Erste Schauspielpremiere am Luzerner Theater: «Es soll eine Ouverture werden»

Der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó über das Mystische der Vierwaldstätterseeregion. Am Samstag inszeniert er auf einem Schiff die erste Schauspielpremiere zum Saisonauftakt des Luzerner Theaters.

Interview: Julia Stephan
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Regisseur Kornél Mundruczó.  Bild: Stefan Kaiser (Luzern, 5. Sept. 2018)

Regisseur Kornél Mundruczó. Bild: Stefan Kaiser (Luzern, 5. Sept. 2018)

Kornél Mundruczó, als Sie die Landschaft um den Vierwaldstättersee zum ersten Mal erblickt haben, was ging Ihnen da durch den Kopf?

Ich war überrascht. Ich wurde gar nicht mit diesem typischen Luzern-Bild konfrontiert. Klar ist der See ein Postkartenmotiv. Gleichzeitig hat er auf mich aber auch eine mystische Ausstrahlung. Dieses Wundersame, Mystische wird grösser, je länger ich mich hier aufhalte. Der Genfersee wirkt viel lieblicher dagegen.

Das Spannende ist ja, dass 200 Jahre Tourismus­geschichte die Wahrnehmung dieser Landschaft stark beeinflusst haben. Geht es Ihnen darum, mit der Inszenierung «Traumland» diese Sehgewohnheiten zu ändern?

Das lässt sich schwer sagen. Wir setzen in erster Linie auf die Macht des Geschichtenerzählens. Die Dramatikerin Kata Wéber hat eine fiktive Liebesgeschichte geschrieben. Wir werden mit dem Realen und dem Unwirklichen spielen. Und wir werden eine Brücke schlagen zwischen unserer Existenz und den vielen übersinnlichen Kräften, die da draussen existieren – oder auch nicht.

Inszeniert wird auf einem Schiff. Wie muss man sich die dramaturgischen Kniffe vorstellen, derer Sie sich bedienen?

Wir haben uns für das Format einer geführten Schiffstour entschieden, die wir auf dem Ausflugsschiff MS Saphir durchführen werden. Erweitert wird diese Schiffstour mit gesprochenem Text, auditiven Eindrücken von der Basler Komponistin Xenia Wiener und kleinen Land-Art-Interventionen am Ufer.

Wird das Ufer mitspielen?

Ja und nein. Der wichtigste Mitspieler überhaupt ist aber die Dunkelheit. Als Zuschauer steigt man in der Abenddämmerung beim KKL in das Schiff, irgendwann verschwinden Küste und Landschaft, und man ist in der Dunkelheit mit dem Text konfrontiert. Ich bin nicht sicher, wie viele Luzerner schon nachts auf dem See herumgeschippert sind.

Welche Protagonisten am Ufer haben sich gefunden? Die Christus-Statue am Meggenhorn?

Wir haben versucht, den Fokus auf einen einzigen besonderen Ort zu legen, statt auf viele einzelne. Dafür haben wir das Grundstück um das seit Jahren verwaiste Hotel St. Niklausen gewinnen können. Bei unseren Proben in der Dunkelheit brannte dort spätabends zu unserer Überraschung manchmal ein mysteriöses Licht. Wir fanden hier diese Ambivalenz zwischen der Leichtigkeit eines schönen Ortes und dieser unglaublichen Schwere, die auf diesem unheimlichen Hotel lastet.

Sie spielen in Ihren Filmen und Theaterstücken sehr häufig mit religiösen Motiven. Wie würden Sie ihr Verhältnis zur Religion beschreiben?

Es ist mehr unser gemeinsamer kultureller Hintergrund mit seinen Symbolen und Ritualen, der mich interessiert. In meiner Arbeit spiele ich vor allem mit dem Thema des Glaubens. Das muss kein religiöser Glaube sein. Mich interessiert ganz generell: Können wir ohne Glauben überhaupt leben? Ich persönlich glaube, nein. Wenn wir das Vertrauen und den Glauben in unsere Werte verlieren, verlieren wir etwas von unserer Menschlichkeit.

In meiner Jugend sah ich den Thriller «Kontroll» Ihres ungarischen Kollegen Nimród Antal, der in der Budapester U-Bahn spielt. Auch Ihre Filme spielen oft im Untergrund. Ist diese Düsternis ein ungarisches Phänomen?

Die ungarische Kultur kennt keine typische Ästhetik wie andere osteuropäische Länder. Die Ansätze sind oft sehr persönlich und speziell. Man darf nicht vergessen, dass die ungarische Sprache auf dem europäischen Kontinent wegen ihrer speziellen Wurzeln ein sehr einsames Dasein fristet. Ungarn ist eine kleine Nation. Die Suche nach einer anderen Perspektive, nach den eigenen Wurzeln sowie die Suche nach Antworten auf existenzielle Fragen sind wichtig bei uns.

Trotzdem, das Dunkle, Schwermütige ist auffällig oft anzutreffen. Wie kommt’s?

Ich betrachte Ungarn als Brücke zwischen Westen und Osten. Nicht nur wegen der geografischen Lage, sondern weil wir zu gleichen Anteilen östliche wie westliche Ästhetiken kennen. Für mich liegt das Östliche auch im Sehnen nach dem Unbekannten. Und auf der anderen Seite ist da eben auch die westliche Kultur, die ihre Anliegen deutlicher formuliert. Beides ist wichtig.

Brauchen Sie den internationalen Austausch?

Unbedingt! Du kannst so leicht in deiner eigenen Welt, deiner eigenen Logik versinken und vergessen, dass andere genau an denselben Themen arbeiten. Die Theaterszene in Budapest und aber genauso auch an anderen Orten ist ein solch geschlossener Kreis. Weil man dort oft vergisst, nach aussen zu blicken. Man wähnt sich im Glauben, man bringe die besten Stücke, nichts dringt von aussen hinein. So eine Mentalität halte ich für gefährlich.

In der Medienmitteilung ist von «neuen Ufern» die Rede, die «Traumland» ansteuern will. Ein programmatisches Stück zur Saisoneröffnung?

Ich stellte mir mit der neuen Schauspielleiterin Sandra Küpper die Frage, was Theater alles sein kann. Muss alles immer auf einer Bühne stattfinden? Wir suchten nach einer dramatischen Geste, welche die neue Schauspielästhetik am Luzerner Theater erfahrbar machen soll. Es soll eine ­Ouverture werden, die zu Diskussionen anregt. Die grossen Produktionen auf der Bühne kommen dann auch noch.

«Traumland» Regie: Kornél Mundruczó. Premiere: Sa, 8.9., 20.30 Uhr auf dem Motorschiff Saphir. Besammlung an der Brücke 5 beim KKL. 10-mal bis 19.9.