Essay
Als Politdichter, Liebesdichter oder Erinnerungsdichter: Sagen, was ist – mit Erich Fried

Für Generationen war er mit seinen Liebes- und Politgedichten ein Leitstern. Am 6. Mai wäre Erich Fried 100 Jahre alt geworden.

Jürg Halter
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Erich Fried bei einer Lesung 1987.

Erich Fried bei einer Lesung 1987.

Andree/Ullstein Bild (Ostberlin, August 1987)

Hier schreibt ein noch lebender über einen 1988 verstorbenen Dichter, der in diesen Tagen 100 Jahre alt geworden wäre. Fast könnte man meinen, ein solches Jubiläum wäre Voraussetzung, um an Erich Fried zu erinnern. Dabei sind seine besten Gedichte noch immer so gegenwärtig, dass sie zum Nachdenken anregen, um nicht zu sagen: zum Denken stören. Und das war Fried: ein Stördichter. Kein Schöndichter. Ein Politdichter. Kein Harmoniedichter. Ein Liebesdichter. Kein Neutralitätsdichter. Zweifellos sah das Fried selbst schlichter: Bereits 1938, als ihn, nach der Flucht vor den Nazis aus Wien, ein Mitarbeiter des «German Jewish Refugees Committee» in London nach seinem Berufswunsch fragte, antwortete der Siebzehnjährige: «Deutscher Dichter.»

Durch Direktheit zeichnen sich auch seine Gedichte aus – etwas, das ihm seine zahlreichen Kritiker zeitlebens vorwarfen. Während sich sein von ihm geschätzter Dichterkollege Paul Celan nach der Ermordung seiner Eltern durch die Nazis aus Überlebensschuld der Verständlichkeit immer mehr verweigerte, immer hermetischer dichtete, schrieb Fried über die Ermordung seines Vaters und seiner Grossmutter unmissverständlich:

«Meine Grossmutter? / Die kam als Mädchen aus deiner Gegend / und ist schon lange Rauch und Lagerasche».

Aber auch er wusste, dass «unser eigenes Wort uns / unten zerschmettern kann». Fried war ein Warndichter, der vom Holocaust schmerzhaft anschaulich Zeugnis ablegte:

«Wenn sie sich räkeln im Bett / versuchen sie strammzustehen / um verschont zu werden / bei der Aussonderung der Kranken».

Im Gedicht «Vorahnung des Endsiegs» fragt er:

«Was bleibt? // Nichts als die Qual / seine Qual / überlebt zu haben».

Hinsehen und Missstände beim Namen nennen

Fried liess sich zeitlebens von niemandem vereinnahmen, das machte ihn immer wieder zum Feindbild. Sein Sinn für Ungerechtigkeit war unbestechlich. So fragte er 1967 im israelkritischen Gedicht «Höre, Israel»:

«Als wir verfolgt wurden / war ich einer von euch / wie kann ich das bleiben / wenn ihr Verfolger werdet?»

Auch seine Vietnam-Gedichte, die den «Befreier» Deutschlands, die USA, hart angingen, wurden in Deutschland nicht gerne gehört, nicht zuletzt der nobelpreiswürdige Doppelmoralist Günter Grass griff Fried für Verse, wie sie in «Einleuchtend» zu lesen sind, an:

«Es kann nicht sein / dass die Amerikaner / ohne Notwendigkeit / vietnamesische Kinder verbrennen».

Fried konnte nicht anders als hinzusehen und Missstände beim Namen zu nennen:

«Erinnern / das ist / vielleicht / die qualvollste Art / des Vergessens / und vielleicht / die freundlichste Art / der Linderung / dieser Qual».

In «Lob der Verzweiflung» heisst es:

«Aber ohne den Mut zur Verzweiflung wäre vielleicht / noch weniger Würde zu finden / noch weniger Ehrlichkeit / noch weniger Stolz der Ohnmacht gegen die Macht / Es ist ungerecht die Verzweiflung zu verdammen / Ohne Verzweiflung müssten wir alle verzweifeln».

Schreiben, «was man nicht schreiben darf».

Fried war ein Engagementdichter, der schreiben wollte, «was man nicht schreiben darf». Im Gedicht «Verstandsaufnahme» klagt er über Obrigkeitsgläubigkeit:

«Ein Heer von Bedummern / will sie zur Selbstverherrschung erziehen (…) seht die Verleidigung der Würde des Menschen».

