Die Münchner Philharmoniker am Lucerne Festival: Erdenschwere Sinfonik und märchenhafte Träumereien

Die Münchner Philharmoniker zeigten in zwei Konzerten Facettenreichtum und subtile Klangvielfalt. Und Chefdirigent Valery Gergiev überzeugte nicht nur mit russischen Kompositionen, sondern auch mit Bruckners 4. Sinfonie.

Gerda Neunhoeffer
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Warmer, intensiver Klang: die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev. (Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival (Luzern, 2. September 2018))

Warmer, intensiver Klang: die Münchner Philharmoniker unter Valery Gergiev. (Bild: Peter Fischli/Lucerne Festival (Luzern, 2. September 2018))

Wenn man Märchen hört, fühlt man sich oft in die Kindheit zurück versetzt, die Texte haben sich eingeprägt, und vielleicht hat man auch ein Lieblingsmärchen. Oder etwas, wovor man sich gefürchtet hat. Märchenhafte Inhalte in der Musik können Erinnerungen auslösen, Assoziationen herauf beschwören, in andere, ferne Welten entführen. Und das ist den Münchner Philharmonikern und ihrem Chefdirigenten Valery Gergiev am Montagabend im KKL-Konzertsaal hervorragend gelungen. Das Zauberische bei Anatoli Ljadow und Nikolai Rimsky-Korsakow stand dem grotesk-wilden Treiben in Strawinskys «Petruschka» gegenüber, und diese Kontraste kostete das Orchester lustvoll aus.

Am Abend vorher hatten die Münchner mit Schostakowitschs 1. Violinkonzert und Bruckners 4. Sinfonie ebenso überzeugt. Mit der Erdenschwere und Düsternis im Violinkonzert und der breit angelegten Sinfonik Bruckners reihten sie sich nahtlos in die schon gehörten Sinfoniekonzerte ein. Jedes dieser am Festival auftretenden Spitzenorchester hat seinen ganz eigenen Charakter, und nirgendwo kann man wohl mehr grosse Orchester in solcher Dichte hören als beim Lucerne Festival.

Solist und Orchester in eindringlicher Symbiose

Im Violinkonzert von Dimitri Schostakowitsch verbanden sich Solist Leonidas Kavakos und das Orchester am Sonntag zu eindringlicher Symbiose. Aus der Tiefe der Kontrabässe und Celli schwang sich der reine Klang der Violine empor, mit grosser Ruhe führte Gergiev seine Musiker, und wie er den Schluss-Dur-Akkord im ersten Satz geradezu ins Licht hob, das ging unter die Haut. Virtuos drastische Sprünge und tiefe Resignation wechselten immer wieder, und der schmerzvolle Klagegesang der Violine über dem unerbittlichen Schreiten des Orchesters gipfelte in der langen Kadenz, die Kavakos ebenso wie die Zugabe (Andante aus der Violinsonate BWV 1003) mit hoher Sensibilität gestaltete.

Die 4. Sinfonie von Anton Bruckner erklang unter Gergiev in warmen, intensiven Klängen, in denen er die Temporelationen klar erkennbar setzte und dadurch die Spannung von Anfang bis Ende in einem grossen Bogen hielt. Er liess Akkorde ganz ausklingen und so die einkomponierten Pausen wahrnehmen, er entwickelte jedes Pianissimo, jedes Auf- und Abschwellen völlig organisch, schärfte Dissonanzen bewusst und liess Raum für kleinste Nuancen.

Sowohl elementar als auch weich

Die Instrumentengruppen reagierten exakt wie Orgelregister; wenn die Blechbläser choralartig einsetzten, war das sowohl elementar wie weich. Auch im Fortissimo blieb dieser satte Klang rund und voll. Man kann auf die Gesamtaufnahme der Brucknersinfonien, die derzeit mit Gergiev und den Münchnern entsteht, gespannt sein.

«Der verzauberte See» von Anatoli Ljadow führte mit sanft impressionistischer Klangmalerei an geheimnisvoll bewegtes Wasser, in dem wohl Nixen über unergründlicher Tiefe schweben. Das wiegende Spiel von Streichern und Harfe und die zarten Einwürfe der Holzbläser verzauberten mit ihrem subtilen Klang. In «Petruschka» überzeugten neben den vielen kleinen hervorragenden Soli die klaren Strukturen, die Gergiev im wirren Jahrmarktsgetümmel nie aus den Augen verlor.

Spürbar war auch der Spass, den das Orchester trotz aller schwierigen Rhythmen und Taktüberschneidungen hatte. Ob die Flöte die Melodie spielte oder das Kornett, das hier weicher als die Trompete klang, ob das Klavier wahre Tänze aufführte, sich Fagott und Klarinette vereinten, oder das Xylophon seine markanten Töne beisteuerte, alles fügte sich zu einer spannungsreichen, ausdrucksvollen Interpretation.

Dem stand «Scheherazade» von Nikolai Rimsky-Korsakow in nichts nach, der Klangteppich des Orchesters spannte sich weit aus und liess jedes Solo darüber aufblühen. Die exzellenten Musiker erzählten das Märchen aus «Tausendundeinernacht» in zauberhaften Details, und das Geschehen verebbte nach Turbulenzen mit kraftvollen und virtuosen Passagen wie im Nichts.