«Orest – Trojas Schatten» im Theaterpavillon, Luzern: Es regiert der blinde Wahnsinn

Das Luzerner Theater Nawal knöpft sich einen antiken Stoff vor. Was hat das mit uns, mit dem Heute zu tun?

Regina Grüter
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Menelaos (Philipp Arnet) mit Gattin Helena (Andrea Kammermann) und der anklagenden Troerin (sitzend, Anna Stammler).

Menelaos (Philipp Arnet) mit Gattin Helena (Andrea Kammermann) und der anklagenden Troerin (sitzend, Anna Stammler).

Bild: Ingo Höhn/PD

Noch lange über sein Ende hinaus wirft der Krieg um Troja seinen Schatten. Elektra wartet sehnlichst auf die Rückkehr ihres Bruders Orest aus dem Exil, auf dass er den Mord des Vaters räche.

Das Theater Nawal feierte am Mittwoch unter Leitung des Regisseurs Reto Ambauen Premiere mit dem Stück «Orest – Trojas Schatten», eine Tragödie nach Euripides, Sophokles und Aischylos von John von Düffel.

Zeitlos und doch zeitgenössisch zugleich

Orest (Marcel Grüter) wird zum Muttermörder und versucht verzweifelt, seine Tat vor sich selber zu rechtfertigen: Gott Apollon habe ihn dazu gezwungen. Aber eigentlich ist er hier Spielball seiner Schwester Elektra (Vera Lichtsteiner), die als grausame Kindfrau mit Teddybär dargestellt wird.

Bühnenbild und Kostüme transferieren das Ganze ins Heute – und doch bleibt es zeitlos. Ein Schiffscontainer nimmt den ganzen mittleren Bühnenraum ein und dient sowohl als Schiffskörper als auch als Haus der Atriden in Argos und Sparta zugleich; und als Vorhang, der durch die Flügeltür geöffnet und geschlossen wird, Figuren auf- und abtreten lässt. Man könnte leicht den Überblick verlieren ob der vielen Figuren und ihrer familiären Verbindungen. Aber das Spiel ist intensiv, und die Konflikte im dialoglastigen Stück werden greifbar.

Die Kostüme, an die 1960er-­Jahre erinnernd, sind schlicht, in Braun-, Grau- und Schwarztönen. Zum Zeichen der Macht dient den Herrschern Aigisthos (Florian Fischer) und Menelaos (Philipp Arnet) ein feines, über die Schultern gelegtes Tuch. Sie tragen Turnschuhe. Überdies finden ein paar zeitgenössische Requisiten Eingang ins Stück, wie ein Baseballschläger, ein elektrischer Anzünder oder ein Chromstahl-Martinishaker.

Antike Stoffe liegen im Trend

Auch das Luzerner Theater wartet nächsten Samstag mit der Premiere eines antiken Stoffes auf: «Troja – Ein Antikenzyklus nach Euripides» in einer Bearbeitung von Melinda Nadj Abonji – nach «Ödipus Stadt» 2016 und «Alkestis!» im letzten Jahr. Diese Saison lässt sich der Trend gar an allen grösseren Theatern der Deutschschweiz festmachen. Warum? «Aischylos, Sophokles und Euripides behandeln komplizierteste Familienverhältnisse, voller Mord und Totschlag, Ehebruch und Betrug über Generationen hinweg», schrieb Valeria Heintges in der «NZZ am Sonntag». ­«Zudem entstanden die Dramen in Kriegszeiten; die Themen Flucht, Migration, Rache und Vergebung sind deshalb allgegenwärtig.» Regisseur Milo Rau inszenierte die «Orestie» mit «Orest in Mossul» direkt vor dem Hintergrund des Irakkriegs, bei Reto Ambauen ist es der Container. Und der Chor der Troerinnen trägt gelbe Westen.

Schwach sind in «Orest – Trojas Schatten» die Männer; sie lassen sich manipulieren. Als Pendant zum heutigen religiösen Fanatiker überträgt Orest die Verantwortung für sein Tun auf die Götter und findet doch keine Erlösung. Ein Rückschritt zur «Orestie» von Aischylos, worin das Prinzip der individuellen Rache überwunden wird. Stark sind die Frauen wie Elektra und ihre Schwester Chrysothemis – die beiden Gegenpole; die eine ist vom idealisierten Bild des Vaters geblendet, die andere sieht die grösseren Zusammenhänge und masst sich nicht an, Selbstjustiz zu üben. Chrysothemis vergibt, um weiterleben zu können.

«Vergebung als einziger Ausweg aus der Gewaltspirale ist wohl auch heute noch eine fast übermenschliche Anstrengung», so Ambauen. Eine alte Erkenntnis. Die alten Griechen sind zeitlos aktuell, weil sie, vor dem Hintergrund des Krieges, die Conditio humana verhandeln. Und das ist stark gespielt vom Theater Nawal.

«Orest – Trojas Schatten», Theaterpavillon, Luzern. Nächste Vorstellung: heute, 20 Uhr; bis 8.2. www.voralpentheater.ch.