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Es geht mehr um Nähe als um Überraschungseffekte

Sechs Statements zum Luzerner Theater: Rückblick auf die Spielzeit und Ausblick auf die Zukunft.

«Weniger überraschend, aber die Intensität bleibt»

Urs Mattenberger, Kulturredaktor

Urs Mattenberger, Kulturredaktor

Den Aufbruch klar weitergeführt haben das Figurentheater unter der neuen Leitung von Sybille Grüter und Jacqueline Surer sowie der Tanz: Die Tanz-Magie in Glucks «Orfeo» bot einen Vorgeschmack auf spartenübergreifende Projekte, wie sie von Peters Nachfolgerin Ina Karr angekündigt hat. Mit «Paddington Bär» bot der Tanz auch Ersatz für die Weihnachtsproduktion für Kinder, die dieses Jahr als Zirkusnummer verpuffte.

Viele Produktionen zeigten, wie sich das Haus – abgesehen von Betriebs- und Infrastrukturproblemen – für Raumtheater nah am Publikum eignet. In Offenbachs Operette, in der man die Herzogin von Gérolstein buchstäblich riechen konnte, monierte zwar ein Besucher, der Überraschungseffekt des Spiels im Publikum nutze sich mit der Zeit ab. Und doch war dies kein Beispiel dafür, dass von Peters Stil, wenn man ihn mal kennt, seine Faszination verliert. Denn ein Fazit aus dieser Saison ist die Erkenntnis, dass es weniger um Überraschungseffekte geht, sondern um die Nähe, die eine andere innerliche Teilnahme erlaubt. Und Nähe ist, wie im richtigen Leben, das Gegenteil von Gewohnheit.

«Räumliche Durchlässigkeit muss im Haus möglich sein»

Céline Graf, Kulturredaktorin

Céline Graf, Kulturredaktorin

Mit unterschiedlichem Erfolg ging auch die erste Saison von Schauspielleiterin Sandra Küpper diesen Weg. Ein Extremfall, Max Frischs «Biedermann und die Brandstifter» in Privatwohnungen, zeigte, was bei partizipativen Theatermodellen manchmal zu kurz kam: Der Text, der nur Gerippe ist. Oder der Tiefgang, der in «Die Unscheinbaren» vor lauter Publikumsanimation und -interaktion schier erdrückt wurde. Der Höhepunkt des partizipativen Theaters bildete die Grossproduktion «Cybercity» in der Viscosistadt, die das jugendliche Ensemble substanziell in die Stückentwicklung mit einbezog und das Publikum die Geschichte frei erkunden liess.

Auch «Zappa on the Hill» auf dem Sonnenberg bewies, wie eine herausfordernde Aussenspielstätte für Abwechslung im Spielplan sorgen kann. Klar ist allerdings, dass aufwendige Exkursionen für ein Stadttheater keine Dauerlösung für das Bedürfnis nach räumlicher Durchlässigkeit sind. Diese muss im eigenen Haus möglich sein. Während zwar auch ein Drama wie «Alkestis» den Gang über den Theaterplatz wagte, profilierte sich vor allem das Box-Provisorium als flexibler Bau für hybride Formen zwischen innen und aussen, offen und geschlossen, etwa in den dokumentarischen Stücken «Die Unscheinbaren» und «Bunkern». Eine wichtige Erfahrung für die Diskussion übers künftige Theatergebäude.

«Mehrmals wurde probiert, den Tod abzuwenden»

Rosie Bitterli Mucha, Chefin Kulturabteilung Stadt Luzern

Rosie Bitterli Mucha, Chefin Kulturabteilung Stadt Luzern

Eine ganz starke Erinnerung habe ich an die «Serail»-Produktion, in der Stars von der Elfenbeinküste zusammen mit Sängerinnen und Schauspielern durch Mozarts Repertoire-Oper führten. Man erfuhr aber auch, wie Nicole Chevalier eine Arie einstudiert. Das Highlight für mich kam zu Beginn, als ein ivorischer Sänger die Ouvertüre mit Gesang à la Mozart in seiner Sprache ergänzte. Diese Produktion hatte alles, was es braucht: wunderbare Opernmusik, toller Gesang, Tanz in allen Variationen, eine tolle Conférencier-Figur (der wiederauferstandene Komponist selber?) – kurz, das Modethema Transkulturalität unter verschiedenen Aspekten abgehandelt und trotzdem unterhaltsam.

«Don Giovanni» durfte ich bei den Proben entstehen sehen. Das, was schliesslich auf die Bühne kam, überzeugte mich, wobei ich mir hätte vorstellen können, dass diese Inszenierung so weit geht, dass der Menschenverführer am Ende nicht zur Hölle fährt, sondern uns sein lebendiges Gesicht zeigt. «Sühne», das «Schuld»-Pendant in der Box, bot ein trunkenes Leichenmal aus dem Dostojewski-Roman. Eine überzeugende Leistung der Darstellenden, eine stimmige Inszenierung des Raums.

