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Das Lucerne Festival Orchestra auf Asien-Tournee: «In China wächst ein Publikum der Zukunft»

Das Festival-Orchester tourte unter Riccardo Chailly durch China: Davon profitieren das Orchester, Lucerne Festival und Luzern.
Urs Mattenberger, Shanghai
Ein Blick in die Shanghai Symphony Hall. (Bilder Geoffroy Schied/Lucerne Festival)Ein Blick in die Shanghai Symphony Hall. (Bilder Geoffroy Schied/Lucerne Festival)
Zwei Musiker des Lucerne Festival Orchestra stimmen sich ein. Zwei Musiker des Lucerne Festival Orchestra stimmen sich ein.
Gelöste Stimmung vor Beginn des Konzertes in Shanghai.Gelöste Stimmung vor Beginn des Konzertes in Shanghai.
Zwei Posaunisten tauschen sich aus.Zwei Posaunisten tauschen sich aus.
Ein Hornist stimmt sein Instrument.Ein Hornist stimmt sein Instrument.
Das Lucerne Festival Orchestra bei einer Probe in Shanghai mit Chefdirigent Riccardo Chailly. Das Lucerne Festival Orchestra bei einer Probe in Shanghai mit Chefdirigent Riccardo Chailly.
Die Musikerinnen und Musiker begeben sich auf das Konzertpodium der Shanghai Symphony Hall. Bilder: Geoffroy Schied/Lucerne Festival (Shanghai, 17. Oktober 2019). Die Musikerinnen und Musiker begeben sich auf das Konzertpodium der Shanghai Symphony Hall. Bilder: Geoffroy Schied/Lucerne Festival (Shanghai, 17. Oktober 2019).
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Das Lucerne Festival Orchestra auf Tournee: «In China wächst ein Publikum der Zukunft»

Fragt man Chinesen nach ihren Vorstellungen von europäischen Ländern, wird klassische Musik nicht genannt. Und das obwohl der Klassikmarkt in China boomt. Das beweisen chinesische Künstler wie Lang Lang und umgekehrt die wachsende Zahl europäischer Orchester, die in China auf Tournee gehen – wie diese Woche zum dritten Mal unter der Leitung von Riccardo Chailly das Lucerne Festival Orchestra.

Gemäss einer Umfrage denken Chinesen im Fall der Schweiz an Berge und Uhren, bei Deutschland an Karl Marx oder Wurstwaren und bei Italien an Murano-Glas – und dass Italien ein bisschen wie China sei. Dazu passt in der Megametropole Schanghai (20 Millionen Einwohner) der Verkehr, der sich im Zentrum frei, aber umsichtig durch Strassen und – mit mehr Elektrorollern statt Velos – über Trottoirs bewegt. Und den Widerspruch zwischen Boom und Ahnungslosigkeit in Sachen Klassik erlebt, wer sich zu Fuss durchschlägt zum Konzerthaus des Shanghai-Sinfonie- orchesters, wo das Festivalorchester nach Auftritten in Peking diese Woche drei Konzerte gab.

Konzertsaal abseits von Skyline und Massenevents

Denn fragt man Passanten nach dem Weg, kennt kaum einer das Orchester und sein vor fünf Jahren eröffnetes Konzerthaus. Dafür zücken alle eifrig das Handy, um ein paar Häuserblocks weiterzuhelfen. Schliesslich findet man es in der «Französischen Konzession», die neben der Hochhausskyline den Charme der Kolonialzeit bewahrt. Unter einer elegant geschwungenen Dachwelle, deren Form an Metrostationen erinnert, bietet es nur 1200 Sitzplätze. Schon diese äusseren Dimensionen widersprechen frappant dem Klischee von Klassikmassenevents, die Lang Lang populär machten.

Die akustischen Qualitäten sprangen einen in den Konzerten des Festival­orchesters denn auch förmlich an. Der Klang ist klar und direkter als im KKL, und obwohl er über weniger räumliche Resonanz verfügt, mischt er sich ausgezeichnet. Die Aufführung von Mahlers sechster Sinfonie, mit einem sich in weiten Bögen entfaltenden, glühenden Flow im langsamen Satz, übertraf die Premiere in Luzern an Intensität und Bündigkeit. Hier wurde greifbar, wie das Orchester unter Chailly seine Tradition als Mahler-Orchester in neuer Form weiterführen könnte.

Tags darauf entfaltete im Rachmaninow-Programm dessen dritte Sinfonie über alle Detailschärfe hinaus eine vielschichtig fliessende Strahlkraft, während der sensationelle 17-jährige Solist Alexander Malofeev dem dritten Klavierkonzert zu funkelnder Leichtigkeit verhalf. Tschaikowskys vierte Sinfonie überwältigte durch ein auf höchstem Energielevel wild entfesseltes und ausgeschüttetes Füllhorn an orchestralen Gesten und Farben.

Tourneen ermöglichen Spitzenleistungen

Wieso fördern Tourneen solche künstlerischen Spitzenleistungen? «Als Projektorchester kommen wir in Luzern nur während zwei Wochen zusammen», sagt Raymond Curfs, Solopauker beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: «Wenn wir erstmals wieder zusammen ein Konzert geben, steht das auch etwas unter der Spannung, nichts falsch zu machen. Auf Tournee haben wir die Werke und ihre Interpretation mehr verinnerlicht und spielen freier. Die Spannung ist ebenfalls da, aber sie hat eine andere Qualität.»

