Es richtig zu machen ist nicht immer richtig

Sie hat eine gute Stimme und tolle Musiker: Das neue Album von Martina Linn hält nicht ganz, was es versprechen könnte.

Pirmin Bossart
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Martina Linn, Singer Songwriterin.

Martina Linn, Singer Songwriterin.

Bild Tabea Huberli

«Little Heartbreaker» ist ein schnippischer Auftaktsong für das neue Album von Martina Linn. Auf «When The Curtain Finally Part» schleicht sich ein sehnsüchtiges Country-Feeling ein. Wieder etwas entschlackter und federnd tönt «I will Run», das zermantschte Gitarrensolo ist ein hübscher Kontrapunkt. Auf «After The Snow» wird der Puls langsamer und die Stimmung inniger. So geht es weiter, zehn Songs lang, mal dynamischer, mal beschaulicher, mal gefälliger. Nur überrascht wird man auf diesem Album nicht.

Die Engadinerin Martina Linn kam vor Jahren für die Ausbildung an der Hochschule Luzern-Musik nach Luzern. Sie fiel als eine Singer Songwriterin auf, die nicht nur interessante Vorbilder hatte (Eva Cassidy, Neil Young), sondern auch besser Gitarre spielte und sang als die meisten Singer Songwriterinnen, die damals das Song-Handwerk entdeckten.

Nach zwei folkigen Pop-Alben scheint Martina Linn diesmal noch dezidierter auf die eingängige Kost des countryesken Mainstream-Pop zu setzen. Man möchte ihr nie wünschen, dass sie dereinst in der Servelat-Liga des Pop landet, mit dem das Schweizer Publikum mehr denn je abgefüttert wird. Die Musikerin winkt ab. Sie empfinde ihre Musik überhaupt nicht als Mainstream, hält sie mit Nachdruck fest. «Ich habe noch nie etwas mit der Absicht gemacht, dass ich im Radio gespielt werde.»

Im Gegenteil: Nach dem zweiten Album hatte sie ihre alte Band aufgelöst und wollte neu herausfinden, was aus ihr herauswollte, was stimmig für sie war. Zur Vorbereitung für ihr neues Album zog sie sich zurück und schrieb mit relativ leichter Hand rund 20 neue Songs. «Dass dabei auch viele Pop-Balladen entstanden sind, hat mich selber überrascht.»

Das goldene Mittelmass gewählt

Umso schwieriger fiel ihr diesmal die Auswahl der Songs. Entschieden hat sie sich für einen Mix aus countryesken Pop-Songs und Americana- und Roots gefärbtem Material, in denen auch die Rock-Anteile spürbar werden («Win What Yesterday Lost», «Hailing Distance»). Mit Hank Shizzoe (Steel-Guitar), Urs Müller (Gitarre), Andi Schnellmann (Bass), Hendrix Ackle (Hammond) und Patrik Zosso (Schlagzeug) hat sie einige der besten Instrumentalisten an Bord. Linn selber spielt mehr elektrische Gitarre denn je.

Trotzdem vermissen wir die Ecken und Kanten. Das Besondere. Was und wie etwas klingt, ist zu abrufbar. Das ist zwar Geschmackssache und von daher machen Produzent und Musiker nichts falsch – aber manchmal ist das auch nicht richtig. Schönheit ist nur schön, wenn sie eine subtile Differenz, eine Eigenheit in sich trägt. Warum hat Linn das goldene Mittelmass gewählt und nicht einen innovativeren Weg gesucht?

Der Musikkritiker hüte sich vor Projektionen: Martina Linn ist keine «Hipsterin», die möglichst coole Indie- oder Electro-Sounds braucht, um sich zu definieren. Warum sollen wir von ihr ein zeitgenössisch-urbanes Pop-Album erwarten, das weniger «altbacken» produziert ist, wenn das nichts mit ihr zu tun hat? Ihr Herz gehört der traditionellen Musik, es schlägt für Americana, Sheryl Crow und andere Roots-gefärbte Pop-Protagonistinnen.

Diesen Frühling wird sie ein paar Monate in die USA reisen. «Ich sehne mich nach Weite, nach Ruhe. Ich will reiten, das Land entdecken, der traditionellen Musik auf die Spur gehen, neue Sachen schreiben.» Sie bleibt dran, macht ihr Ding und wird es irgendwann allen zeigen. F**k you, Nörglers!

Hinweis

4. Dezember 2019, Schüür: Martina Linn, Plattentaufe

Martina Linn: Win What Yesterday Lost, CD, 2019