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An Schweizer Theatern dreht das Intendantenkarussell

Ob Zürich, Bern, Basel oder Luzern: An der Spitze vieler Schweizer Theaterhäuser stehen in den nächsten zwei Jahren Generationenwechsel an. Was bedeutet das für die Häuser und deren Strukturen?
Julia Stephan
Was bedeutet das Stühlerücken an den Schweizer Theaterhäusern für das Publikum? (Bild: Petra Orosz/KEY)

Was bedeutet das Stühlerücken an den Schweizer Theaterhäusern für das Publikum? (Bild: Petra Orosz/KEY)

Stühlerücken an den Spitzen der Schweizer Theaterhäuser: Der deutsche Regisseur Nicolas Stemann und Dramaturg Benjamin von Blomberg übernehmen ab der Saison 2019/20 das Schauspielhaus Zürich von Barbara Frey, die das Haus skandalfrei durch zehn solide Spielzeiten ­navigiert hatte. Die künftige Doppelspitze will einiges aus den ­Angeln heben: etwa ein junges Regiekollektiv aus sieben Hausregisseuren ans Haus binden – mit Nicolas Stemann sind es sogar deren acht – und Stemanns Kontakte als Dozent der Zürcher Hochschule der Künste anzapfen für eine radikale Verjüngungskur.

Endlich sollen sich auch Zürcher mit Migrationshintergrund im Stadttheater repräsentiert fühlen. Und auch bei dem von den Zürchern so heiss geliebten Ensemble wird kein Stein auf dem anderen bleiben: ein Viertel der alten Schauspielgarde bleibt, das Ensemble wird ausgebaut. Man wolle mit dieser Vergrösserung durch Künstler diverser Herkunft und Theatersprachen ein «politisches Signal» setzen, dass hier ein «Kraftzentrum in und für Zürich» entstehe, so Benjamin von Blomberg.

Doppelspitzen – Modelle der Zukunft?

Nach Jahren der Solidität also auf zu neuen Ufern? Das Schauspielhaus nannte die neue Doppelspitze in seiner Medienmitteilung denn auch stolz das «Leitungsmodell der Zukunft». Diese Verantwortung auf zwei Schultern hat durchaus ihre Vorzüge: Sie bedeutet weniger davon für eine, weniger personelle Angriffsfläche für Politik und Öffentlichkeit und kein Druck, eine Institution auf allen Cüpli-Events repräsentieren zu müssen. Oder wie es Benjamin von Blomberg an einem Podium in Luzern formuliert hat: «Sobald die Intendanz berufen ist, erwartet die Öffentlichkeit, dass sie sich auch möglichst überall zeigt und in die Stadt eintaucht. Und auch da ist es natürlich super, zu zweit zu sein. Man hat doppelt so viel ­Präsenz. Und alles ist halb so anstrengend.»

Für Thomas Schmidt, Professor für Theatermanagement in Frankfurt a. M., repräsentiert das neue Zürcher Modell eine echte Teamleitung, wie er sie in seiner 2017 erschienenen Kritik am deutschen Theatersystem schon gefordert hat. Selbst mit einem künstlerischen Direktorium aus nur zwei Köpfen könne «ein erster Team-Impuls» entstehen, der weggehe vom Anspruch der Alleinvertretung, so Schmidt. Zwar setzen auch andere Häuser wie etwa das Theater St. Gallen formal auf ein gleichberechtigtes Viererdirektorium. Doch wenn die Mittelvergabe allein dem den drei Spartenleitern gleichgestellten geschäftsführenden Direktor obliege, könne das intern zu einem Machtgefälle führen, sagt der St. Galler Schauspieldirektor Jonas Knecht.

Gleichberechtigung ist oft Etikettenschwindel

Schmidt bezeichnet Modelle wie das aus St. Gallen oder das am Konzert Theater Bern gelebte deshalb als «unechte Direktorien unter falschen Etiketten». In Bern soll die Nachfolge des wegen einer internen Liebschaft zurückgetretenen Generalintendanten Stephan Märki, dem einzelne Spartenleiter unterstehen, bis Ende der Spielzeit 2018/2019 bekannt gegeben werden. «Man kann nur hoffen, dass Bern sich ebenfalls zu einer Teamleitung durchringt und nicht wieder einen Einzel­intendanten wählt, das wäre das vollkommen falsche Signal an die Belegschaft und die Künstlerinnen und Künstler», so Schmidt.

