Erstes Schweizer Klassik-Drive-In: Hupkonzert für Barockkonzert

Corona machte aus einem Kunstlied-Festival in Fribourg ein liebenswürdig-spektakuläres Klassik-Drive-in in Charmey.

Christian Berzins
Drucken
Teilen
Zwei Welten, die nicht zusammenpassen und im Greyerzerland charmant zusammenfanden: Barockmusik auf dem Parkplatz in Charmey.

Zwei Welten, die nicht zusammenpassen und im Greyerzerland charmant zusammenfanden: Barockmusik auf dem Parkplatz in Charmey.

Anthony Anex / KEYSTONE

Gralshüter bitte rasch weiterklicken, vielleicht besser den Nachruf auf Peter Green lesen. Alle anderen: hinein ins Vergnügen, auf ans erste Klassik-Drive-in der Schweiz!

Wir wissen leider alle, wie es dazu kam ... Damals im April, als ein Virus die Schweiz stilllegte, ein Sommerfestival ums andere gestrichen wurde, erhob sich das kleine «Festival du Lied» in Fribourg und sagte trotzig mutig: «Wir machen ein Drive-in!» Ausgerechnet ein hochgeistiges Kunstlied-Festival suchte die Elektronik und die Autoposer?

Die künstlerische Leiterin und Mezzosopranistin Marie-Claude Chappuis passte ihr Programm rasch an und blieb ihrem hohen Anspruch treu: Am Samstag fand die Eröffnung mit Blockflötenmeister Maurice Steger und einer handverlesenen Schar Barockspezialisten statt. In der Stadt Fribourg fand Chappuis allerdings keinen passenden Parkplatz, erst in Charmey stiess sie auf den idealen Ort: Der Parkplatz der Seilbahn. Nix wie hin also ins Greyerzerland, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Auch bei Regen kann gespielt werden

Da die Schweizer dieser Tage aus den Städten fliehen und ihre schönsten Orte aufsuchen, ist es der ideale Festivalort geworden: Der Trend zeigt sich auch hier, gewisse Konzerte sind ausverkauft. «Wenn das Wetter mitmacht, dann haben wir viel Publikum. Aber keine Angst, wir können auch bei Regen spielen», sagt Chappuis.

Spielen für Autos: Herzlicher als man denkt.

Spielen für Autos: Herzlicher als man denkt.

Anthony Anex / KEYSTONE

Und da sitzt man nun bei der Talstation, ein Stück Gruyère im Mund, ein lokales Bier auf dem Tisch und staunt: Auf der Bühne macht man die letzten Tests und zum aufgehenden Mond fährt Auto um Auto vor. 80 Franken haben sie bezahlt, vier Leute dürfen drinsitzen. Analog dazu gibt es 4er-Gruppen-Sitzplätze vor der Bühne, ebenfalls für 80 Franken das Paket, macht gerade mal 20 Franken pro Platz.

21.15 Uhr: Aufritt Maurice Steger! Er präsentiert nicht etwa ein Best-of-Programm, sondern entwarf einen hochausgefeilten Open-Air-Abend mit Stücken, die für englische Garten-Partys geschrieben wurden, mit Masken-Tänzen und Natur-Fantasien. Steger arrangierte sich spieltechnisch mit den äusseren Umständen – und mit der Kälte: Die Harfe und das Cembalo verstimmten sich bei den in einer Stunde um 6 Grad fallenden Temperaturen von Minute zu Minute. Egal: Kaum war das erste Stück zu Ende (oder auch noch nicht ganz ...), brandete der Hup-Applaus Los: Akustisch wie optisch ein Spektakel. Und gewiss: Originalinstrumentchen mit Darmsaiten und dünnen Resonanzböden sind im akustisch verstärkten Riesenrund verloren, aber für einmal stört es kaum jemanden.

Viel Liebe vom Publikum – auch aus den Autos

Marie Claude Chappuis tritt alsbald auf die Bühne, singt kunstvoll wie virtuos zwei Arien, ist danach sichtlich bewegt und sagt, dass es nicht artig war, Autos anzusingen: «Ich habe viel Liebe vom Publikum erhalten, da herrschte eine feine Energie. Vielleicht half es, dass vor den Autos Leute sassen. Ich spürte, dass auch die Leute in den Autos mitvibrieren.»

Von allen Seiten wollte man den Festivalmachern helfen (die Wagenhöhe war begrenzt) und kein Künstler rümpfte die Nase ob der Anfrage.

Von allen Seiten wollte man den Festivalmachern helfen (die Wagenhöhe war begrenzt) und kein Künstler rümpfte die Nase ob der Anfrage.

Anthony Anex / KEYSTONE

Den Vorwurf, dass ihre Idee überholt sei, lässt sie nur halb gelten: «300 Leute im Saal, das ist schön und gut. Aber plötzlich sind es vielleicht wieder nur 100. Und 300 Leute, das geht in einem grossen Saal: Wir haben in der Gegend aber kein KKL.» Sie steht zu ihrer Lösung: «eine verrückte – und reizvolle».

In einer Stadt wäre dieses Drive-in kaum denkbar. Aber in einem 2000-Seelen zählenden Fondü-Dörfchen mit Käserei, Boucherie und Boulangerie erhält dieses Drive-in etwas charmant Ereignishaftes. Von allen Seiten wollte man helfen und kein Künstler rümpfte die Nase ob der Anfrage. So wird dann bald Reto Bieri mit Rachel Harnisch oder das Stradivari Quartett auftreten, Chappuis das Festival am Freitag beschliessen. Ein Hupkonzert ist allen sicher.

Festival Du Lied Drive-in: www.drive-in-festival.com

Mehr zum Thema