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Er stolpert wie eine Vogelscheuche durch die Eimerwelt

Wolfgang Borchert schrieb mit «Draussen vor der Tür» das erste Theaterstück der Stunde Null nach dem Krieg. Sein Heimkehrer Beckmann findet nicht zurück ins Leben. Am Theater Konstanz wird daraus ein groteskes Spektakel mit billigen Zombieszenen.
Julia Nehmiz
Das Nachrkiegsdrama wird in Konstanz als Totentanz inszeniert. (Bild: Ilja Mess)

Das Nachrkiegsdrama wird in Konstanz als Totentanz inszeniert. (Bild: Ilja Mess)

Die Kniescheibe wurde irgendwo in Russland zerschossen, von dort brachte er sein steifes Bein als Andenken mit, und dort im Stahlgewitter ging auch sein Vorname verloren. Beckmann, einfach nur Beckmann, man könne auch Tisch zu ihm sagen. Verlumpt, verdreckt, ohne Hoffnung und Heimat, liegt er am Elbufer. Doch nicht einmal der Fluss will ihn als Selbstmörder aufnehmen.

Wolfgang Borchert schrieb das verzweifelte Heimkehrererdrama kurz nach dem zweiten Weltkrieg. Schwerkrank war er 1945 aus französischer Kriegsgefangenschaft geflohen. Unter dem Zeitdruck seiner Erkrankung verfasste er Kurzgeschichten und Prosa. «Draussen vor der Tür», das erste Theaterstück der Stunde Null nach dem Krieg, schrieb er in acht Tagen. Die Theateruraufführung 1947 erlebte er nicht mehr.

Der Autor starb vor der Aufführung seines Stücks

In «Draussen vor der Tür» schreit Borchert seinen Protest gegen Krieg und Willkür hinaus. Der Krieg ist aus, aber nicht vorbei. In Beckmanns Albträumen schreien die Verwundeten und die Toten. Und der Überlebende kämpft um Liebe, Wärme, ein Zuhause; doch er bleibt draussen. 1956 löste das in Konstanz einen Theaterskandal aus.

Das wird jetzt nicht passieren. Regisseurin Mareike Mikat inszeniert das Drama als Totentanz, losgelöst vom Krieg. Zu Beginn spielende Kinder, sie sind die einzigen, die leben. Beckmann, mehr tot als lebendig, trägt schmutzstarrende lange Unterwäsche zu Motorradstiefeln. Zwei Schauspielerinnen und drei Schauspieler in strahlend weissen Kostümen führen Beckmann als Chor der Untoten durch den Totenreigen und spielen für ihn die anderen Figuren. Auf ihren leuchtend weiss geschminkten Stirnen Pausenzeichen gemalt. Mit den roten Accessoires und schwarzen Requisiten werden die Farben der Reichskriegsflagge zitiert.

Kriegsheimkehrer Beckmann findet nicht ins Leben zurück. (Bild: Ilja Mess)

Kriegsheimkehrer Beckmann findet nicht ins Leben zurück. (Bild: Ilja Mess)

Wie irre Fische in einem trüben Aquarium

Ausstatterin Simone Manthey hat die Bühne mit schwarzen Plastikeimern und Wannen vollgestellt, die zu Mauern, Podest oder Tisch und Stühlen gestapelt werden. Hinter und vor einer gläsernen bühnenhohen Wand dräut Nebel.

Beckmann stolpert zuckend, durchnässt und im übergrossen Mantel wie eine Vogelscheuche durch die Eimerwelt. Wenn er dem Oberst die Verantwortung zurückgeben möchte, bebildert dessen Familie Beckmanns Albtraum mit einer billigen Zombieszene. Beim Kabarett-Direktor landet Beckmann in einer Castingshow mit Masken zwischen alemannischer Fasnacht und mexikanischem Wrestlingkampf.

Beckmanns Albtraum wird zur Zombieszene. (Bild: Ilja Mess)

Beckmanns Albtraum wird zur Zombieszene. (Bild: Ilja Mess)

Doch zwischen den Theatermätzchen blitzen immer wieder berührende Momente hervor, wenn Mikat den Figuren und der Sprache vertraut. Das ist artifiziell, manchmal selbstverliebt, durchdacht, aber was das Stück mit uns heute zu tun hat, bleibt auf der Strecke.

Es mündet hinter Glas: Wie irre Fische in einem trüben Aquarium kreiselt das Panoptikum hinter der Wand durchs grüne Nebellicht. Der Direktor wird von fünf wilden Hunden gezogen, jemand turnt wie Turnvater Jahn mit einer grossen Weltkugel. Beckmann steht davor, draussen vor der Wand. Auf sein Rufen «Warum schweigt ihr denn?» senkt sich die Bühne ab, die Wand fährt so weit vor, bis Beckmann hinunterstürzt. Zurück bleiben leere Eimer.

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