Und mehrmals wurde probiert, den Tod abzuwenden. Erster Versuch: «Alkestis», wo mir die «schönen» Bilder und die griechische Sprache hängen geblieben sind. Zweiter Versuch: Orpheus, der dies tänzerisch tat, was auch nichts genützt hat. Er muss nun schauen, was er ohne Eurydike macht und hat dies – wie übrigens alle drei Frauen in dieser Produktion – zum Heulen schön besungen. Und schliesslich Frank Zappa, mein Jugendidol, und Pierre Boulez, die beide auf dem Sonnenhill auferstanden sind. Mir hat’s gefallen!

«Jetzt braucht es Brandstifter»

Philipp Zingg, Präsident Theaterclub Luzern

Philipp Zingg, Präsident Theaterclub Luzern

Benedikt von Peter konnte seinen Ruf als Regisseur-Freak nach «Traviata» und «Falstaff» jetzt mit «Don Giovanni» festigen. Ein vom Theatermachen Begeisterter, ein Freak ist er tatsächlich, aber auch in uns hat er die Begeisterung für andere Sehgewohnheiten, für das Erkunden neuer Räume geweckt. Viel neues Publikum wurde gewonnen, jüngere Leute kommen, sicher auch wegen der freieren Sicht auf die freie Szene, die er geschickt mit einbezogen hat. Das ist sehr viel für Luzern und wird als Benedikts Markenzeichen Bestand haben.

Was fehlt uns aber? Es steht im neuen Spielzeitheft: Die Beste aller Spielstätten. Das ist ein ganz neues Haus und kein kompromissbeladener Um- und Anbau. Wenn schon ein neues Theater gebaut werden soll, dann muss dieses Gebäude mit jeder Faser in die Zukunft weisen. Was wir jetzt brauchen, sind Brandstifter, welche die Fackel ins Gebälk werfen und den Weg freimachen für einen Neuanfang wie er in Schillers «Tell» steht: «Das Alte fällt und neues Leben blüht aus den Ruinen.»

«Innovativ, urban, mutig und frech»

Barbara Schlumpf, Regisseurin (aktuell: «Was ihr wollt») www.freilichtspiele-luzern.ch

Barbara Schlumpf, Regisseurin (aktuell: «Was ihr wollt») www.freilichtspiele-luzern.ch

Zur vergangenen Spielzeit passt für mich weder das Wort Freak noch die Gewöhnung. Ich fand Benedikt von Peters Arbeit innovativ, urban, mutig, frech und hochprofessionell, alles wünschenswerte Qualitäten. Vielleicht nicht für die Publikumsbreitseite, was aber auch gar nicht immer sein muss. Er ging aus dem Haus hinaus, egal aus welchen Gründen, öffnete die Mauern nach aussen, das finde ich sowieso spannend.

Ich glaube, das Publikum möchte immer auch verstehen, was es sieht. Und einen Abend verbringen, wo es abgeholt wird, emotional wie ästhetisch. Das Theaterpublikum sucht auch jenes Theater, das weder die Welt neu erfinden will noch dem transdisziplinären Trend nachrennt. Es will berührt werden. Im Theaterhaus kann man Mauern aufbrechen und nach draussen flattern. In Inszenierungen kann man die statisch stabilen Wände auch immer wieder mal stehen lassen.

«Kampf um jeden Zentimeter»

Benedikt von Peter, Intendant Luzerner Theater

Benedikt von Peter, Intendant Luzerner Theater

Die Stärken und Schwierigkeiten mit dem Theater zeigte exemplarisch «Don Giovanni». Da haben wir um jeden Zentimeter gekämpft, weil für das Spiel vor dem Vorhang nur ein Meter blieb. Dafür erreichte die Aufführung eine eigene Intensität, weil die Bilder auf der Leinwand einen aus dieser Nähe direkt anspringen. Gounods «Roméo et Juliette» zeigte, dass man mit jungen Sängern wie Regula Mühlemann selbst mit einer Grand Opéra hier einen eigenen Weg gehen kann. Was man als Zuschauer nicht sieht, ist der Aufwand, um derart viele Produktionen in diesem Haus auf die Reihe zu bekommen. Das kostet viele Diskussionen, Zeit und damit Geld.

Die Zuschauerzahlen werden zwar nicht ganz die Werte vom Vorjahr erreichen, aber die Auslastung bleibt bei 75 Prozent. Für eine Spielzeit unter dem Thema «Neue Formen», ohne «Jedermann»-Produktion mit 10000 Besuchern und mit einem Neustart im Schauspiel ist das ein sehr gutes Ergebnis.

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