Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

ERÖFFNUNG: Prominente Gäste mit Herz und Verstand

Gibts in der heutigen Schweiz noch Bedarf an Revolutionen? Die illustren Gäste gestern am Lucerne Festival winkten eher ab. Mit einer weiblichen Ausnahme.
Simon Bordier
Bundesrätin Simonetta Sommaruga (rechts) und LF-Geschäftsleitungsmitglied Sabina Sperisen treffen im KKL ein. (Bild: Philipp Schmidli)

Bundesrätin Simonetta Sommaruga (rechts) und LF-Geschäftsleitungsmitglied Sabina Sperisen treffen im KKL ein. (Bild: Philipp Schmidli)

«Wer mit 20 kein Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer es mit 40 immer noch ist, keinen Verstand.» Wie klingt dieses Bonmot, das vom Dichter Theodor Fontane stammen soll, in den Ohren von Politikern?

Die illustre Gästeliste des Empfangs vor der gestrigen Eröffnung des Lucerne Festival liess zwar, wenn überhaupt, weniger auf Revolutionäre mit Herz als solche mit Verstand schliessen. Aber geht das diesjährige Motto des Festivals, die, pardon, arrivierte Gesellschaft in den aufgeputzten Wänden des KKL persönlich etwas an? Oder hat sie die «Revolution» bereits in jungen Jahren, zum Beispiel während der 68er-Revolte, hinter sich gebracht?

«Politik ist harmoniebedürftig»

Elisabeth Kopp, 1984 als erste Frau in den Bundesrat gewählt, hat ihre Eintrittskarte liegen lassen. Keine Fragen. Klaus Schwab, Mitbegründer und Präsident des World Economic Forum (WEF), kommt nicht um eine Frage herum. Zur Überraschung vieler Teilnehmer des WEF hat Schwab nach der letzten Banken- und Schuldenkrise ein Umdenken gefordert. Man könne sagen, so Schwab vor versammelter Wirtschaftselite in Davos, «dass das kapitalistische System in seiner jetzigen Form nicht mehr in die heutige Welt passt».

Revolution also? Nein, erwidert Schwab gestern in Luzern, es handle sich vielmehr um einen Erneuerungsprozess, der die Zusammenarbeit der unterschiedlichsten Akteure in Politik und Wirtschaft erfordere. Die Politik sei in dieser Beziehung harmoniebedürftig, ganz im Gegensatz zur Kunst, wo revolutionäre Ideen innerhalb eines eigenen reflektierenden Prozesses eine Rolle spielten. Die Kreativität in der Kunst könne aber durchaus anregend wirken.

Ähnlich versteht der Urner alt Nationalrat Franz Steinegger(FDP) Krisenpolitik als steten Anpassungsprozess, der keine Revolution brauche. «Die Kunst ist dabei weniger treibende Kraft als Ausdruck dieses Prozesses.»

Etabliertes und Alternatives vereint

Das dürfte dem Luzerner Stadtpräsidenten Stephan Roth ganz recht sein. Auf die Frage, ob mit der Ankündigung der «Revolution» am Lucerne Festival auch sein Stuhl als Stadtpräsident in Gefahr sei, meint er, vielleicht nur halb im Scherz: «Der ist immer in Gefahr.» Die revolutionären Kräfte der Stadt sieht er positiv in den grossen Bauten der vergangenen Jahre verwirklicht, dem KKL und der Swissporarena. Aber wie viel Revolution steckt im KKL denn im Vergleich zur alternativen Kulturszene der Stadt, Stichwort «Kulturstadt statt Kultur» (war lange irgendwo als Graffito zu lesen, mittlerweile ist es weg)?

Roth antwortet, wohl nicht zum ersten Mal mit diesem Vergleich konfrontiert, Luzern sei gerade mit seinem breiten Kulturangebot einzigartig, wobei sich etablierte und alternative Veranstaltungen nicht ausschliessen müssten. Auch die alternative Kultur habe mit dem Kulturzentrum Südpol einen einzigartigen Bau erhalten.

Blick zurück auf 1848

Bruno Frick, Schwyzer CVP-Politiker und alt Ständerat, sieht durchaus die Notwendigkeit einer Revolution, wenn die politischen Bedingungen verkrustet sind. Das sei in der Schweiz zuletzt um 1848, als das Land im Sonderbundskrieg um eine moderne Verfassung rang, der Fall gewesen. In diesem Zusammenhang würde man gerne erfahren, wie diese historische Lesart zu Frick passt, da doch damals sowohl seine Partei wie auch sein Kanton gegen die Liberalen unterlagen? Aber man vergisst zu fragen und erhält dafür eine andere klare Antwort: «Zurzeit braucht es keine Revolution in der Schweiz.»

