Zum Tod von Stardirigent Mariss Jansons: 
Er war der Magier unter den Dirigenten

Der Tod Mariss Jansons ist auch für das Lucerne Festival ein schwerer Schlag. Er zählte zu den zentralen Figuren des Festivals.

Fritz Schaub
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Christoph Keller fordert zum Handeln auf.

Christoph Keller fordert zum Handeln auf.

Bild: Juri Junkov

Ein Nachruf auf Mariss Jansons könnte beinahe ein Nachruf auf das Luzerner Osterfestival werden, das im vergangenen Frühling in Luzern zum letzten Mal – und leider auch zum ersten Mal ohne Jansons – stattfand. Der Dirigent aus Riga litt schon länger an Herzproblemen und starb vergangenen Samstag 76-jährig in Sankt Petersburg.

Im Standardwerk des Lucerne Festivals von Erich Singer meint Intendant Michael Haefliger: «Besonders enge und sorgfältig aufgebaute Kontakte verknüpfen uns – neben Boulez und Abbado (die inzwischen verstorben sind) – mit Mariss Jansons.» Der Ausnahmedirigent gehörte zu den grössten Stars. Um ihn rissen sich die besten Orchester der Welt. Aber keiner war so eng verbunden mit der Osterausgabe des Lucerne Festivals und hat sich dabei derart engagiert wie Jansons. Das entsprach ganz seinem grundehrlichen, uneitlen und bei aller Zielstrebigkeit demütigen Charakter. Das verband ihn mit Abbado und Haitink. Er war kein Shooting Star. Entdeckt wurde er, als er in 20-jähriger Aufbauarbeit die Osloer Philharmoniker zu einem Weltklasse-Orchester geformt hatte.

Residenzorchester des Osterfestivals

Als Haefligers Vorgänger, der Musikfestwochen-Intendant Matthias Bamert, 1992 im alten Kunsthaus die Osterfestspiele wieder aufnahm, kam es zum Debüt von Mariss Jansons. Tragende Säule war damals das London Symphony Orchestra, dem später amerikanische Orchester folgten. Finanzielle und organisatorische Gründe verhinderten jedoch deren Weiterführung, und so kam es, dass das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Mariss Jansons vorstand, zum Residenzorchester des Osterfestivals wurde – ganz nach dem Vorbild der Salzburger Osterfestspiele mit der Residenz der Berliner Philharmoniker. Dieses Osterfestival fand nun zum Teil auch im grossen Konzertsaal des KKL statt, und es war Jansons, der in Michael Haefliger einen gleichgesinnten Partner fand und darauf drängte, dass in diesem Rahmen immer ein geistliches Werk aufgeführt werden sollte.

Als besonders herausragendes Ereignis soll das Jahr 2008 erwähnt werden, in dem Jansons «Ein deutsches Requiem» von Johannes Brahms und ein Wagner-Programm mit der japanischen Mezzosopranistin Mihoko Fujimura dirigierte.

Schwerarbeiter und Perfektionist

Bereits 1996 hatte Jansons auf dem Podium seinen ersten Herzinfarkt erlitten – bei einer Aufführung von Puccinis «La Bohème». Diese Anfälligkeit lag in der Familie, denn schon zwölf Jahre zuvor war sein Vater während eines Konzerts beim Dirigieren verstorben.

Bezeichnenderweise stand Jansons nie einem Opernorchester oder einem Opernhaus vor. Wenn er Oper dirigierte, geschah es in besonderem Rahmen und aus speziellem Anlass – so etwa im Rahmen der Salzburger Festspiele, als er eine aufwühlend-packende «Lady Macbeth von Mzensk» von Dmitri Schostakowitsch dirigierte. Der russische Komponist lag Jansons besonders am Herzen. Er hat von ihm alle 15 Sinfonien mit acht (!) verschiedenen Orchestern auf CD eingespielt. Mit Herzblut hatte er sich 2013 beim Osterfestival auch für das «War Requiem» von Benjamin Britten eingesetzt. Jansons, der mitten im Krieg als Sohn einer jüdischen Mutter in einem Versteck zur Welt kam, musste zu diesem zeitgenössischen Chorwerk, das die Versöhnung zwischen den verfeindeten Nationen festbannt, eine besondere Beziehung gehabt haben.

Mariss Jansons war trotz seiner gesundheitlichen Gefährdung ein Schwerarbeiter und Perfektionist, der in den Proben nichts dem Zufall überliess und es im Konzert dank seiner magischen Ausstrahlung und dem Sinn für Klangfarben schaffte, die entscheidenden Funken zu zünden. Diese machten seine Aufführungen oft zu Sternstunden. Viele davon durfte Luzern an Ostern und im Sommer am Festival erleben.