Theater Neumarkt: Die letzte Bastion in weiblicher Hand

Mithalten mit echtem Teamspirit kann mit dem Schauspielhaus hingegen das Zürcher Neumarkt-Theater: Auch hier wird zeitgleich zum Leitungswechsel am Pfauen eine weibliche Dramaturgencrew um Julia Reichert, der ehemaligen leitenden Dramaturgin unter Benedikt von Peter in Luzern, und den aus dem Umfeld der Zürcher Hochschule der Künste kommenden Theaterfrauen Hayat Erdoğan und Tine Milz das Erbe von Peter Kastenmüller und Ralf Fiedler antreten. Keine der drei hat das vierzigste Lebensjahr erreicht, die jüngste studiert noch an der ZHdK. Sie sind nach dem Rücktritt von Barbara Frey, dem bereits erfolgten von Carena Schlewitt, die zehn Jahre der Kaserne Basel vorstand, sowie dem von Ute Haferburg angekündigten Abgang – die Intendantin des Theaters Chur nimmt nach zehn Jahren auf 2020/21 ihren Hut – derzeit die einzige gesetzte weibliche Intendanz eines grösseren Schweizer Theaterhauses.

Gebildet hat sich das Trio – ganz dem Kommunikationsstil seiner Generation verpflichtet – über eine SMS von Tine Milz: «Das Neumarkt sucht eine neue Leitung. Wollen wir uns bewerben?»

Auch Reichert/Milz/Erdoğan wollen auf Intendantenebene die derzeit auch in vielen Start-ups so beliebten flachen Hierarchien aktiv vorleben. Wegen ihres Kollektivvertrags bleibt ihnen rechtlich auch gar nichts anderes übrig – geht eine, gehen alle. Gelingen könnte ihnen dieses Miteinander auch aus einem anderen Grund: Weder Milz, Erdoğan noch Reichert führen Regie. Ein Spagat zwischen künstlerischer Selbstverwirklichung und Leitungsaufgaben wird nicht vonnöten sein. «Wir konzentrieren uns auf die Projekt- und Formateentwick­lung, wir inszenieren nicht einzelne Stücke, sondern das ganze Haus», sagt Julia Reichert. Mit ihrem Wunsch, Gleichberechtigung auf allen Ebenen durchzusetzen, treten die drei in die basisdemokratischen Fussstapfen der Neumarkt-Vergangenheit. Und sie zeichnen das Bild einer jungen Generation, die sich per se nicht mehr nur als ­eitle Macher versteht, sondern als Ermöglicher.

«Raus aus der Theater- und Filterblase!»

Man darf hoffen, dass das Schauspielhaus mit seinem aus der Freien Theaterszene kommenden neuen Intendanten-Doppel dem jugendlichen Neumarkt-­Esprit dabei nicht in die Quere kommen wird. Denn was Reichert/Milz/Erdoğan in ihr Manifest geschrieben haben, das ihrer Bewerbung beilag, dürfte auch von Blomberg und Stemann nicht wie Latein vorkommen: «Wir wollen raus aus der Theater- oder Filterblase!» Und: «Den musealen Teil des Stadttheaterauftrages und die Neubefragung des Kanons überlassen wir dem Schauspielhaus.»

Ob das von Blomberg und Stemann ähnlich sehen? Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie sich die Gessnerallee zwischen diesen Häusern positionieren wird. Das für experimentelle Theater­formen stehenden Haus sucht auf die Saison 2020/2021 eine Nachfolge für Roger Merguin. Teamleitungen werden in der Ausschreibung ausdrücklich begrüsst. Die Nachfolge soll frühestens Ende Januar bekannt sein.

Neue Ästhetiken in Basel und Zürich

Für den Trend zur Verjüngung steht auch Benedikt von Peter (41), derzeit noch Intendant am Luzerner Theater. Er hat als Student mit Benjamin von Blomberg die freie Operngruppe «evviva la diva» gegründet. Wird da eine neue Ästhetik über die Städte-Achse Basel-Zürich etabliert? Von Peter wechselt in der Saison 2020/21 ans Theater Basel und soll am für seine Schauspielproduktionen viel gelobten Haus mit seiner gewinnenden, volksnahen Art und seinem in Luzern intensiv erprobten Raumtheater, das sich bei der Bespielung des Stadtraums keine Grenzen setzt, die Basler Erfolgsjahre fort­setzen. In Luzern soll derweil bis April 2019 die Nachfolge geregelt sein. Das Intendantenkarussell hat also noch lange nicht ausgedreht.

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