ERZÄHLUNGEN: Berührende Schicksale und harte finale Pointen

Unser Leben ist unberechenbar und fragil. Jan Costin Wagner lässt Menschen in schwierige Situationen geraten. Das geht unter die Haut. Und selten gut aus.

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Jan Costin Wagner, bekannt für seine Krimis, brilliert jetzt mit Erzählungen über die Zerbrechlichkeit unserer Existenz. (Bild: PD)

Jan Costin Wagner, bekannt für seine Krimis, brilliert jetzt mit Erzählungen über die Zerbrechlichkeit unserer Existenz. (Bild: PD)

Sibylle Peine, dpa, und Arno Renggli

Kurzgeschichten haben im Vergleich zu dicken Romanen oft ein nicht ganz gleichwertiges Image. Zu Unrecht. Die Verdichtung, die in einer guten Erzählung gelingt, ist eine Kunst. Ein Beispiel dafür ist Jan Costin Wagners Buch «Sonnenspiegelung». Den 43-jährigen Deutschen kannte man bisher vor allem wegen seiner famos subtilen Krimireihe um den finnischen Kommissar Joentaa.

Wie mit dem Verlust fertig werden?

Nach einer Fahrradtour ist ein Familienvater vor dem Haus einfach tot zusammengebrochen. Seine Frau, seine Mutter und die Kinder sind wie paralysiert. Sie bewegen sich schattengleich durch eine unwirkliche Welt.

Auch in der Erzählung «Kleine Monde» versuchen die Protagonisten, das Unfassbare in ihren Alltag zu integrieren. Die Geschichte erinnert an eine Episode aus Wagners jüngstem Krimi «Tage des letzten Schnees»: Ein Ehepaar wird zu einer Feier bei Freunden eingeladen. Alle versuchen, Normalität vorzugaukeln. Dabei haben der Ich-Erzähler und seine Frau kürzlich ihr Kind verloren. Es war ein Autounfall, der Vater fühlt sich schuldig am Tod der Tochter. Auf der Party aber wird das Unglück totgeschwiegen: «Es wird nicht zur Sprache kommen. Das, woran alle denken. Einen Abend lang um die Lücke herumsprechen.»

Diese Sprachlosigkeit und das verkrampfte Bemühen um Normalität schildert Wagner meisterhaft in knappen, filmischen Sequenzen. Viele seiner Geschichten werden aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, die dann mosaikartig ein Gesamtporträt ergeben.

Einige Erzählungen sind Kurzkrimis, so etwa «Nach stillen Nächten» oder «Weihnachtsengel». In der Titelgeschichte «Sonnenspiegelung» geht es um einen geheimnisvollen Stalker, der ein Ehepaar in Unruhe versetzt und eine Lawine ins Rollen bringt. Immer wieder gelingt es dem Autor, den Leser auf falsche Fährten zu locken und mit überraschenden Schlusswendungen aufzuwarten. Einige sind derart brutal und bösartig, dass sie an den britischen Autor Roald Dahl erinnern, der für solche Pointen berühmt war. Vielleicht wirken sie bei Wagner zuweilen etwas konstruiert, etwas gar wie Selbstzweck.

Oft düster, ab und zu heiter

Berührend aber, wie Wagner in die seelischen Abgründe der Figuren eintaucht und die stete Gefährdung unserer Existenz zeigt. Das hat einen düsteren, pessimistischen Anstrich. Doch es gibt auch heitere, fast zärtliche Momente. So werden in «Tanzen» zwei extreme Männerschicksale geschildert, die auf eine Katastrophe zuzusteuern scheinen. Doch am Ende gibt es eine fast wundersame Auflösung, symbolisiert im Bild eines stillen, friedlichen Tanzes.

Jan Costin Wagner: Sonnenspiegelung. Galiani, 192 Seiten, Fr. 26.90.