Bild: Lucerne Festival / Priska Ketterer
Bundesrätin Simonetta Sommaruga (rechts) und LF-Geschäftsleitungsmitglied Sabina Sperisen treffen im KKL ein. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Bild: Philipp Schmidli
Bild: Philipp Schmidli
Hilde Schwab, links, und Schriftsteller Paulo Coelho mit Ehefrau Christina Oiticica. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Stadtpräsident Stefan Roth mit Ehefrau Ursula. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Jurist und Unternehmer Franz Steinegger. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Klaus Schwab, Präsident World Economic Forum und Stiftungsrat Lucerne Festival. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Bianca Sissing, Miss Schweiz 2003, mit Pirmin Lötscher. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Bruno Frick, alt Ständerat Schwyz. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Alt Stadtpräsident Urs W Studer mit Ehefrau Susi. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Entertainer Roberto Blanco mit Ehefrau Luzandra Strassburg. (Bild: Philipp Schmidli)
Marcel Perren, Direktor Luzern Tourismus, mit Gattin. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Bandmusiker Pepe Lienhard mit Ehefrau Christine Kohli. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Guido Egli, GL-Vorsitzender der Mövenoick Holdiing mit Gattin Katrina, Carmen Schildknecht und Freddy Burger (von links). (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Michael Haefliger, Intendant Lucerne Festival (links) und Hubert Achermann, Stiftungsrat Lucerne Festival. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Bild: Lucerne Festival / Priska Ketterer
Public Viewing auf dem Inseli. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Public Viewing auf dem Inseli. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Public Viewing auf dem Inseli. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Public Viewing auf dem Inseli. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Public Viewing auf dem Inseli. (Bild: Philipp Schmidli / Neue LZ)
Bild: Lucerne Festival / Stefan Deuber
Bild: Lucerne Festival / Stefan Deuber
24 Bilder

Eröffnung des Lucerne Festival 2013

«Fehlende Gastfreundlichkeit»

Politiker, männlich, Schweizer, Klassik-Festival – mit diesen Attributen scheint es also auch für eine Revolution mit Verstand zu spät. Wie aber siehts aus mit: Model, weiblich, Schweiz-Kanadierin und Miss-Wahl? Bianca Sissing hat 2003 die Miss-Schweiz-Wahlen gewonnen und zeigt sich zehn Jahre später offen für ein kurzes Interview. Ja, die Schweiz habe in einer Hinsicht durchaus eine Revolution nötig. «Wenn ich Besuch aus dem Ausland empfange, beklagt sich dieser immer wieder über die fehlende Gastfreundlichkeit in den Restaurants und Hotels hierzulande.» Dies müsste gerade der Touristenstadt Luzern zu denken geben, denkt man sich, und Sissing bestätigt es auf Nachfrage.

Während sich die Schweiz, allen voran der Verband Schweiz Tourismus, über ihre Revolution in Sachen Freundlichkeit noch den Kopf zerbricht, hat sich im Gastgeberland der Fussballweltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Spiele 2016 eine tief greifende Form des Protests herausgebildet. Die Bilder sind noch nicht verblasst, als die Brasilianer diesen Juni zu Hunderttausenden gegen ihre Regierung auf die Strasse gegangen sind, um die Milliardeninvestitionen für die beiden Megaanlässe anzuprangern, während an der Infrastruktur des Landes gespart wird.

War das vielleicht der Anfang einer anstehenden Revolution? Der brasilianische Bestseller-Autor und frühere Linksaktivist meinte gestern zu dieser Frage etwas unwirsch: «Brasilien befindet sich in einer ständigen Revolution» und verschwand flugs in der Menge.

Fessel löste sich auf

Als die Menge noch nicht da war, geisterte bereits der Autor dieses Textes zwischen den Apéro-Tischchen und den uniformierten Serviceangestellten des KKL umher und versuchte sich ein Bild vom Anlass zu machen. Auf den Tischchen lagen beschriftete Schiefertafeln mit Zitaten zum Thema «Revolution».

Eines stammte von Rosa Luxemburg: «Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht.» Die Tischchen waren um eine riesige Statue angeordnet, die mit von der Decke hängenden Fesseln verbunden war. Eine dieser Fesseln löste sich zum Verdruss der Bediensteten immer wieder von selbst.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.