Frieds Kampf, den er zumeist aus seinem Londoner Exil, in dem er bis zu seinem Tod lebte, für eine gerechtere Welt führte, hatte teilweise erschreckende Konsequenzen für ihn. Das Gedicht «Sprachliche Endlösung», basierend auf einem realen Fall, erzählt davon, wie eine «Hinrichtung auf der Strasse» zu einem «gezielten polizeilichen Todesschuss» und zuletzt, von der Berliner Polizei, zu einem «finalen Rettungsschuss» verharmlost wurde. Fried-Gedichte wurden daraufhin aus Schulbüchern entfernt und ein CDU-Politiker wollte seine Arbeiten gar «verbrannt wissen».

Der Erinnerungsdichter Fried bleibt aktuell mit Zeilen wie:

«Was keiner / geglaubt haben wird / (…) wird dann wieder / das gewesen sein // was keiner / gewollt haben wollte».

Ebenfalls als gegenwärtig liest man den nüchternen Realisten: «Wiedergutmachung / (als gäbe es die) / zu zahlen mit einem / winzigen Bruchteil / der Ausgaben für die Rüstung».

Er wusste auch, was er sich selbst zumutete, denn wenn ein Dichter «Unglück hat / reissen die Worte / ihn auseinander».

Selbstironische Reflexion seiner Rolle

Wahrscheinlich war Fried des Aufsehens um seine Person oft auch müde. Aber wohin konnte er sich schon zurückziehen?

«Ich will versuchen / mich nicht mehr / um Verständlichkeit zu bemühen / nur zurück zu gehen zu mir / in ein Zuhause / von dem ich fortging / und das es nicht mehr gibt».

Seine Rolle als Öffentlichkeitsdichter reflektierte er zuweilen auch selbstironisch, so etwa im Gedicht «Lebensaufgabe», wo es heisst: «So hinter dem Unrecht herzujapsen / wie ich / kann einen mit tiefer / Befriedigung erfüllen». Oder in «Fragen eines engagierten Dichters» resigniert:

«Wie lange werdet ihr brauchen / um über das / was ich sage / nicht mehr empört zu sein?»

Fried schrieb von der Freiheit, den Mund aufzumachen. Er schrieb Liebesgedichte für die Freiheit und Freiheitsgedichte für die Liebe. Manchmal wollte er aber einfach in einem Du «verschwunden sein». In «Was es ist», dem bekanntesten seiner «Liebesgedichte», einer Sammlung, die sich unglaubliche 300'000-mal verkaufte, konstatiert er:

«Es ist lächerlich / sagt der Stolz/ Es ist leichtsinnig / sagt die Vorsicht / Es ist unmöglich / sagt die Erfahrung / Es ist was es ist / sagt die Liebe».

Sagen, was ist: Frieds höchster Anspruch

Sagen, was ist: Das war Frieds höchster Anspruch. Ohne Wenn und Aber. Er wollte seiner Zeit «Fahne sein / oder ein / Fetzen der Fahne». Viele seiner Gedichte stehen noch heute unverblasst auf Fahnen-Fetzen und Papier geschrieben und sollten unbedingt gelesen werden, denn auch was Erich Fried gegen das Leben geschrieben hat, ist «für das Leben geschrieben».

Und auch was er für den Tod geschrieben hat, «ist gegen den Tod geschrieben». Zum Schluss dieser angewandten, kleinen, höchst subjektiven Fried-Anthologie ein Hinweis des toten, doch so lebendigen Jubilars:

«Wer / von einem Gedicht / seine Rettung erwartet / der sollte lieber / lernen / Gedichte zu lesen // Wer / von einem Gedicht / keine Rettung erwartet / der sollte lieber / lernen / Gedichte zu lesen».

Erich Frieds Gedichte sind in Originalversionen und vielerlei Zusammenstellungen nach wie vor und vor allem im Wagenbach-Verlag erhältlich.

Jürg Halter, 40, Schriftsteller, Essayist und Lyriker, lebt in Bern. Anfang Jahr ist sein Gedichtband «Gemeinsame Sprache» im Dörlemann-Verlag erschienen.