Erotische Spannung vor dem Sommergewitter

Melissa Müller
Drucken
Teilen

Makaber Der Arzt Partolle und seine Frau Hélène leben auf einer einsamen Insel. «Die Tropensonne hatte in ihm den Mann abgetötet und in ihr die Liebe.» Mit erst 20 Jahren schrieb der russisch-französische Autor Romain Gary 1935 seine erste Erzählung, «Das Gewitter». Die Sonne brennt gnadenlos, Palmen ragen reglos in den flirrenden Himmel. «Am Horizont tauchte ein weisser Punkt auf, der rasch die Form eines Dreiecks annahm.» Hélène greift zum Fernglas, ein Segelboot läuft in die Bucht ein. Ein Mann mit verstörtem, fiebrigem Ausdruck kommt an Land. Er röchelt, hat Durst. Ein entflohener Häftling? Als er die Frau erblickt, die sich träge im Liegestuhl räkelt, schiesst ihm das Blut ins Gesicht – und er verliert die Beherrschung. Zugleich braut sich über der Insel ein Gewitter zusammen. Der Mann und das Unwetter sind beide unberechenbar. Die Figuren werden nur skizzenhaft angedeutet, die Geschichte mündet in einen makaberen Schluss. Naturgewalten, Sex, Tod – all dies kommt hier in knappster Form zusammen. Meisterhaft!

 

Melissa Müller

Romain Gary: Das Gewitter. Erzählungen. Fischer