Luzerner Künstlerduo Die Diebe laden in die Loge ein

In «Flug mit der Feuerkutsche» spielen Text, Bild, Ton und Reflexion zusammen.

Pirmin Bossart
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Das Duo Die Diebe: Lili Vanilly und Bujar Berisha.

Das Duo Die Diebe: Lili Vanilly und Bujar Berisha.

Bild: PD

Wie können die Traumata einer Kriegserfahrung Menschen nahegebracht werden, die den Schrecken nicht selber erlebt haben? Ist das überhaupt möglich? Hilft es, wenn eine solche Erfahrung multidisziplinär vermittelt wird? Das Duo Die Diebe hat solche Überlegungen zum Ausgangspunkt für ihr neustes Projekt genommen und versucht, darauf eine künstlerische Antwort zu geben.

Am Anfang des Projektes stand ein Text des kosovarischen Autors Prend Buzhala. Es ist ein Auszug aus dem Buch «Moses flog mit der Feuerkutsche», in dem er über die «Bestie des Todes» sinniert, hervorgerufen durch seine Erlebnisse im Balkankrieg der 1990er-Jahre. Der in Emmenbrücke lebende Autor Bardhec Berisha hat den Text ins Deutsche übersetzt.

Mehrstufige Wahrnehmung

Der Musiker und Fotograf Bujar Berisha, der mit Lili Vanilly das Duo Die Diebe bildet, liess den Text vom Autor einsprechen und lud dann die Musiker Besi Berisha (g) und Julian Wettach (dr) sowie die beiden Kosovaren Flamur Mahmutxhiku (g) und Dritero Nikqi (synth) ein, den Text zu lesen und darüber zu improvisieren. Bujar selber spielte Bass und Synthesizer. Die anderthalbstündige Jam ist ein fantastischer Soundtrack, der zwischen frühen Pink Floyd und hypnotischen Krautrockbands (Guru Guru, The Cosmic Jokers) sowie mit der Stimme von Prend seine einnehmende Wirkung entfaltet.

Auf einer weiteren Ebene kam der Illustrator Peter Bräm ins Spiel. Er fertigte mit Bleistift düstere schwarz-weiss Illustrationen zum Text an. Als letzte Station dieses mehrstufigen Interpretationsprozesses formulierten Lea Brun, Katharina Thalmann, Lily Vanilly, Bujar Berisha und Peter Bräm ihre Gedanken über das ihnen vorgelegte «Feuerkutsche»-Konglomerat aus Text, Bild und Sound. Das Ergebnis liegt jetzt als Bild-Ton-Buch vor.

«Was wird hier genau wahrgenommen?», ist eine Frage, welche Die Diebe bei diesem Projekt beschäftigt hat. Kommen wir der wahren Empfindung näher, wenn mehrere Sinne daran beteiligt sind? Oder ist die Gleichzeitigkeit des Aufnehmens vielleicht eine Überforderung? Die multi­sensuelle Erfahrung der Gleichzeitigkeit (Text, Übersetzung, Bild, Sound, Reflexion) fördere stärker das Liebende und weniger das Trennende, ist eine erste vorläufige Erkenntnis von Lili Vanilly und Bujar Berisha.

«Eine Trennung ist eine Bewertung. In der Trennung liegt die Macht. In der Trennung liegt der Hass. Im Verbund die Liebe.»

Die Diebe haben im November eine kleine Tour im Kosovo gemacht und sehen sich seither darin bestärkt, mit ihren Mitteln etwas zur Förderung des kulturellen Schaffens beizu­tragen. So setzen sie sich dafür ein, dass infrastrukturelles Equipment, das hierzulande nicht mehr gebraucht wird, den enorm schlecht ausgerüsteten Clubs und Lokalitäten im Kosovo zugutekommen kann.

Ebenso sind sie mit Schweizer Bands im Gespräch, die eine Tour im Kosovo machen wollen. «Wir zeigen auf, mit welchen Anforderungen sie rechnen müssen und bieten Unterstützung an», sagt Bujar. Im Juli 2020 organisieren Die Diebe in Dobërdol, Klina, Kosovo, zum zweiten Mal ein Festival mit schweizerischen und kosovarischen Bands und Kulturschaffenden. Das Duo, das irgendwo zwischen idealistisch, selbstlos und utopistisch agiert, hat ein Jahr mit vielen Ideen und Projekten hinter sich. Das Interesse für ihre Dienstleistungen sei in Luzern bisher eher marginal gewesen. Lili Vanilly: «Wir haben recht viel investiert. Deshalb versuchen wir, uns nächstes Jahr stärker auf eigene künstlerische Projekte zu konzentrieren.»

Hinweis
19. Dezember, 19 Uhr, Loge; «Die Feuerkutsche» mit Bardhec Berisha, André Schürmann, Peter Bräm, Lili Vanilly, Besi Berisha und Bujar Berisha. Weitere Informationen: www.diediebe.ch