ERZÄHLUNGEN: Handys, die Schweiz, das Leben und der Tod

Franz Hohler vereint 52 meist neue Kurz- und Kürzestgeschichten. Feine Alltagsbeobachtungen wechseln sich ab mit poetischen Miniaturen und einem politischen Essay zur Lage der Schweiz.

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Franz Hohler (72) beäugt unser Land kritisch und liebt es zugleich. (Bild: PD/Christian Altorfer)

Franz Hohler (72) beäugt unser Land kritisch und liebt es zugleich. (Bild: PD/Christian Altorfer)

Theodora Peter, SFD

Was es mit dem Titel des Buchs «Ein Feuer im Garten» auf sich hat, klärt sich gleich zu Beginn: In der Miniparabel vom Dreijährigen, der nicht weiter lauschen mag, wie die Geschichte weitergeht, die man ihm gerade erst zu erzählen begonnen hat. Begeistert springt der Knirps auf, denn schon zu Beginn hat er etwas Wichtiges erfahren, etwas, das er sich vorstellen kann, etwas, das seinen ganzen kleinen Körper ausfüllt, «eine grosse, eine mächtige, eine wärmende Geschichte»: ein Feuer im Garten.

Manchmal nur ein Satz

So angewärmt lässt man sich gerne in das Hohler’sche Erzähluniversum einwickeln. Die Geschichten sind eine ideale Lektüre zwischen zwei S-Bahn-Stationen, inspirierender als der sonst übliche Check auf dem Smartphone. Philosophische Miniaturen, manche nur einen Satz lang («‹Mir macht das Verlieren gar nichts aus› sagte der Gewinner.»), wechseln sich ab mit Alltagsbeobachtungen von Hohlers Lesereisen in ferne Länder und in die nahe Provinz.

So sucht im Zug eine Frau so lange in den Tiefen ihrer Handtasche nach ihrem Handy, bis der Herr vis-a-vis anbietet, sie anzurufen. Das erzählt der Autor aber nur, weil er selbst sein Mobiltelefon zu Hause liegen gelassen und erst noch das falsche Buch für die Lesung eingesteckt hat. «Trittsicher sehen wir aus, sind ausgerüstet für die tägliche Lebensexpedition und kämpfen doch ständig gegen unsere Auflösung.»

Die Schweiz als Prozess

Unter dem Titel «Wer sind wir?» sinniert Hohler in einem längeren Essay über die Schweiz. «Ruhe wollten wir doch haben, stabil wollten wir doch sein, verlässlich und unabhängig, Meister im eigenen Haus, und nun ist ein Lärm da draussen, man klopft und rüttelt ständig an diesem Haus.» In diesem «Haus zum Schweizerdegen», wie es in einem Volkslied heisst, gehe die alte «Schwarzenbachangst» vor der Überfremdung um. Doch langsam dämmere uns, dass die Zukunft keine schweizerische sein kann, und dass die Schweiz kein Zustand ist, sondern ein Prozess. «Im Übrigen liebe ich diese Haus.».

Der Vielschreiber fühlt sich offenbar auch wohl «im Wasser», so der Titel der vorletzten Kurzgeschichte. Als am 1. März Geborener sei er schliesslich ein Fisch. «Ich schwimme ununterbrochen, ich kann gar nicht genug kriegen davon.» Doch jeden Tag sitze der Tod am Ufer «und wirft seine Angel nach mir aus. Eines Tages werde ich anbeissen».

Erstmals erscheint nun eine Biografie über Franz Hohler. Verfasst hat das Werk Hohlers Weggefährte, der Journalist und Liedermacher Martin Hauzenberger. Hohler hat auch ein neues, von Kathrin Schärer illustriertes Kinderbuch publiziert. «Die Nacht des Kometen» handelt von einer sagenumwobenen Nacht, in der ein Komet der Erde nahekommt.

Franz Hohler: Ein Feuer im Garten. Luchterhand, 126 Seiten, Fr. 26.90.