Interview
Expertin für Behinderte und deren Geschwister: «Es ist wichtig, in der Familie über Ängste zu reden»

Susanne Holz
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Martina Bosshart, Geschäftsleiterin der Pro Infirmis Geschäftsstelle Luzern, Ob- und Nidwalden, beantwortet zentrale Fragen, die sich für Angehörige von Menschen mit einer Behinderung ergeben.

Martina Bosshart, Pro Infirmis Luzern, Ob- & Nidwalden.

Martina Bosshart, Pro Infirmis Luzern, Ob- & Nidwalden.

Bild: PD

Welche Unterstützung können Angehörige von (schwerst) behinderten Menschen beanspruchen?

Martina Bosshart: Es gibt eine Vielzahl von Unterstützungsangeboten, ambulante und (teil-)stationäre Angebote, Elternvereinigungen und Selbsthilfe. Auch spezialisierte Fachstellen wie die Frühberatung spielen eine wichtige Rolle. Pro Infirmis bietet als erste Anlaufstelle für alle Fragen rund um das Thema Behinderung Orientierung. Unsere Beratung ist kostenlos und umfassend. Wir erschliessen auch Finanzierungsmöglichkeiten und leisten bei knappen finanziellen Verhältnissen Direkthilfe.

Werden auch Geschwister unterstützt?

Die Betreuung und Pflege von Kindern mit Behinderung ist eine anspruchsvolle Daueraufgabe. Eltern möchten zudem auch genug Zeit haben für ihre anderen Kinder. Daher ist es wichtig, Unterstützung und Entlastung in Anspruch zu nehmen, bevor die eigenen Ressourcen erschöpft sind. Dazu gehört Unterstützung aus dem privaten Umfeld wie auch die Inanspruchnahme von Dienstleistungen wie Entlastungsdienst oder Spitex. Davon profitieren auch die Geschwister, weil das gesamte System gestärkt wird. Entlastung fördert nachweislich die Lebensqualität aller Familienmitglieder.

Wie wird solcherlei Hilfe finanziert?

Welche Sozialversicherung wann für was aufkommt und welche Vergünstigungen es sonst noch gibt, ist komplex. Je nach Situation und Dienstleistung (Betreuung ambulant oder stationär, Pflege) kommen andere Kostenträger in Frage: Kanton, Krankenkassen, IV-Stelle etc. Unsere Beratungsstelle zeigt die Möglichkeiten auf und hilft, Ansprüche geltend zu machen.

Welche Hilfe ist emotional und psychisch nötig?

Wichtig finde ich, in der Familie offen über Belastung, Sorgen und Ängste zu sprechen. Jeder Mensch sucht sich zudem seinen eigenen Weg, hat seine eigenen Vertrauenspersonen. Auch in unserer Beratung haben psychosoziale Themen Platz. Daneben gibt es Elternvereinigungen und Selbsthilfegruppen. Der Austausch mit anderen Menschen in einer ähnlichen Situation kann hilfreich sein. Wer professionelle psychologische/psychotherapeutische Hilfe braucht, für den stehen die üblichen Wege (in der Regel über den Hausarzt) offen. Das gilt auch für Geschwister.

Wann ist es ratsam, die Pflege abzugeben und sich für ein Heim zu entscheiden?

Diese Frage lässt sich so pauschal nicht beantworten. Immer mehr Familien wünschen sich, dass ihr Kind auch trotz Behinderung im Kreis der Familie aufwachsen kann. Es gibt diverse Zwischenlösungen wie Tagesstrukturen, Wochenenden, Entlastungsdienste etc. Leider entspricht das bestehende Angebot nicht immer den Bedürfnissen der Familien. So fehlt es an kurzfristigen Entlastungsangeboten.

Finanziert der Staat die Angebote?

Stationäre Angebote werden grundsätzlich vom Kanton finanziert. Die Invalidenversicherung erbringt diverse Leistungen zur Finanzierung von ambulanten Angeboten. Einen Teil zahlen die Eltern selbst. Zahlreiche Familien würden gerne mehr ambulante Unterstützung in Anspruch nehmen, doch reicht das Geld nicht. Will man die Inklusion fördern, besteht hier Handlungsbedarf.

Ist bei Geschwisterkindern mit Folgen wie Depressionen und Ängsten zu rechnen?

Depressionen und Ängste kommen in allen Familien vor und können auch ganz andere Ursachen haben. Mit einem Geschwister mit Behinderung aufzuwachsen, kann die anderen Kinder auch stark machen und deren Entwicklung fördern.

Die Eltern hier bauten auf eigene Kosten um. Hätten sie nicht finanzielle Unterstützung beantragen können?

Ja, die Invalidenversicherung (IV) finanziert Umbauten, sofern diese einfach und zweckmässig sind. Das Gesuch ist vorgängig zu stellen. Reichen die finanziellen Mittel der Familie nicht aus, hilft auch Pro Infirmis weiter.