Beim Luzerner Sinfonieorchester geht es auch ohne Dirigent

Das Luzerner Sinfonieorchester spielt gänzlich ohne Dirigent. Ein Abenteuer, das reichhaltig entschädigt.

Roman Kühne
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Pianist Fazil Say während des Konzerts des Sinfonieorchesters.

Pianist Fazil Say während des Konzerts des Sinfonieorchesters.

Jakob Ineichen, 4. Dezember 2019

Es ist definitiv kein fader Einheitsbrei, den das Luzerner Sinfonieorchester seinem Publikum serviert. Abwechslung ist angesagt, anspruchsvoll und fordernd. Nachdem es zum Saisonauftakt grosssinfonisch startete, Bruckner und Brahms standen auf dem Programm, bringt das aktuelle Abo-Konzert vom Mittwochabend ein kammermusikalisches Konzept auf die Bühne. Ein Echtes. Denn die Luzerner spielen nicht einfach in reduzierter Besetzung. Im Gegenteil: Bei Mozarts gross orchestriertem 23. Klavierkonzert in A-Dur treten sie ohne Dirigent auf. Und wie.

Das wechselnde Spiel erklingt natürlich und lebendig, als seien die Musiker nie anders aufgetreten. Der Konzertmeister und Neuzugang Gregory Ahss und der Solist Fazil Say leiten von ihren Instrumenten aus das Gesamtensemble. Die Musikerinnen und die Musiker agieren dabei hellwach und aufmerksam auf das Nicken ihres ersten Geigers und die Handbewegungen des Pianisten. Die sensible Kunst von Fazil Say und die Einwürfe des Orchesters verweben sich so aufs Innigste miteinander. Am Klavier interpretiert er luftig, leicht und offen. Es ist ein persönlicher, ganz dem Inneren zugeneigter, sein Mozart. Eine empfindsame Seele, aus den Noten des Stückes geschält. Vor allem das Adagio berührt tief. Das Wechselspiel zwischen dem Piano und den Bläsersolisten. Ein gleichberechtigter Austausch zwischen Fazil Say, der Soloflötistin Zofia Neugebauer und Stojan Krkuleski an der Klarinette. Verlassen und schmerzlich. Das Unfassbare in Ton und Linie eingeritzt. Der Pianist gibt vor, das Orchester nimmt auf. Ein unendliches, sich schwermütig drehendes Rad.

Nur im Quintett auf der Bühne

Genauso wie die Festival Strings, die im November über ihre Grösse hinaus gingen, zusammen mit Rudolf Buchbinder eine denkwürdige Version des 4. Klavierkonzertes von Beethoven spielten. Genauso gehen die Luzerner quasi in ihrer Grösse zurück und zelebrieren ohne Dirigent einen berauschenden Mozart. Nicht berauschend im Sinne des üppigen Festes, sondern gefühlsreich, warm und berührend. Mit denselben Qualitäten spielt das Luzerner Sinfonieorchester auch die 1773 entstandene Streichersinfonie in h-Moll von Carl Phi­lipp Emanuel Bach. Vielfältig im Kleinen, kompakt im Grossen. Verspielt und leicht reichen die Musiker die Läufe durch die Register. Empfindsam modulieren sie die Lautstärken, gestalten mit einer gesanglichen Grundhaltung, in der alles passt.

Sogar noch einen Schritt weiter ging das «Sinfoniekonzert» vor der Pause. In Franz Schuberts «Forellenquintett» finden sich nur fünf Musiker auf der Bühne. Neben Fazil Say und Gregory Ahss sind dies mit Alexander Besa, Viola, Heiner Reich, Violoncello, und Petar Naydenov, Kontrabass, die Stimmführer ihrer Register. Hier wird das Credo des zukünftigen Dirigenten Michael San­derling, seine Betonung der Wichtigkeit der Kammermusik auf die Spitze getrieben.

Zum Schluss ein Jazz

Fazil Say ist auch hier die Seele und Muse des Stückes, musiziert mit leichtem Anschlag, fröhlich, ja légère tänzelnd gar. Man spürt, dass dieses Stück ihm am Herzen liegt. Er wollte es unbedingt im Programm haben. Herrlich ist sein Pianissimo-Triller am Ende des ersten Satzes. Die vier Streichersolisten folgen diesen Vorschlägen mit Lebensgeist und Wachheit. Teils hätte man sich mehr tiefen Klang gewünscht, die Balance ist teils gar etwas auf die Violine fokussiert. Aber das elegant vorgetragene «Forellenthema» in den Streichern oder der fast jazzige Hintergrund zum wirbelnden Pianospiel sind nur zwei der vielen gelungenen Momente. Zum Abschluss des Abends improvisiert Fazil Say noch über Mozarts «Rondo Alla Turca» aus der Sonate Nr. 11 A-Dur. Ein begeisterndes Gewitter aus Melodien, Läufen und Akzenten. Er hätte wohl auch als Jazzpianist keine Mühe, sein Publikum zu fin- den. Auf die zeitlich freie «Gnossienne Nr. 1» von Erich Satie folgt die Eigenkomposition «Black Earth», inspiriert durch das Volkslied «Kara Toprak» aus seiner türkischen Heimat.