Lukas Hobi von der Luzerner Firma Zodiac Pictures erklärt die unmittelbaren und langfristigen Auswirkungen der Pandemie auf die Filmproduktion.

«Es fühlt sich an wie ein Time-out», sagt Lukas Hobi von  Zodiac Pictures. Die effektiven Folgen der Coronakrise würden sich erst im Laufe der nächsten ein, zwei Jahre zeigen.

Regina Grüter
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Zum Cast von «Wanda, mein Wunder» von Bettina Oberli gehören unter anderen Marthe Keller (Dritte von links), Anatole Taubman (ganz links) und Birgit Minichmayr (Zweite von links).

Zum Cast von «Wanda, mein Wunder» von Bettina Oberli gehören unter anderen Marthe Keller (Dritte von links), Anatole Taubman (ganz links) und Birgit Minichmayr (Zweite von links).

Bild: Zodiac Pictures

Unterbrochen, abgebrochen, verschoben, abgesagt. Die Schweizer Filmproduktion steht still. Heiss hingegen laufen die Telefondrähte. Krisenmanagement ist angesagt. Während des Gesprächs mit dieser Zeitung ist Lukas Hobi von der Luzerner Filmproduktionsfirma Zodiac Pictures alleine im Büro an der Pilatusstrasse – etwas Abstand von den drei Kindern zu Hause. Zusammen mit Reto Schaerli hat er in 20 Jahren mehr als 30 Spielfilme realisiert, darunter «Die göttliche Ordnung», «Di chli Häx» oder den Fernseh-Zweiteiler «Gotthard».

Hobi ist am Planen und Koordinieren. Die Coronakrise trifft das Unternehmen, das pro Jahr durchschnittlich drei Produktionen stemmt, sowohl Filme als auch Serien, auf verschiedenen Ebenen. Man kann das auf alle Phasen der Filmproduktion herunterbrechen: Projektentwicklung, Vorproduktion, Dreharbeiten, Postproduktion und Filmverwertung. Die Projektentwicklung ist am wenigsten betroffen; Ideen generieren und Drehbücher schreiben kann man weiterhin. Aber ob man jetzt für neue Filme die Finanzierung sichern kann, wo alle versuchen, bereits gestartete Projekte durch die verschiedenen Phasen zu bringen, ist eine andere Frage. Die Vorproduktion liegt eigentlich brach: Gegenwärtig können weder Castings durchgeführt noch kann man sich auf Motivsuche machen.

Dreharbeiten von Michael Steiner in Indien gestoppt

Was die Dreharbeiten betrifft, kann Lukas Hobi von konkreten Erfahrungen erzählen. Zu den Schweizern, die möglichst schnell aus dem Ausland in die Heimat zurückkehren mussten, gehören Regisseur Michael Steiner («Wolkenbruch») und Kollegen. Zodiac Pictures produzieren Steiners nächstes Spielfilmprojekt, das Geiseldrama «Und morgen bist du tot» über die beiden Schweizer, die von den Taliban entführt wurden und entkommen konnten. Seit Februar weilte eine 20-köpfige Schweizer Crew für Dreharbeiten in Indien. 120 Inder waren daran beteiligt. Fünf Tage Drehzeit fehlten, bevor in der Schweiz hätte weitergedreht werden sollen. Am Morgen des 20. März seien alle gesund mit einem der letzten Flieger aus Indien mit Umsteigen in Abu Dhabi zurückgekehrt, erzählt Hobi.

Auch die Dreharbeiten zur dritten Staffel der Fernsehserie «Wilder», produziert von der Zürcher Firma C-Films, mussten unterbrochen werden. Das hat langfristige Auswirkungen. «Etwa sechs grössere Schweizer Produktionen rutschen so in den Sommer», erklärt Lukas Hobi. Dort seien schon weitere geplant, allein zu drei Filmen von Zodiac Pictures. «Es gibt dann zu viel Arbeit und zu wenig Techniker.» Das sei auch in Ländern mit einer grösseren Filminfrastruktur wie etwa beim Nachbarn Deutschland nicht anders, meint Hobi. Und so fällt Arbeit komplett weg. «Viele Freischaffende müssen wir freistellen», sagt Lukas Hobi. Also Freelancer mit kurzen, befristeten Arbeitsverhältnissen; selbstständige Maskenbildnerinnen oder Tonmänner, die nun beim Bund um Hilfeleistungen ersuchen müssten. Die Lohnkosten würden zirka 60 Prozent ausmachen, sagt Hobi.

Der Anteil an Festangestellten sei relativ klein, und vieles lasse sich in ihrem Beruf online abwickeln. «Um die Mehrkosten für die Drehunterbrüche und Verschiebungen zu decken, sind wir mit Förderern und dem Fernsehen daran, Lösungen zu suchen.» Kulturkrediten steht der Filmproduzent kritisch gegenüber: «Dann fehlt das Geld später, und es gibt auch für Nachfolgeprojekte keine finanzielle Unterstützung mehr.»

Geplanter Start von Bettina Oberlis Film gefährdet

Nicht viel besser bestellt ist es um die letzten beiden Schritte in der Filmproduktion. Klar, am Schnitt kann gearbeitet werden, aber sobald Schauspieler, die im Ausland leben, für nachträgliche Tonaufnahmen ins Studio kommen müssten, hat man wieder ein Problem. Ein Glück also, wenn ein Film schon fertig ist, wie Bettina Oberlis «Wanda, mein Wunder». Oder? Das Drama um eine polnische Pflegerin, die sich um einen reichen Zürcher Patriarchen kümmert, hätte im November in die Deutschschweizer Kinos kommen sollen.

Doch wird das Filmangebot im Herbst extrem gross sein, und Kassenknüller wie der Bond-Film «No Time To Die» machen kleineren Produktionen die Besucher abspenstig. Die Bond-Produzenten waren die ersten, die den Start in den November schoben. Noch ein weiterer Unterschied zeigt sich zu den dominanten globalen Playern: Während der Streaming-Dienst Netflix und auch grössere amerikanische Studios zum Teil gegen Pandemie versichert sind, ist das in Europa grundsätzlich nicht der Fall. Lukas Hobi: «Wenn eine Harddisk runterfällt und kaputtgeht, ist das versichert. Auch, wenn sich beispielsweise der Regisseur den Finger bricht.» Aber Pandemie, nein, das steht nicht in der Police.

Gerade jetzt plagen sie noch keine finanziellen Schwierigkeiten wie Restaurants oder Coiffeur-Betriebe, deren Einkommen von einem Tag auf den anderen wegbrach. Aber «wie kommen wir wieder rein?» Diese Frage stelle im Moment die grösste Unsicherheit dar, so Hobi. Das bedeutet, dass sie die Arbeit nicht runterfahren können und versuchen, an allem weiterzuarbeiten. Und doch fühle es sich an wie ein Time-out, müsse man schauen, wie man das alles wieder einfädelt. Braucht die Filmproduktion doch durchweg eine sehr lange Vorlaufzeit, dauert die Arbeit an einem Film insgesamt über fünf Jahre. Die effektiven Folgen der Krise würden sich erst im Laufe der nächsten ein, zwei Jahre zeigen. «Es trifft alle», betont Hobi immer wieder. «Ich will hier nicht mehr jammern als andere.» Höflich erkundigt er sich, ob es noch offene Fragen gäbe. Die nächste Telefonkonferenz ruft.