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ERZÄHLUNGEN: S. Corinna Bille – Für immer Liebe

Kaum je sind die Spielarten der Liebe so innig, sinnlich und obsessiv erzählt worden. Die grandiosen Geschichten «Für immer Juliette» der Walliserin S. Corinna Bille erscheinen endlich auf Deutsch.
Dieter Langhart
Schwebend leichte Prosa: S. Corinna Bille (1912–1979). (Bild: RDB/ATP)

Schwebend leichte Prosa: S. Corinna Bille (1912–1979). (Bild: RDB/ATP)

Dieter Langhart

Erdig und schwebend zugleich. So riecht dieses Buch, so schmecken die acht Erzählungen S. Corinna Billes. Erdig die Natur und die Körper, schwebend die Liebe und die Sinne – beschwört von einer Frau, die 1927 mit fünfzehn Jahren beschloss, Schriftstellerin zu werden. Die auf dem Höhepunkt ihres Schaffens Sätze schrieb wie «Helena lebte in Zeitlupe, war Verlobte und altes Mädchen zugleich» oder «Denn es ist der siebte Tag und die erste Liebe, und die hat einen Hauch von Genesis.»

1971 erschien die Originalausgabe dieser acht Erzählungen unter dem Titel «Juliette éternelle» in Lausanne, jetzt hat sie der Zürcher Rotpunktverlag als «Für immer Juliette» seiner Bille-Reihe hinzugefügt. Und Lis Künzli hat die Geschichten wunderbar sinnlich und kraftvoll und einfühlsam übersetzt.

Die Liebe ist der ­grausamste Spiegel

Romano und Juliette am Strand, dazwischen die Ich-Erzählerin, «bereit, die Liebe zu verachten»: Juliettes Mutter, die darunter leidet, nicht mehr begehrt zu werden, «mehr noch, darunter, nie Juliette gewesen zu sein». Herb klingen solche Sätze in der ersten, der titelgebenden Erzählung. Die Erzählerin will nicht Voyeurin sein; sie kommt «aus dem Land der Verbote», sie ist «die alte Meerjungfrau, die den Männern nun Angst macht», die die Menschenjungen noch immer liebt, die umkommt vor Einsamkeit, der ein Mann den Hof macht. Sie antwortet ihm: «Ach, für die Liebe muss man jung sein. Sie ist der grausamste Spiegel!»

S. Corinna Bille ist an die sechzig, als «Für immer Juliette» erscheint. Doch ihre Erzählungen klingen alles andere als wehmütig oder gar verhärmt, sie schmecken nach Leben. Sie erzählen nicht von ihr selbst, sie erzählen von acht Frauen, von acht Spielarten der Liebe. Bei «In die wilde Rose beissen» heisst die Frau Helena, «Helena-die-Schüchterne», Lehrerin in einem Ferienheim, fünfunddreissig, verlobt mit einem Unschlüssigen, der samstags in ihr Zimmer steigt. Unter Helenas Zöglingen ist der stille, geheimnisvolle Laurent, «der kleine Franzose» genannt. Er ist dreizehn, Kind und Mann zugleich, «und die Schönheit dieses männlichen Kindes zerriss Helena das Herz». Die Liebe erfasst Helena, sie ist gleichzeitig erregt und erschlagen von ihr. Doch dann fährt Laurent heim. Und als ein unbekannter Junge in Helenas Zimmer springt, packt sie ihn und zieht ihn auf sich und sagt zu ihm: «Man muss vorher sehr durstig sein. Man muss umkommen vor Durst.»

Umkommen müssen sieben Papageien am Ende von «Cecilias Tagebuch». Die Ich-Erzählerin haust in einer Klinik. Träumt sie? Ist sie einem Wahn verfallen? Wird sie verrückt oder ist sie es längst? «Ich verlor Leben, wie man sein Blut verliert.» Sie masturbiert mit einem Eiszapfen. Ihr Freund Philippe besucht sie, elf Tage später notiert sie: «Heute Nacht habe ich geträumt, ich trüge ein Kind von ihm.» Doch «was er auch sagt, denkt oder riecht, darauf will er hinaus. Und er will es schon lange, kalt.»

Geschickt wechselt S. Corinna Bille Erzählperspektive, Sprache, Stil. «Die Geschichte eines Geheimnisses» ist von fast unheimlicher Distanz, bar jeder Introspektion. Sie beginnt mit dem Begräbnis der bildschönen und schwangeren Mademoiselle de M. Der Baron, ihr Verlobter, ist in der ersten Reihe. Gekommen ist auch Robert Pellozzi. Mit ihm, einer Zufallsbekanntschaft vom Maskenball, hatte sie sich «eine Laune erlaubt, ein Wochenende ausserhalb der Reihe, danach würde sie in ihr Leben zurückkehren».

Wie mit der Handkamera gefilmt

S. Corinna Bille begleitet in «Masken» Clément und seine schwangere Frau auf eine Wanderung ins Lötschental: «Sie fühlte eine Mischung aus Zärtlichkeit und Gereiztheit», da ist keine Zuneigung mehr erahnbar. Trauer und Verzweiflung werden stärker, in der Kriegsgeschichte «Der Gast Gottes» und in der leicht surrealen Erzählung «Die längsten Tage» über die Erinnerung an das Begehren, die S. Corinna Bille wie einen mit der Handkamera gedrehten Film erzählt.

Den Band beschliesst eine weitere Wintergeschichte. Blanca ist fünfzig: «War sie vielleicht glücklich?» Sie führt «ein ruhiges Leben, alles in allem», verliebt ist sie nicht mehr. Dann entdeckt sie zwei Bündel Frauenbriefe. Das reicht. Sie fährt nach Lausanne, nimmt sich ein Zimmer. Sie kehrt zurück, denn bald ist Weihnachten. Grandios, wie S. Corinna Bille den nun folgenden Dialog zwischen Mann und Frau belauscht. Grandios wie das ganze Buch.

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