe, «denn eigentlich habe ich ja noch ein paar Interessen mehr» – zum Beispiel Sex, der in ihren autobiografischen Comics eine zentrale Rolle spielt. «Aber ich will nicht darauf reduziert werden», sagt Lust, die früher Schneider hiess und den Mädchennamen ihrer Mutter angenommen hat.

Ausgleich zu deprimierender Nazigeschichte

Ulli Lust gibt ebenso schlagfertig und unverblümt Auskunft über ihr Schaffen, wie sie zeichnet. 2013 illustrierte sie «Flughunde», einen Roman über die Kinder des Nationalsozialisten Goebbels in einem Bunker. «Das war unfassbar deprimierend. Ich brauchte zum Ausgleich etwas Lebensfrohes.» Darum besuchte sie mit ihrem Skizzenblock den Circus Bizarre in Berlin, «einen Fetischclub, wo die Leute fantastisch angezogen sind und das Leben feiern.» Eigentlich wollte sie da nur sechs Nächte verbringen, aber es wurde ein Jahr daraus. «Da waren lauter Exhibitionisten, die sich gern zeichnen liessen. Ich war die Voyeurin, wir waren das perfekte Team.»

«Er soll sexy sein und willig, weiter nichts!»

Vergnügt liest sie eine Szene aus ihrem jüngsten Comic-Roman «Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein» vor: Wie sie sich im Wien der 90er-Jahre einen Liebhaber sucht, weil ihr 20 Jahre älterer Freund kein Interesse mehr an Sex hat. «Er soll sexy sein und willig, weiter nichts!», steht in der Gedankenwolke der Heldin, die in knallengen Jeans einen Park besucht. «Wie kompliziert ist es dagegen, einen Mann fürs Leben zu finden... Es entspannt ungeheuer, dass ich den in Georg bereits gefunden habe.» Kaum hat sie sich einen Joint gedreht, lernt sie den Nigerianer Kimata kennen. Daraus entspinnt sich bald ein erotischer Rausch. Doch Kimatas Eifersucht führt zu Gewaltausbrüchen, die das Leben der Protagonistin bedrohen.

«Es ist mir auch nicht peinlich»

Ulli Lust blickt schonungslos in ihre eigenen Abgründe, macht aus ihrer jugendlichen Naivität keinen Hehl. «Und es ist mir auch nicht peinlich», wie sie Moderatorin Lika Nüssli erklärt. Die Leserinnen und Leser stehen danach Schlange, um sich ihre Bücher signieren zu lassen. «Wie schön, dass auch so junge Leute meine Comics lesen», sagt Ulli Lust zu drei Mädchen, die sie schüchtern anhimmeln. Ehrensache, dass die Künstlerin in jedes Buch schwungvoll eine Katze oder ein Frauengesicht mit wilder roter Mähne zeichnet, samt persönlicher Widmung.

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