Freier – das betrifft auch das Verhältnis zwischen Orchester und Dirigent. «Als Projektorchester haben wir mit Chailly über die vier Jahre erst insgesamt zwei, drei Monate lang zusammengearbeitet», rechnet Curf zusammen: «Da braucht es länger, bis man miteinander vertraut wird, auch deshalb sind die Tourneeerfahrungen wichtig.» Diesbezüglich war auch für Curfs Mahlers Sechste in Schanghai ein Schlüsselmoment: «Da hat alles Sinn gemacht: Wie wir Chaillys Gestaltung aufgefasst haben und wie er umgekehrt dem Orchester mehr Freiheit gelassen hat.»

Das bestätigt der Geiger Raphael Christ, der die Idee eines Musizierens unter Freunden verkörpert, mit der Abbado das Orchester einst gründete. Als Konzertmeister (abwechselnd mit Gregory Ahss) sitzt er seinem Vater Wolfram als Stimmführer der Bratschen gegenüber, seine Schwester spielt die erste Harfe, seine Verlobte in den zweiten Geigen. «Das führt schon zu sehr emotionalen Momenten,» sagt Christ.

Beweglich und flexibel

Aber diese Verbundenheit ist für ihn ein Grundmerkmal des Orchesters: «Ich bin quasi mit diesem Orchester aufgewachsen, mit Musikern, mit denen ich schon im Gustav Mahler-Jugendorchester gespielt habe. Daraus hat sich eine gleiche Art zu atmen gebildet, die auch neu hinzukommende Mitglieder infiziert». Das Vertrauen, auch zwischen Orchester und Dirigent, das sich daraus ergibt, merke man von Konzert zu Konzert mehr und eben auch auf dieser Tournee darin, «wie beweglich und flexibel» beide aufeinander reagieren.

Vor allem Individualtouristen ansprechen

Für den Luzerner Ivo Gass, Solohornist im Tonhalle-Orchester Zürich, gehört diese Freiheit vor allem zur Topprofessionalität des Dirigenten Riccardo Chailly: «Bei ihm entwickelt sich alles ganz organisch. Er gibt einem in den Soli Zeit und übernimmt immer im richtigen Moment wieder die Führung», sagt er: «Das Problem dieses Orchesters ist, dass man es immer mit seiner Geschichte vergleicht. Ich finde es phänomenal, was Chailly mit diesem Orchester und der Qualität an Musikern, die es versammelt, aufbaut.»

Was verspricht sich Lucerne Festival darüber hinaus davon, wenn es sich in den Klassikboom in China einklinkt? Will es Luzern und das Festival in China bekannter machen, um von da Besucher zu gewinnen? «Das ist durchaus ein Aspekt. Aber natürlich möchten wir damit vor allem Individualtouristen ansprechen,» sagt Intendant Michael Hae­fliger und verweist auf einen Gast aus China, der letzten Sommer in Luzern 30 Festivalkonzerte besuchte. Anderseits sei die Präsenz in China mit seinem rasch wachsenden Klassikmarkt heute ein Muss für ein Orchester, das sich international an der Spitze positionieren will. Beides ist wichtig, so Haefliger, weil in China «ein Publikum der Zukunft nachwächst».

Der Klassikboom erfasst jetzt 80 Millionenstädte

Wie muss man sich die Dynamik dieses Klassikmarkts vorstellen? Woher kommt das Interesse des auffällig jungen Publikums mit einem Durchschnittsalter von rund 35 Jahren? «Der Klassikboom ist selber noch jung und setzte erst vor 10, 15 Jahren richtig ein,» erklärt am Rand einer der Promoveranstaltungen Maggie Zheng vom Tourneeveranstalter Wu Promotion: «In dem Mass, in dem Eltern über mehr finanzielle Mittel verfügten, wollten sie ihren Kindern eine umfassende Bildung ermöglichen. 80 Prozent schicken ihre Kinder in den Instrumentalunterricht oder in Tanz- und Kunstkurse.»

Parallel dazu entstehen massenhaft Theater und Konzertsäle auch in «kleinen Städten» mit eins bis drei Millionen Einwohnern, von denen es in China rund 80 gibt. Sie werden bespielt von jungen Künstlern; Orchester, Programme und das Publikum sind im Aufbau begriffen.

Internationale Orchester geben sich in den Metropolen die Klinke in die Hand, in Peking, Shanghai, Guangzhou oder Shenzhen, wo das Festivalorchester seine Tournee beendet. In der Regel sind aber auch hier die Tourneekosten selbst bei ausverkauften Häusern nicht zu decken und man ist auf Sponsoren angewiesen.

Ausverkauft sind die Wiener oder Berliner Philharmoniker, die «auch Leute kennen, die keine Affinität zur Klassik haben», erklärt Maggie Zheng und räumt ein: «Das Lucerne Festival Orchestra gehört zwar zu den besten Orchestern der Welt, verfügt aber hier noch nicht über diese Bekanntheit.» Ein Beispiel dafür, wie man das durch langfristige Promotion ändern kann, ist die Staatskapelle Dresden: «Vor zehn Jahren war sie in China vergleichsweise wenig bekannt. Heute sind ihre Konzerte praktisch ausverkauft.»

Gemessen an den sensationellen Konzerten, den begeisterten Beifallsstürmen des chinesischen Publikums und den Warteschlangen für ein Autogramm von Riccardo Chailly sind die Chancen dafür auch für das Festival­orchester Spitze. Und auch die Tournee für nächstes Jahr ist bereits gebucht.

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