Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Theaterstück beleuchtet die Schattenseiten des Erbens

Im Stück «Nichts wollen» wird eine Erbmasse zur Zentnerlast auf den Schultern von Hinterbliebenen. Regisseurin Bettina Glaus zieht die Erben im Südpol Luzern aus bis aufs nackte Motiv.
Julia Stephan
(v. l.): Anja (Evelyne Gugolz), Uta (Nicole Lechmann), Micha (Manuel Löwensberg), Jelena (Vivien Bullert), Sonja (Nina Langensand). (Bild: D. Wunderli/PD)

(v. l.): Anja (Evelyne Gugolz), Uta (Nicole Lechmann), Micha (Manuel Löwensberg), Jelena (Vivien Bullert), Sonja (Nina Langensand). (Bild: D. Wunderli/PD)

Ein Dach aus kalten Leuchtstoffröhren macht noch kein Zuhause. Da hilfts nichts, wenn man sich graue Wollsocken überzieht. Irgendwann wird diese Decke Anja, Sonja, Jelena, Uta und Micha auf den Kopf fallen. Denn von Szene zu Szene senkt sich das Ungetüm bedrohlicher auf die Südpol-Bühne (Bühne: Barbara Pfyffer).

Fünf Menschen bilden in dem am letzten Mittwoch im Südpol uraufgeführten Stück «Nichts wollen» von Esther Becker eine ungemütliche Erb-Schicksalsgemeinschaft. Denn Sonjas eben verstorbener Vater hat seinen Nachkommen den Sperrmüll eines ausschweifenden Lebens hinterlassen: eine desolate Tanzschule auf dem Land, unbezahlte Rechnungen, Ramsch und die Zinsschuld emotionaler Vernachlässigung.

Hoffen auf ein existenzielles Upgrade

Nun sitzen die fünf in trostloses Beige ummantelten Mängelwesen (Kostüme: Coline Jud und Medea Karnowski in der Inszenierung von Bettina Glaus auf unbequemen Stühlen und warten in der Hoffnung auf ein existenzielles Upgrade auf die Testamentsvollstreckung.

Anja, von Evelyne Gugolz verkniffen-überspannt gespielt, nicht nur lautlich Tschechows Familiendrama-Protagonisten «Onkel Wanja» sehr nah, hat mit Selbstlosigkeit gepokert und viel investiert: in die Tanzschule und in die Erziehung ihrer Nichte Sonja. Denn sowohl für die Schule wie für die Tochter hatte sich der Tote nie interessiert, seit er mit Lebefrau Jelena (Vivien Bullert) in die Stadt durchbrannte. Als der Geldsegen an Anja vorbeigeht, sagt sie realitätsbitter: «Die Welt ist schlecht, man muss Entscheidungen treffen und dann damit leben.»

Die naive Sonja, auf der Bühne eine herrlich zapplige Nina Langensand, hat von ihrem Vater nie mehr identifikatorisches Material erhalten als Kinderkassetten und Salamischeiben in Schweinchenform. Weshalb sie mit Halbschwester Uta (Nicole Lechmann), die plötzlich in die Welt der anderen einbricht als weibliche Version von Gogols «Revisor», um einen alten Kassettenrekorder zankt. Uta wiederum wünscht sich die Geborgenheit einer Familie für ihr ungeborenes Baby. Etwas, das sie als uneheliches Kind nie hatte. Die Tanzschule soll verkauft werden, fordert sie.

Das passt weder Witwe Jelena, die hier Unterschlupf sucht noch dem im Muskelshirt herumtigernden Tanzlehrer Micha (Manuel Löwensberg). Auch er wird in Beckers Text identifikatorisch durchgerüttelt. Schwul – ja oder nein? Sein Kindheitstrauma – die kühle Ablehnung seiner Eltern für seine Leidenschaft Tanz – therapiert er an Schwanensee tanzenden Kindern, für die er nur gute Worte übrig hat.

Einzelne Lacher in der Tschechow’schen Ödnis

Die Dramatikerin Esther Becker lässt die Nachkommen in dieser Tschechow’schen Ödnis an den imprägnierten Gefühlen des Mangels verzweifeln, welche durch die Hoffnung aufs Erbe genährt werden. Bettina Glaus folgt Beckers witzigen, lapidaren, zeitgeistgriffigen Sätzen, welche die Story in der Gegenwart ansiedeln, nicht immer konsequent und verharrt in einer arg konservativen Bühnensprache. Das Potenzial dieses jungen Textes ist noch lange nicht ausgeschöpft.

«Nichts wollen» von Esther Becker. Grenzgänger Luzern. 25. 10., 26. 10., 27. 10. im Südpol, Kriens. 28. 11. und 1. 12. im Burgbachkeller Zug. www,sudpol.ch

www.grenzgaenger-luzern.com

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.